Yesterday’s Songs

Heute begeben wir uns in den Easy-Listening-Bereich und nehmen uns einen von Neils wenigen 80er-Hits vor. Tja, zu den „Songs von gestern“ hatte er tatsächlich ein paar Dinge zu sagen!

Sein Text -bei aller Einfachheit- ist recht interessant strukturiert. Das Titelthema samt Auskleidung finden wir in der Songmitte:

Nämlich die Vergänglichkeit von Popsongs, die genau wie die „Neuigkeiten von gestern“ und vergangene Befindlichkeiten („yesterday’s blues“) mit dem Verstreichen der Zeit irrelevant werden. Worte, gar „Reime“, die heute verzaubern und hinreißen, sind morgen schon uninteressant, erreichen niemanden mehr und verklingen ungehört. „They’re here and they’re gone“. So ist das wohl. Wir hören sehr häufig das Wort „gestern“, wir schauen also zurück. Aber nichts ist so weit entfernt wie gestern gesprochene Worte, gehörte Nachrichten, gefühlte Wahrheiten. Heute ist heute und alles muss neu in Zusammenhang gebracht werden. Die Welt dreht sich schnell weiter und man kommt schlecht hinterher, ist verwirrt und teilweise hilflos. Woran soll man sich festhalten?

Aber halt, das hier ist doch ein Neil-Diamond-Song, und natürlich hat ND eine tröstliche Weisheit, eine Botschaft für uns. Denn so schnelllebig die Zeiten auch werden mögen, „the good things will never change“ – ganz klar, es gibt auf allen Ebenen Klassiker, die immer schön, immer wichtig und immer aktuell bleiben werden. Und daran halten wir uns!

Like saying I love you, Mr. Diamonds großes Thema. Zu fühlen, (sich mit-) zu teilen, … das wird nie an Reiz verlieren. Und „saying I love you“, der immergrüne Ausdruck eines erfüllenden Gefühls, rahmt diesen Song ein. Stellt Anfang und Ende dar; mag der Sound noch so 80er-lastig sein, mag es aus dem Background noch so gefällig säuseln, diesen Inhalt kann man wohl in jeglichem Zeitalter der Popmusik präsentieren, egal was gerade in Mode ist.

And the future’s not ours to see
But there’s something that always will be

Like saying I love you.

Like ein Neil-Diamond-Song!

Auf die Klassiker.

You Are My Love At Last

Mit diesem Song gehen wir ganz weit zurück zu Neils musikalischen Anfängen. “You Are My Love At Last” ist eine der Duett-Produktionen mit Jack Packer. “Neil and Jack” scheiterten grandios mit dem Versuch, die Everly Brothers sein zu wollen.

Warum sich ihre Platten schlecht verkauften, ist objektiv nicht ganz nachvollziehbar, denn Text und Komposition sind solide und durchaus besser als so manches kontemporäte Erfolgsstück.

Neils 60er-Kompositionen sind sehr charakteristisch, was die Akkordstruktur betrifft. (Zeitgenossen begründen das mit seinen mangelnden technischen Kenntnissen, d.h. er “konnte” nur wenige Akkorde spielen, die er dann eben auch immer wieder verwendete.)

Was den Text betrifft, so enthält “Endlich bist Du meine Liebe” bereits alle wesentlichen Elemente von typischen Neil-Diamond-Stücken: die hehre Suche nach wahrer Liebe, die Überhöhung des Gefühls auf eine dignifizierte, schicksalhafte Ebene und die devote Hingabe an die Geliebte als “Führerin”.

Im Kontrast dazu steht ein simpler Kreuz- und teils sogar Binnenreim, was den Song eingängig macht, aber auch ein wenig simpel klingt, schlageresk. Herz und Schmerz und so. Aber werfen wir einen Blick:

Neil beginnt den Song mit einem Rückblick. Er hat “that one girl” gesucht, die Eine. Aha, hier ist jemand auf der Suche nach mehr als beliebigen Plaisir. Und er gibt sich aktiv auch alle Mühe, hält nicht nur Ausschau, sondern “searched the whole world”. Die Belohnung hat er bereits erhalten: “That was in the past / And you are my love at last”.

Die drei folgenden Strophen beschreiben also die Ist-Situation. Zunächst beschreibt er “my love” und ihre Bedeutung, und die ist nicht nur groß, sondern quasi “Alles” für ihn. Sein einziges Begehr, “set my soul on fire” singt er, die Beziehung zu ihr ist auf allen Ebenen erfüllend und inspirierend. Das empfindet er als magisch und schicksalhaft, “now a spell is cast”, “[…] and my destiny”, er sieht diese Liebe wertiger als “normale” Beziehungen. Vielmehr wertet sie auch ihn als Person auf, er erfährt “things a mortal man would’t understand” – er fühlt sich über den “Normalsterblichen” und sieht gar “paradise deep within your eyes”.

