Practically Newborn

Practically Newborn

Das Lied beschreibt in drei kurzen Strophen mit jeweils zweiteiligem Refrain einen kontrastreichen Entwicklungsprozess. Neil wechselt von einer Beziehung in die nächste und ändert dabei auch seine persönliche Perspektive, sein Verhalten.

Es beginnt mit Weglaufen, Flucht, Heimlichkeiten, Verbergen. Die Situation bekommt ihm nicht, schmerzt, „it ain’t gonna work“, er muss sich befreien. Um weitere Verletzung zu vermeiden, macht er sich etwas vor, „tryin‘ to make believe I could leave love alone“. Dass dies nicht funktionieren wird, ist klar, Liebe ist ein Grundbedürfnis und ein „Herz aus Stein“ kann man nicht herbeireden.

Zeit für den ersten Refrain: Liebe annehmen, ja warum eigentlich nicht? Und „give all the love that I got“ war ihm bisher nicht möglich, aber: „you opened up my door“. Und das ist das Stichwort, denn er fühlt sich so gut wie neugeboren für seine neue Liebe. Und er ist bereit, einiges, alles für sie zu geben, „anything you want“.
Die letzte Strophe zeigt dann den Kontrast zur ersten. Er flieht nicht mehr, sondern hat „seinen Weg gefunden“, der ihn „aus seinen Zweifeln und Befürchtungen“ führt. Goodbye to tears, wie schön. Voraussetzung dafür ist die neue Liebe, „stay around me, baby“, sie soll bleiben und ihm zeigen, was er gefunden hat, wenn er nicht vergessen kann, was ihn heruntergezogen hat. Practically born for you, aus dem Schmerz wächst neue Liebe.

Neil entwirft uns eine knappe Skizze, er benötigt wenige Worte, die sich teils wiederholen. Aber es sind die Grundvokabeln des Lebens, die jeder versteht, und wir folgen ihm auch durch sein nacktes Sprachgerüst. Running, hiding, hurt, alibi’n, tryin‘, heart made of stone, love, open, practically newborn. Mehr braucht es nicht, wir füllen die Lücken mit eigener Erfahrung und verstehen.

Dürre Worte, und auch das Arrangement lässt uns außen vor. Von großen Emotionen wird wenig transportiert, auch nicht durch Neils Gesang. Das Gewicht dieses Songs liegt auf der Bewegung, er ist fast tanzbar, man wird aber nicht in das Bild hineingezogen. Vielleicht ist das ein Tagebucheintrag von Neil, der Text passt in seine Biographie, „Velvet Gloves“ entstand in der Trennungsphase seiner ersten Ehe.

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

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