Dry Your Eyes

Dem glanzvollen Schlussakt von „Beautiful Noise“, das uns als Konzeptalbum auf Neils Weg zur Popgröße begleitet. So endet es also für den „Stargazer“. Jahre mit Selbstzweifeln, verkaufter Liebe und verletzten Gefühlen liegen hinter ihm und gehen auf im Triumph der Bühnenerfahrung. Einmal tief luftholen 😉

Da ist er nun angekommen auf der ganz großen Bühne. Man sieht ihn trotzig die Augen wischen und mit festem Schritt seine Position einnehmen. Wir stehen im Publikum, der Nachmittag ist jung und Neils Tonfall ist feierlich-rezitierend, hier wird Wahrheit verkündet…und tatsächlich, schon in der ersten Strophe hat er erkannt „if you can’t recall the singer, you can still recall the tune“. Es ist die Musik, die bleibt, um ihn als Person geht es gar nicht so sehr und die Performance ist seine Bestimmung. „Dry your eyes and play it slowly, like you’re marching off to war / Sing it like you know he’d want it, like we sang it once before“. Es ist eine ernsthafte Aufgabe, die er da angeht, eine Rolle, die er ausfüllen will und muss.(Der Vergleich mit dem „in den Krieg ziehen“ ist sehr martialisch und zeigt, dass es hier nicht um ein lustiges Tralala und leichtes Vergnügen geht. Es ist ihm bitterer Ernst!)

„Aus dem Mittelpunkt des Kreises mitten in die wartende Menge“, er trägt sein Lied zu seinem Publikum und dort wird es bewahrt werden. Unabhängig von seinem Lebensweg, egal, ob man sich an seinen Namen erinnern wird. Trockne Deine Augen, denn das Lied wird überdauern, long and loud, sing it like you know he’d want it, auch wenn der Sänger längst Geschichte ist. Ja, trockne Deine Augen, was für eine Perspektive.
Wir hören ihm weiter zu und „er lehrte uns mehr über das Geben als wir je erfahren wollten / aber wir kamen, das Geheimnis zu ergründen und wir werden es nie loslassen“. Nein, das werden wir gewiss nicht nicht, denn auf der Bühne wird gerade die ultimative Erfahrung greifbar und wir sind Teil davon. „Es war mehr, als heilig zu sein, oh, es war weniger, als frei zu sein“ – Gefangener des Publikums, der direkten Reaktion so vieler Menschen, der Interaktion zwischen Bühne und Fans. Das ist quasi magisch, unvergesslich für alle Beteiligten und „if you can’t recall the reason, can you hear the people sing“. Er ist in ihren Herzen, hat sie erreicht und sie sind erfüllt von den Liedern und der Musik.

Etwas Großartiges findet statt und auch das Vokabular im letzten Refrain bedient sich jetzt an Großartigkeit, Naturgewalt und religiöser Symbolik: Durch Blitz und Donner zur dunklen Seite des Mondes…Bezieht er den „fallenden Engel“ als memento mori mit ein? Ah, die ganz große diamondsche Geste. Und hier ist der Song dazu.
Come dry your eyes, die Musik bleibt. Dauert allerdings meist ein wenig, wieder zu landen nach so einem Konzert. Ein Song für das letzte Salut.