In der letzten Strophe geht es dann um ihn selbst, “I have hungered for you” singt er. Das Bedürfnis nach Liebe ist für ihn ebenso existenziell wie das Grundbedürfnis nach Nahrung, und so ist der Satz “no more do I fast / For you are my love at last” auch schlüssig. Auf der geistigen Ebene steht sein “wanting to adore you”, auch hier ein Grundbedürfnis, das er mit lebenslanger Ergebenheit stillt: “I am yours forever”.

Dieses frühe Liedchen ist ein echter Diamond, es verknüpft poetische Elemente (von Romantik bis hin zum traditionellen Minnesang) mit simplem Schlager. Als Duo hat es 1962 nicht funktioniert, später hätte es mit angepasstem Arrangement ggf. ganz anders wirken können. Immerhin können wir im Jahr 2018 lässig der stets verfügbaren Klänge lauschen. Noch vor wenigen Jahren war dies nur gegen jede Menge Erspartes und mit sehr viel Glück möglich, von daher…schöne neue (Fan-)Welt!

You Don’t Bring Me Flowers

Ja, da sind wir bei einem weiteren diamondschen signature song vom gleichnamigen Album.

„Du bringst mir keine Blumen mehr mit“  klingt dabei überraschend aus dem Mund eines Mannes. Auch heute noch, trotz aller Emanzipation, sind es eher Frauen, die Blumen als romantische Geste oder liebevolle Aufmerksamkeit erwarten.

Jedoch war dieser Song eigentlich nur als kurze Titelmelodie für eine Fernsehserie geplant, in der die traditionellen Rollenklischees vertauscht werden sollten. Hausmänner vs. Karrierefrauen, damals noch ein Riesenpotenzial an utopischen Szenerien. Und hier wäre die Blumen-Konstellation dann auch entsprechend anders gewesen, die Damen verteilen die Rosen. 😉

Wie so oft, kam es nicht zur Umsetzung des Projekts, es gab Querelen und so wurde irgendwann ein „richtiger“ ND-Song daraus und noch später das legendäre Duett mit Barbra. Und der/das geht so:

Neil wendet sich mit einer Reihe feststellender Vorwürfe an seine Dame. Ihm fehlt die Zuwendung, ein Signal, das ihn ihrer Liebe versichert. Er leidet.

So zählt er auf, was sie alles NICHT tut, Dinge, die gemeinhin liebevolles Interesse zeigen sollen: Blumen mitbringen, ihm Liebeslieder singen, mehr als das Nötigste mit ihm sprechen, nach dem Sex noch kuscheln. Sie lebt also an ihm vorbei und obwohl sie noch miteinander schlafen, geht es ihr offenbar nur um die eigene Befriedigung („When it’s good for you, babe / And your’re feeling alright / Well, you just roll over / And you turn out the light“).

Das eher lieblose „Jetzt“ kontrastiert er mit Erinnerungen an eine glücklichere Zeit der Gemeinsamkeit, „You used to hate to leave me“, und „It used to be so natural / To talk about forever“, es war einmal. Die „Für-Immers“ sind achtlos auf dem Fußboden gelandet und warten darauf, entsorgt zu werden.

So hat er in der Zeit nicht nur gelernt, „zu lachen“ und „zu lieben“, sondern leider auch „zu weinen“ und „zu lügen“, die Kommunikation hat sich genauso verändert wie die Beziehung. Am Ende des Songs stellt er die Frage

So you’d think I could learn
How to tell you goodbye

und wendet sich jetzt offen an “sie”. Sein Lied ist ein Hilfeersuchen, er will Reaktion und Aufmerksamkeit. Wenn „ihr“ noch etwas an ihm liegt, wird diese Frage sie wachrütteln – er überlegt schließlich, sie zu verlassen. Ansonsten ist das „goodbye“ unausweichlich, um seinen Seelenschmerz zu beenden.

Als Duett werden dem Song natürlich noch weitere Facetten hinzugefügt, da es sich dann nicht mehr um einen einsamen “Hilferuf”, sondern um einen direkten Austausch handelt. Die beklagten Punkte ähneln sich, die Partner haben beide Anteil an der Situation und können sie vielleicht auch gemeinsam lösen.

Die Duettversion Diamond / Streisand anlässlich der „Grammy“-Verleihung 1980 war reichlich funkensprühend. Auch in seinen Shows hat er den Song mit ordentlich emotionaler Dramatik inszeniert. Hoffen wir also das Beste für sein Gefühlsleben! 😉

 

You’ll Forget

Und wir lassen mal fast komplett zurückschwingen in die Anfangszeit. Bis hin zu „Just For You“ und den ersten Gehversuchen als ernsthafter Songwriter. Verglichen mit dem meisterhaften Spätwerk finden wir hier nur Textentwürfe, aber der Diamondismus lässt sich bereits erahnen.

