Another Day That Time Forgot

Another Day That Time Forgot

Die heutige Großartigkeit bringt uns zurück auf den Boden des Alltags. Raus aus dem Museum, weg von komplizierter Symbolik. Die bittersüße Wahrheit über die Liebe ist, dass man sie aktiv festhalten muss. Von beiden Seiten. Sonst stellt man eines Tages fest, dass sie fort ist, einfach so. Was ist passiert? Und wann?
Einem Neil Diamond ergeht es da nicht anders.

„Noch ein vergessener Tag“ ist das Thema. Genau der, an dem die Liebe abhanden kam. Neil wählt die Erzählform und sein Song ist ein Duett. Die Sätze betreffen beide, es ist eine Geschichte von zwei Liebenden, die alles hatten und es doch verloren, aus keinem besonderen Grund. Verfolgen wir mal den Aufbau:

„Ein sonniger Nachmittag / verleugnet meinen besorgten Blick / Über die Jahre verbunden / Hat es uns irgendwie in verschiedene Richtungen verschlagen“. Die Sonne scheint, alles ist, wie es sein soll. Nach außen hin. Innerlich weiß Neil, dass da nichts in Ordnung ist, man hat sich auseinander gelebt. Einfach so. Und dieses schleichende Auseinanderdriften, die unbemerkte Entfremdung fasst er in der Klammer „Was on a day that time forgot“ zusammen, keiner weiß genau, wann der Anfang vom Ende begonnen hat. „Oh no“ singt Neil, aber es ist zu spät, niemand hat den Verlauf aufgehalten. Er bereut das.

„Ich hätte Dich festhalten sollen bis der Sturm vorüber war / Wir hatten sonst nichts mehr, an dem wir uns hätten festhalten können / Du hast zu viel gesagt / Aber nicht das, was mich mit Dir verbindet“. Was für eine schmerzliche Strophe. Jede Beziehung geht durch Höhen und Tiefen, aber wenn man nichts Verbindendes mehr sieht, wenn man nicht mehr reden kann, wird ein „Sturm“ alles zerstören: „Wir beide ließen es einfach los / Sahen es nicht gehen, haben es nichtmal versucht / Ich wusste nur, dass wir weiterzogen / Plötzlich war es fort, man weiß nicht warum“. Oh no.

Das ist nicht die Fortsetzung, die man sich im Kino erträumt, wenn sich die Liebenden am Ende in die Arme sinken. So darf es doch nicht ausgehen! Wo ist das große Gefühl hin? Wie kann es einfach so gehen? Reality bites, und so resümiert Neil:“Ich habe keinen Grund dafür / Jedenfalls keinen, den ich verstehe / Es verschwand einfach so / Schlüpfte mir durch die Finger.“ Keiner von beiden hat der Liebe ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt, so konnte sie unbemerkt verschwinden an irgendeinem dieser Tage. Ohne Drama und doch ist da ein großer Schmerz.

„Wir hatten es einst, aber wir haben es einfach fallen lassen / Hätten es festhalten sollen, hätten alles haben können / Ich denke an das Leben, das wir hätten haben können / Verloren das, was wir hatten, irgendwo auf dem Weg.“ Die späte Erkenntnis tut weh, und in der letzten Strophe wird deutlich, dass da doch noch Gefühl vorhanden ist. (Naja, es ist schließlich ein Neil-Diamond-Song…) Alle bisherigen Strophen behandelten die Vergangenheit, nun erfahren wir etwas über das Heute:

„Ich wachte wieder alleine auf / Die vage Erinnerung an einen Traum in meinem Kopf / Du verbrachtest den Tag mit mir / Folgtest mir nachts in mein Bett“. Ja, auch das war an einem vergessenen Tag. Damals. Und vielleicht könnte es noch so sein, wenn –ja, wenn die beiden etwas achtsamer gewesen wären, ihre große Liebe bewahrt hätten. So bleibt am Ende nur der Seufzer „Oh no“ und die Erinnerung an ein Gefühl. Er wacht allein auf, es gibt keine neue Liebe, er lebt in der Erinnerung an vergessene Tage.

Ein Song, so schmerzlich schön wie das Leben. Seufz.

Aleta

NDFan seit 1989 und bisher nicht mehr losgekommen. 1999, 2008, 2011, 2015 und 2017 in London, Köln und Oberhausen, Mannheim, Amsterdam und Hamburg live dabei. 🙂

Das könnte dich auch interessieren …