I’ve Been This Way Before

Leider, leider und nochmals leider wurde der Song nicht rechtzeitig fertig, um Teil des „Jonathan Livingston Seagull“-Soundtracks zu werden, den er um ein grandioses Highlight bereichert hätte. Aber auch auf Serenade macht sich der Song bestens.

„Ich war so schon zuvor“ lautet der Titel, und das Thema ist Reinkarnation. Wir behalten Jonathan und „Be“ im Hinterkopf und den Begriff einer „Wiedergeburt“, der allumfassender ist als der rein christlich-bekehrende Gedanke. Viele Religionen und Philosophien bedienen sich der Vorstellung, dass ein Gedanke, eine „Seele“ sich über den Tod hinaus wieder manifestieren und somit fassbar, fühlbar gemacht werden kann. Neil hat ein Lied dazu geschrieben, und er führt uns komplett durch den Kreis.

„I’ve seen the light” heißt es am Anfang, noch sparsam instrumentiert. Ein Beginn, der schon mehr impliziert, schließlich “sieht man das Licht” bei Nahtoderlebnissen. Berichte dazu schildern ein helles Licht, auf das der Sterbende zustrebt, es ist beruhigend und verlockend, “And I’ve seen the flame”, Symbol für Erkenntnis, Wärme und Inspiration.

Neil als Sprachrohr (Jonathans…) ist sich sehr bewusst, dass sein jetziges Dasein nicht singulär ist, dass er „so schon zuvor“ existiert hat und dass es weitere derartige Übergänge geben wird:

And I’ve been this way before
And I’m sure to be this way again

Diese Klarheit, das Wissen um die eigenen Existenzübergänge, umfasst auch weniger schöne Erfahrungen, er wurde teils “zurückgewiesen”, doch jedes Negativum wird unmittelbar wieder ausgeglichen, “And I’ve been regained” folgt direkt im Anschluss.

Im Originaltext hören wir das „refused“ auch nur einmal, in allen folgenden Refrains singt Neil „released“ – er hat Zurückweisung und Kränkung hinter sich und losgelassen, er kennt den ewigen Kreis, alles wird sich fügen.

And I’ve seen your eyes before
And I’m sure to see your eyes again

Diese Zeilen sind nicht zufällig gewählt. Das Auge symbolisiert das Bewusstsein, es ist “Spiegel der Seele”. In der Philosophie wurde es mit der Sonne (Licht! Flamme! aha!) verglichen, die christliche Ikonographie verwendet das Auge zur Darstellung von Gottes Allwissenheit. Platon sah es als Verkörperung des menschlichen Geistes. Neil greift hier also das Motiv der Reinkarnation, der Wiederentstehung auf; mentale Kraft, Erkenntnis, wird über jeden Verfall bestehen bleiben.

Die Refrains steigern sich dabei in der Intensität des Vortrags und im Arrangement, so wird die jeweilige Aussage unterstützt, der Song klingt mit jedem „and“ am Zeilenbeginn immer „mächtiger“, hymnischer und mitreißender. Passend dazu ändern sich auch die Textzeilen bis hin zu “And I’ve sung my song before / And I’m sure to sing my song again“, wiederum eine besondere Zeile. Klar, Neil ist bekannt für den persönlichen Bezug in seinen Texten, aber auch als reiner „Vermittler“ der Song-Aussage, ggf. für die Möwe Jonathan, ist der Begriff „Song“ besonders sprechend.

Gesang verbindet Sprache (mit dem Ziel der Kommunikation, des „Erreichens“ eines Gegenübers) mit Musik, mit emotionalem Appell. Gesang begleitet den kompletten Lebenskreis vom Kinderlied bis zum rituellen Gesang bei Zeremonien. Neil spricht von einem besonderen, ‚“my song“, und natürlich ist er auf einer weiteren Ebene eine Person der Popmusikszene, er gehört zum Leben seiner Fans und ist zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Lieds auch darüber hinaus „präsent“. Sein Text überschreitet hier die Grenzen eines normalen Popsongs, und genau das möchte er im Gesamtzusammenhang dieses Stückes auch erreichen. Some people got to sing.

Am Ende kontrastiert er „Some people never see the light / Until the day they die“ mit der eigenen Erkenntnis „But I’ve been released…“. Jegliche Grenzen von Vorstellung sind aufgehoben, die eigene Existenz nicht limitiert. Jonathan kann tatsächlich so hoch fliegen, wie er will. Der Song endet, passend zum Bild eines Kreises, so ruhig und musikalisch-einfach, wie er begonnen hat. One more time again…

Im Buch gibt es eine Passage, die man mit diesem Song in Verbindung bringen kann:
As it had shined across him all his life, so understanding lighted that moment for Jonathan Seagull. They were right. He could fly higher, and it was time to go home.
He gave one last long look across the sky, across that magnificent silver land where he had learned so much.
“I’m ready,” he said at last.
And Jonathan Livingston Seagull rose with the two starbright gulls to disappear into a perfect dark sky.

Was für ein faszinierender, inspirierender Song. Wie gesagt, einer meiner allerliebsten, ever, und eins von Neils echten Meisterwerken!

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

Das könnte Dich auch interessieren …