You’re So Sweet

You’re So Sweet

Neil gibt hier mal den Midwestern Country Boy. Seine Aussprache ist ländlich-extra-breit, das Mädchen der Wahl heißt Mary Lou Jane (ein Landei-Name vom Feinsten) und in der Studioversion des Songs wird Dover City erwähnt . Das ist ein relativ uninteressantes Provinzkaff in Ohio. Aber die Stadt scheint ihm ohnehin nicht so zu liegen, die Damen von dort nennt Mr. Diamond „females“, Weiber/Weibchen… bezeichnenderweise nicht Girls, Ladies oder adäquat.

Er mutet uns im Laufe des Songs wieder einiges zu. Beim ersten Hören finden wir ein nettes Bonbon, es schmeckt nach Country-Liebelei, gemütliches Arrangement mit lieb-harmlosem Titel. Du bist so süß, der Mondschein in Kentucky kommt nicht an dich ran, deine Augen verursachen mir Gänsehaut bis runter zu den Zehen…Süßholz vom Feinsten. Aber schon in Zeile zwei schrecken wir kurz aus dem Schaukelstuhl. So süß, dass Pferdefliegen um ihr Gesicht schwirren? Bitte, was? Die normale Lovesong-Assoziation wäre wahrscheinlich wirklich Honig, Blütenduft – jedenfalls etwas Zarteres als die lästigen Fliegen. Aber wir befinden uns nunmal eher auf einer Farm als im Beautysalon.

Auch sonst ist seine Mary irgendwie außergewöhnlich. Erstmal erfahren wir zumindest teilweise mehr darüber, wie sie aussieht. Fehlende Vorderzähne – kein Schönheitsideal, aber gerade das macht das Küssen zum besonderen Erlebnis, meint er. Und sie ist ihm treuer ergeben als sein Hund…wir halten den Schaukelstuhl an… und gar zweimal so hübsch wie das Tier, ja das will was heißen. Oh je, das ist schon wieder ein Kompliment, das wohl die wenigsten Frauen zu schätzen wissen. Tja, das war wohl nichts mit entspannter Landidylle, Neil greift die gängigen Klischees solcher Lovesongs auf und parodiert sie, wobei er doch im Genre bleibt. Sein „you’re so sweet“ ist trotz aller Alberei ernst gemeint und nicht etwa abwertend.

Denn die Gute kann offenbar sehr überzeugend sein – sie nimmt sogar mutig am Rodeo teil (bull riding/wrestling ist eine lebensgefährliche Disziplin), zwingt mit einem tiefen Blick die wilden Stiere binnen Sekunden in die Knie und gewinnt lässig den Wettbewerb. „Critters“ ist wohl ein wenig verniedlichend für dieses Kaliber (damit werden eigentlich eher kleinere Haustiere bezeichnet), aber dieser Ausdruck zeigt, wie locker dieses Mädchen mit den kraftstrotzenden Tieren umgeht, die den stärksten Cowboy in kürzester Zeit unsanft in den Staub befördern können. Das treibt sogar dem Testosteron-Held Neil die Tränen in die Augen!

Eine Besonderheit der Studioversion dieses Liedes sind Neils Kommentare zur eigentlichen Liedzeile, mit denen er seinen Text betont. „Hee, you got your front teeth missin‘“ – da muss er selber lachen, um direkt „oh, feels so good“ zu seufzen. Interessant auch seine Anmerkung zur Aussprache von „Rodeo“, die ironisch auf seine hier nur für diesen Song angenommene Rolle als Landei hinweist (Neil verbrachte allerdings vier Jahre seiner Kindheit weit im Westen, in Wyoming)…Das Versmaß zwingt ihn, die eher urban-britische/US-Ostküsten-Betonung Ródeo zu wählen, woraufhin er kommentiert „Or is it Rodéo?“ Ja, das wäre wohl die übliche Aussprache-Version für echte Cowboys, haha!

Ein ganz niedlicher Song ist das, der auf mehreren Ebenen mit Klischees spielt. Mary Lou Jane ist um Vieles interessanter als die üblich-langweiligen grazilen Schnepfen. Die HAN-Version des Liedes hat deutlich mehr Tempo und verzichtet aus technischen Gründen auf Neils Kommentare, aber insgesamt auch hier: aaaaawwwwww!

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

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