Pretty Amazing Grace

Native speakern -und nicht nur denen- fällt bereits im Titel die enge Verbindung mit spirituellem Liedgut auf. „Amazing Grace“ ist eins der bekanntesten und verbreitetsten Kirchenlieder weltweit. Es geht darin um die „erstaunliche Gnade“ Gottes, durch die nach allem Leid Schutz und Rettung gewährt wird.

Und da klingeln bei uns die Glocken. Denn Schutz und Rettung nach dem Leid, dafür ist bei Mr. Neil Diamond eher die Dame zuständig. (Wir denken auch an „Walk On Water“ oder „Lady Magdalene“, wo der sprichwörtlich Angebeteten quasi Gottgleichheit verliehen wurde.)
Schauen wir mal genauer hin.

Neil versieht den zitierten Titel mit einem ergänzenden „pretty“, das „ziemlich“ oder auch „hübsch, charmant“ o.ä. bedeuten kann. So wie „grace“ entweder mit „Gnade“ oder „Grazie, Anmut“ übersetzt wird. Einstieg in einen Text, der bis zum Ende verschiedene Lesarten ermöglicht. Geht es um die Liebe zu Gott oder zu einer Frau?

Ganz schön erstaunliche Gnade ist das, was Du mir gezeigt hast
Ganz schön erstaunliche Grazie ist das, was Du bist
Ich war ein leeres Gefäß
Du hast mich erfüllt
Und mit erstaunlicher Gnade meinen Stolz wiederhergestellt

Wer ist das angesprochene „Du“? Jemand, der sein Leben mit Sinn erfüllt und ihm gleichzeitig Mut und Zuversicht gibt. Unabdingbare, lebensnotwendige Zuversicht.

Ziemlich erstaunliche Gnade ist, wie Du mich gerettet hast
Und mit erstaunlicher Grazie mein Herz regeneriert hast
Liebe inmitten von Chaos
Ruhe in der Hitze des Krieges
Zeigtest mit erstaunlicher Gnade, was Liebe bedeutet

Findet er Frieden in der Religion? Oder gibt es da jemanden, der für ihn da ist, ihm zeigt, was wichtig ist?

Ab hier werden die religiösen Bezüge enger. Neil verwendet den altertümlichen Ausdruck „wretch“, Wicht/unglückliches Wesen, der direkt in der ersten Zeile von „Amazing Grace“ vorkommt. („Amazing grace, how sweet the sound / That saved a wretch like me!“). Hier heißt es:

Du hast mir meine Gefühllosigkeit nachgesehen
Und meinen Versuch, Dich dann in die Irre zu führen
Du hast einem Unglücklichen wie mir beigestanden
Deine ziemlich erstaunliche Gnade war alles, was ich gebraucht habe

Ich stolperte in den Eingang Deiner Kapelle
Gedemütigt und eingeschüchtert durch alles, was ich erfahren hatte
Schönheit und Liebe umgab mich
Befreite mich von meiner Furcht
Ich hatte um erstaunliche Gnade gebeten und Du bist erschienen

Du hast den Verlust meiner Hoffnung und meines Glaubens überwunden
Gabst mir eine Wahrheit, an die ich glauben konnte
Du hast mich zu einem erhabenen Ort geleitet
Zeigtest mir Deine erstaunliche Gnade
Als Gnade das war, was ich gebraucht habe

Puh. An dieser Stelle holen wir mal ganz tief Luft. Hier wissen wir wirklich nicht mehr, wovon Neil spricht. Das Vokabular ist das eines klassisch demütigen Gläubigen – aber sollte er tatsächlich über romantische Liebe sprechen, ist das sehr, sehr viel an Aussage. Und doch kennen wir diese Haltung, diamondsches Grundkonzept, er macht sich klein und fühlt übermächtige Dankbarkeit seiner Liebe gegenüber, auf die er eher zufällig und mit letzter Kraft gestoßen ist. (Schließlich ist er in den Eingang „gestolpert“ und nicht etwa festen Schrittes marschiert…). Am Ende des Songs finden wir weiterhin nur Doppeldeutigkeit. Spiritualität oder Romantik? Es bleibt uneindeutig.

Ich sehe in einen Spiegel, sehe Dein Abbild
Öffne ein Buch, Du lebst auf jeder Seite
Ich falle und Du bist da, um mich aufzuheben
Teilst jeden Weg, den ich erklimme
Und mit erstaunlicher Grazie zerstreust Du meine Seele

Ich kam zu Dir mit zunächst leeren Taschen
Als ich zurückkehrte, war ich ein reicher Mann
Glaubte nicht, dass Liebe meinen Durst stillen könnte
Aber mit erstaunlicher Gnade zeigtest Du mir, dass sie es kann

In Deiner erstaunlichen Gnade hatte ich eine Vision
Von dem erstaunlichen Ort, an den ich gekommen war
In die Nacht war ich gewandert
Zog ziellos umher
Fand Deine erstaunliche Gnade, um mich zu trösten

Tja, was machen wir jetzt daraus? Erfüllt von seinem Gefühl, erfüllt von Präsenz und „Sinn“ hat er seinen Weg wiedergefunden. In der Gesamtschau könnte man tatsächlich darauf schließen, dass Neil eher eine Frau anspricht als Gott, wobei er sie dann tatsächlich spirituell erhöht. (Die Zeile über den „gestillten Durst“ weckt z.B. auch Assoziationen zu Psalm 23, wo Gott als „guter Hirte“ den Durstigen zum „frischen Wasser“ führt. Und die „Nacht“ in Neils Song findet die Parallele zum „finstern Tal“ an dieser Bibelstelle.)

Wow, was für ein Song. So intensiv, das man atemlos zurückbleibt. Und was meint Herr Diamond himself? Er wurde in Interviews natürlich auf den Inhalt dieses Textes angesprochen, aber er hilft uns nicht weiter. Das Lied handele von der „Perfektion der Liebe“ und was die genaue Bedeutung anginge, wäre die für jeden Hörer anders.

Pretty amazing, würde ich sagen.  Ich tendiere zur Interpretation als romantischen Song. Wunderbar!