Hurtin’ You Don’t Come Easy

Hurtin’ You Don’t Come Easy

Auch dieser Song kommt geradewegs aus dem Herzen. Wir finden keine komplizierten rhetorischen Figuren und müssen keine versteckten Bedeutungsebenen suchen, hier wird Klartext gesprochen. In jeder Beziehung. Auch sprachlich ist der text ungekünstelt, wir finden umgangssprachlich verkürzte Endungen bei „hurtin‘“ und grammatikalisch ist das „don’t“ im Titel natürlich unter aller Kanone.
Aber Dichter dürfen das – ins Versmaß passt kein „doesn’t“, und so bleibt auch der anglistische Adrenalinspiegel niedrig.
Neils Text ist das Ergebnis eines längeren Prozesses, emotional und rational. „Dich zu verletzen ist nicht leicht, weiß Gott!“ Aber es muss wohl sein, und seine Gründe legt er uns im Lied dar. Lange hat er sich gefragt, was passiert ist, wo die Liebe geblieben ist. „Warum die Quelle versiegt ist“. Grübeln allein hatte keinen Zweck und er zieht seine Konsequenzen:

I stopped askin’ why
Girl, the well’s gone dry
Time to say the words I’m sayin’
And Hurtin’ You Don’t Come Easy
God only knows,
Hurtin’ You Don’t Come Easy
But I need to go

Er hat abgeschlossen und wird sie verlassen. Keinesfalls unbewegt, es lässt ihn nicht kalt und er weiß genau, wie ihr das wehtun wird. „Weiß Gott”. Und einst war die Beziehung erfüllend, aber konnte dem Leben nicht standhalten. Seine Gefühle haben sich mit der Zeit verändert, er selbst ist anders geworden und somit seine komplette Lebenssituation.

Thought we had it once
But what was once, was once
Time can change
Both dreams and dreamers
And Hurtin’ You Don’t Come Easy
God only knows
Hurtin’ You Don’t Come Easy
But I need to go

„Die Zeit kann sowohl Träume als auch die Träumer selbst verändern”, eine schmerzhafte und reife Erkenntnis, aber er spricht sie aus, weil er muss. In seinem Innersten weiß er, dass er diesen Schmerz nicht verhindern kann, wenn er sich selbst treu bleiben will. „Ich muss finden, was ich bisher nicht gefunden habe / Vielleicht werde ich danach suchen / Bis zum letzten Tag meines Lebens”. Sehr hart, aber ehrlich. Obwohl er selbst noch nicht weiß, was er eigentlich vermisst, ist ihm ein halbgares Leben, der Spatz in der Hand, nicht genug. Er sucht nach vollkommener Erfüllung, auch wenn das auf Kosten eines “kleinen” Glücks geht.

I need to find what I ain’t found
I’ll may be lookin’ for it
Till the last day I’m alive
Don’t ask me what I’ll do
Don’t ask me where I’m bound
I just know I’m not alive
Unless I can get up and try
And Hurtin’ You Don’t Come Easy

Die Verlassene mag die Zeilen “Don’t ask me where I’m bound” eher als Schlag ins Gesicht empfinden. Deutlicher kann er nicht ausdrücken, dass er ein anderes Leben beginnt, in dem sie keine Rolle spielt. Wie wichtig ihm diese Selbstverwirklichung ist, drückt er mit dem Satz „Ich weiß nur, dass ich nicht lebendig bin / Solange ich mich nicht aufmachen und es versuchen kann“ aus. Er will leben, fühlen, er-leben und die jetzige Situation ist für ihn das Gegenteil. Abgestumpftheit, Paralyse, Tod. Ein krasses Bild, und deshalb muss er Schmerz verursachen, um nicht selbst unterzugehen.

Eine schwierige, mutige und letztendlich starke Entscheidung.

God only knows…

Und wir sind über die Hintergründe im Bilde. Ob er für Jaye tatsächlich so klare Worte gefunden hat? Es geht die Legende, dass er klassisch „Zigaretten holen“ ging und die Familie aus heiterem Himmel verließ, aber wie es wirklich war, wissen eben nur die Beteiligten. Seine Lieder aus dieser Phase sprechen jedenfalls überdeutlich.

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

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