Stagger Lee

Stagger Lee

Steigen wir mal wieder in die Fachthematik ein! „Stagger Lee“ ist zwar ein Cover vom „September Morn“-Album, Neil hat den Song nicht geschrieben, aber das Lied ist thematisch hochinteressant.

Es geht in dem Song um die wahre Geschichte des buchstäblich umhauenden “Stagger” Lee (Shelton), der seinen Freund Billy (Lyons) ausgerechnet an Weihnachten im Streit getötet hat. Und zwar Anno 1895. Beide gehörten dem Zuhältermilieu an.

Woher der Spitzname “Stagger” kommt, ist unklar, da es auch verschiedene Schreibweisen des Namens gibt. Stagger, Stagolee, Stackerlee…
Die genauen Umstände der tatsächlichen Tat sind nach all den Jahren nicht mehr rekonstruierbar, aber Stagger Lee ist einer der ganz fiesen Figuren, die Songs bevölkern können. Kaltherzig und dann auch noch schwarz… (Der historische Mr. Shelton war Afroamerikaner.)

Neil wählt die düstere Textversion. Es gibt tatsächlich eine zahmere Variante, in der die Herren um eine Lady streiten und keine Toten vorkommen, aber bei ND kommt untypischerweise keine Frau ins Spiel. Stattdessen fließt Blut. Dabei fängt es so harmlos-melodisch an, eine klare Nacht mit „gelbem“ Mond und sachte fallenden Blättern…

Die Geschichte im Song wird von einem unbeteiligten ND erzählt:

I was standing on the corner
When I heard my bulldog bark
He was barking up at the two men
Who were gambling in the dark

Der bulldog ist ein Wachhund. Sein Bellen signalisiert Gefahr. Denn redliche Spaziergänger werden von dieser meist bestens trainierten Schutzhund-Rasse nicht verbellt, da muss schon etwas in der Luft liegen. Die zwei Männer sind natürlich Lee und Billy, und die Tatsache, dass sie spät nachts Karten spielen anstatt brav am heimischen Herd zu weilen, ist verdächtig. Stagger Lee ist, wie wir hören, auch reichlich schlechter Laune. Er hat bereits alles an Billy verloren, „all sein Geld“ und den „brandneuen Stetson Hut“. Uh, das riecht nach Ärger und Lee kündigt definitiv nichts Gutes an, „Ich kann Dich so nicht davonkommen lassen“.

Stagger Lee eilt dann umgehend nach Hause, um seine Pistole zu holen. Er schmeißt also nicht einfach in einer wütenden Aufwallung den Tisch um und schlägt um sich, sondern plant seine Schritte. Das wird ein Mord, kein Totschlag.

Da der Songtext zu großen Teilen aus wörtlicher Rede besteht, können wir uns ein direktes Bild von Stagger Lee machen. “I’ m going to the bar room / Just to pay that debt that I owe” sagt er zynisch, und schuldet dem armen Billy sicher keine Kugel. So handelt kein anständiger Mensch, und es wird noch schlimmer, denn der arme Billy bettelt um sein Leben:

“Stagger Lee”, cried Billy
“Oh, please don’t you take my life
I got me three little children
And a very sickly wife”

Die verzweifelten Appelle nutzen nichts. Stagger Lee schießt lässig auf und durch Billy, „That the bullet came through Billy / And went right through the bartender’s glass” – so dass wir uns den geringen Abstand vorstellen können und wie Stagger Lee dem armen Billy in die Augen sieht, während er abdrückt. Trotz Frau und Kindern, mitleidlos. Was für eine Moritat bekommen wir da geschildert, kein Wunder, dass Neils Hund bellt…

Stagger Lee Shelton und William „Billy“ Lyons lebten damals in St. Louis und ihre grausame Geschichte wurde durch den Song unsterblich. Neil fügt das Stück mit seinen bluesigen Wurzeln in seine „September Morn“-Umgebung ganz passend ein. Der einfach strukturierte Text wirkt durch die viele wörtliche Rede sehr unmittelbar, wir teilen die Beobachterposition, sind voll in der Szenerie und so schockiert das Geschehen so direkt, als wären wir tatsächlich Zeugen der Tat. Wir verabscheuen Lee spontan. Auch wenn der Song im Barmilieu spielt und Billy nicht beim Kirchgang getötet wird, sind die Sympathien auf seiner Seite, er hat eigentlich nichts falsch gemacht, es gibt keinen konkreten Hinweis auf gezinkte Karten.

Die Diamond-Version ist grundsätzlich ansprechend, aber ohne die bleibenden Eindrücke anderer Versionen. (Wobei Nick Caves mit weiteren, recht expliziten Zeilen versehenes Schwulendrama dann doch too much war).

Stagger Lee hat im Lauf der Zeit einige Wandlungen durchgemacht, vom bösen Schwarzen zur Symbolfigur gegen Repressalien durch “Weiße”.

Neil Diamond singt uns situativ und farbneutral von menschlichen Abgründen. Go, Stagger Lee

 

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

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