Free Man In Paris

Free Man In Paris

Und es folgt mal wieder ein Fremd-Text. Macht nüscht, kann man ja auch mal anhören.
Diesen Song hat Joni Mitchell geschrieben, Anfang der 70er, für ihren Agenten, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. Oder noch verbindet? Ich bin nicht informiert.

Man urlaubte damals ein paar Tage in Paris, France, und ließ Seele und Gehirn baumeln. Das Business konnte warten. Und genau diese Stimmung spiegelt sich in diesem Lied, der Kontrast zum Alltag:
Zu Beginn werden wir in die Szenerie gesetzt. „If I had my way“, es geht um Wunschvorstellungen, und die drehen sich um die Champs Elysées, Cafés und Cabarets. Aha, wir sind tatsächlich in Paris. Und dort denkt Neil (hier hören wir ja seine Performance, seine „Stimme“) über seinen Alltag nach.

The way I see it, I just can’t win it
Everybody’s in it for their own game
You can’t please them all
There’s always somebody callin’ you down

Wahre und weise Worte. Nein, man kann es nicht allen recht machen. Und schon gar nicht „gewinnen“. Es wird immer jemanden geben, dem die eigenen Handlungen missfallen und der sie negativ sieht. Was der eine als Erfolg wertet, findet ein anderer grauenvoll. Hier spricht Neil wohl als Erfolgsmensch „I do good business“, „a lot of people asking for my time”, viele wollen mit ihm “befreundet” und „a very good friend“ sein. Aber sein Tonfall ist eher melancholisch, er selbst scheint diese Tatsachen nicht als Jubelanlass zu nehmen. Im Gegenteil.

“In Paris war ich ein freier Mensch, ich war frei und lebendig / Da war niemand, der mich um Gefallen bat / Niemandes Zukunft, über die ich entscheiden musste“. Er scheint seinen Alltag, der doch grundsätzlich von Erfolg gekrönt scheint, als Fessel, als Belastung wahrzunehmen. (Die „Entscheidung“ über anderer Leutes Zukunft ist natürlich eine Referenz zur Agententätigkeit von Mitchell’s Freund.) „Weißt Du, ich würde morgen dorthin zurückgehen“ heißt es, aber da ist der Job, „Stoking the star maker machinery / Behind the popular song“, the show must go on, es gibt kein Entrinnen aus der Künstlerbranche. Auch wenn er resümiert „Lately I wonder what I do it for“.

Der Song schließt den Kreis, am Ende denkt er wieder über die Pariser Szenerie nach, seine Gedanken finden sich wieder auf der Champs Elysée. Dort, wo er fernab des Business frei sein kann – und vielleicht sogar einen wahren Freund finden könnte. „Thinkin‘ how I feel when I find that very good friend of mine“.

Eine melancholische Abrechnung mit Menschen und Tätigkeiten in der Branche. Paris gilt als Sinnbild einer Stadt der Liebe und der Künste, hier ein Symbol für Freiheit des Tuns und des Empfindens. Daheim kann man den beruflichen und privaten Anbiederungen nicht trauen.

Wer oder was entscheidet über Erfolg oder Scheitern? Sind die “guten Freunde” wirklich welche? Der Songtext suggeriert, dass es sich wohl eher um Schmarotzer handelt. Paris verspricht in seiner Vorstellung dagegen die Loslösung von Alltagszwängen, Wahrhaftigkeit und Freiheit. Free Man in Paris.

Neil hat sich entschlossen, diesen Song zu covern und vielleicht verbindet er etwas mit diesem Inhalt.

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

Das könnte dich auch interessieren …