Be

Der heutige Song heißt „Be“ und  ist als Teil des Soundtrack-Albums zu „Jonathan Livingston Seagull“ eigentlich kein „Lied“ im eigentlichen Sinne, sondern eher ein musikalisches Thema, das immer wieder aufgegriffen und variiert wird.

Lee Holdridge mit der musikalischen Umsetzung des Herzschlags als Lebensrhythmus und vor allem Neil Diamond, der in die knappen Worte dieses Stücks unfassbar viel Bedeutung gelegt hat, schaffen hier eine Verbindung von Jonathans Seele zu der des Hörers. Eine Aufforderung zur Identifikation mit der Möwe als Parabel auf ein Menschenleben, eine Anleitung zur Erfahrung vollkommener Erfüllung. Aber fangen wir von vorne an.

Richard Bachs Roman handelt von der Möwe Jonathan, die anders ist als der Schwarm. Die Artgenossen nutzen ihre Fähigkeiten nur, um das tägliche Überleben durch Fischfang zu sichern – Jonathan findet seinen Lebenssinn in der Flugkunst und möchte darin möglichst perfekt sein. Die anderen Möwen verstehen seine Leidenschaft nicht und grenzen ihn aus, was ihn aber selbst über den Tod hinaus nicht davon abhält, seinen Enthusiasmus und seine Einsichten weitergeben zu wollen.

 

Natürlich stehen die Möwen hier für die menschliche Gesellschaft, das Fliegen für das stetige Lernen und Streben nach dem Unbekannten. Bachs Vorlage liegen die Theorien des philosophischen Existenzialismus zugrunde, in denen die Existenz, also das „Sein“, der Essenz, dem „Haben“ von Materiellem vorausgeht. Neil knüpft mit seinem Text hier an: „Sei!“

In der ersten Strophe stellt er uns Jonathan vor, wie die Handlung ihn beschreibt. Alleine am Himmel („wie gemalt“) vor einer malerischen Szenerie, die Wolken „hung for the poet’s eye“. Nur die Augen der Künstler vermögen diese Schönheit wahrzunehmen, während sich die Normalmöwe wahrscheinlich gerade in einem unromantischen Hafenbecken um Fischabfälle zankt. Die höheren Sphären des Himmels vs. die schnöden Alltagsabläufe am Boden…Aber davon ist Jonathan weit entfernt:

 

There
On a distant shore
By the wings of dreams
Through an open door
You may know him
If you may

Hier wird die Verbindung zum Publikum hegestellt. Die Möwe ist zwar körperlich „an einer entfernten Küste“, aber dennoch erreichbar „by the wings of dreams / through an open door“ – wenn man es durch Geist und Seele vermag, wenn man auch jemand wie Jonathan ist, wird man ihn finden und erkennen. „If you may“. Und so geht die eher beschreibende Einleitung vollständig in ein spirituelles Manifest über, das die Kerngedanken der literarischen Vorlage und der filmischen Umsetzung kongenial in einem mitreißenden Refrain zusammenfasst.

Sei

Wie eine Seite, die sich nach Worten sehnt
Die von einem zeitlosen Thema künden
Indes die Sonne Gottes Dich führt

Sing

Wie ein Lied, das nach stummem Ausdruck sucht
Und der eine Gott wird Dich auf Deinem Weg führen

Hier kommt Gott hinzu, für den man sich öffnen und als dessen Werkzeug man sich verstehen soll. Neil wählt den Ausdruck „Sun God“, der sowohl die christliche als auch andere monotheistische Religionen („the one God“) betrifft und somit universelle Bedeutung beinhaltet.

Die menschliche Existenz ist hier Werkzeug einer höheren Macht, der Mensch Gefäß und Matritze, die Seele Raum der Wahrheit. Eine solche Existenz lässt einen die Schönheiten des „Seins“ erkennen und befähigt zu intensiven Verbindungen:

Und wir tanzen
Zu einer geflüsterten Stimme
Von der Seele mitangehört
Vom Herzen ausgeführt

Und Du wirst sie erkennen
Falls Du sie erkennen kannst

Das Leben ist nicht weiter unkoordiniert, es ist mit Sinn erfüllt. Ein „Tanz“ ist geordnete Bewegung im Austausch mit Mittänzern, anhand eines bestimmten Rhythmus, hier ist nichts zufällig. Der Rhythmus, von dem Neil singt, ist nur mit Anstrengung wahrnehmbar, „geflüstert“.

Ohnehin braucht man dafür nicht die Ohren als normales „Hör“-Sinnesorgan, den Tanz des Lebens erfühlt man mit Herz und Seele, und genauso erkennt man seine Mittänzer…Während andere, die diese Lebensmelodie nicht wahrnehmen können, wahrscheinlich verständnislos zusehen, für sie ist die geflüsterte Stimme nicht existent und der „Tanz“ als solcher nicht erkennbar, die verknüpfte Freude nicht nachvollziehbar.

Während der Sand

Zu Stein wurde
Der den Funken hervorbrachte
Der zum Lebenskorsett wurde

Heilig, heilig
Sanctus, sanctus

Es braucht einen individuellen zündenden „Funken“, der Lebenssinn bringt. Erfüllung, Mission. Jonathan lässt uns nachdenken – fliegen wir, um zu leben? Oder leben wir für das Fliegen? Sei ein Jonathan, nicht Teil des Schwarms.

Be“ begleitet uns als Melodie vielfach variiert durch den Film. Sie symbolisiert Jonathan und seine Mission, ein wunderschönes und sehr berührendes Stück.

Leider gefällt mir der Film (im Unterschied zur Novelle) weniger, ich empfinde ihn als extrem langatmig.  Der Soundtrack dazu ist hingegen kongenial geschrieben. Neil hat einen Grammy dafür bekommen, sehr verdient, finde ich – allerdings hätte Mr. Holdridge für seine Leistung sehr viel mehr credit erhalten müssen.

Meine Lieblingsversion der JLS-Suite gab es zur letzten Tour, ganz großartige, symbolhafe Einspielfilme und eine perfekte Einbindung in die Show, die wirklich hingerissen hat. 🙂