Wir hören hier eine Geschichte, es gibt nur eine, die Erzählebene. Neil macht uns deutlich, wie „sie“ sich seiner entledigt, ach, und wir wissen doch Bescheid.

Neil führt uns ordentlich durch sein Beziehungspanorama. „Ich liebte sie sehr“, beginnt er, und das ist ja klar, er ist Neil Diamond. Und wird in diesem Song recht kaltschnäuzig abgefertigt, denn „eines Tages sagte sie, dass sie jemand anderen liebt“. Oje, immerhin ehrlich, aber voll auf die Zwölf. „Die Hände, die mich einst brennen ließen / Sie waren kalt wie Lehm“.

(Hier mal eben ein redaktioneller Einschub: Lehm? Ts, ts, das ist dichterisch aber ziemlich unelegant. Lehm/Ton gilt durchaus als warmes, lebendiges Material. Wir erwarten an dieser Stelle: Eis! Tod! Stein! Oder so! Jedenfalls Leblosigkeit. Naja, „clay“ reimt sich auf „away“, aber da geht noch was im Textbereich, das ist nicht recht schlüssig…)
Weiter im Text. Die Gute strahlt also von jetzt auf gleich Ablehnung aus. Kalte Hände, abgewandter Blick, merkwürdige Stimme – sie kommuniziert mit allen Ausdrucksmitteln „die Worte, von denen ich niemals dachte, dass sie sie sagen würde“. Und zwar spielt sie die Trennung auf eine sehr sachliche, fast geschäftsmäßige Art herunter. Eigene Gefühle erwähnt sie nicht, man hat den Eindruck, dass sie „der guten Ordnung halber“ gehandelt hat und nicht aus Liebe mit ihm zusammen war.

Während er fassungslos ist („goin‘ out of my head“) und noch nicht weiß, wie er das verwinden soll („You’ll forget what you feel right now / But how?“) ist sie längst weitergezogen und hinterlässt ihm ihre weise Erkenntnis, dass die Zeit schon alles richten wird.

You know when you needed me
I was right there by your side.
But now you don’t need me no more,
it’s a fast goodbye, don’t you cry
You’ll forget
You’ll forget that you loved me
And you’ll stop thinkin‘ of me
You’ll forget what you feel right now
But how?

Tja. Letztendlich hat sie wohl recht und er wird darüber hinwegkommen, aber es ist bitter. Er wird hier mit der Erkenntnis konfrontiert, dass seine Gefühle nicht (mehr?) erwidert werden, und das zu bearbeiten, ist ein schmerzhafter Prozess. Way to go, Neil.

You’re So Sweet

Neil gibt hier mal den Midwestern Country Boy. Seine Aussprache ist ländlich-extra-breit, das Mädchen der Wahl heißt Mary Lou Jane (ein Landei-Name vom Feinsten) und in der Studioversion des Songs wird Dover City erwähnt . Das ist ein relativ uninteressantes Provinzkaff in Ohio. Aber die Stadt scheint ihm ohnehin nicht so zu liegen, die Damen von dort nennt Mr. Diamond „females“, Weiber/Weibchen… bezeichnenderweise nicht Girls, Ladies oder adäquat.

Er mutet uns im Laufe des Songs wieder einiges zu. Beim ersten Hören finden wir ein nettes Bonbon, es schmeckt nach Country-Liebelei, gemütliches Arrangement mit lieb-harmlosem Titel. Du bist so süß, der Mondschein in Kentucky kommt nicht an dich ran, deine Augen verursachen mir Gänsehaut bis runter zu den Zehen…Süßholz vom Feinsten. Aber schon in Zeile zwei schrecken wir kurz aus dem Schaukelstuhl. So süß, dass Pferdefliegen um ihr Gesicht schwirren? Bitte, was? Die normale Lovesong-Assoziation wäre wahrscheinlich wirklich Honig, Blütenduft – jedenfalls etwas Zarteres als die lästigen Fliegen. Aber wir befinden uns nunmal eher auf einer Farm als im Beautysalon.

Auch sonst ist seine Mary irgendwie außergewöhnlich. Erstmal erfahren wir zumindest teilweise mehr darüber, wie sie aussieht. Fehlende Vorderzähne – kein Schönheitsideal, aber gerade das macht das Küssen zum besonderen Erlebnis, meint er. Und sie ist ihm treuer ergeben als sein Hund…wir halten den Schaukelstuhl an… und gar zweimal so hübsch wie das Tier, ja das will was heißen. Oh je, das ist schon wieder ein Kompliment, das wohl die wenigsten Frauen zu schätzen wissen. Tja, das war wohl nichts mit entspannter Landidylle, Neil greift die gängigen Klischees solcher Lovesongs auf und parodiert sie, wobei er doch im Genre bleibt. Sein „you’re so sweet“ ist trotz aller Alberei ernst gemeint und nicht etwa abwertend.

Denn die Gute kann offenbar sehr überzeugend sein – sie nimmt sogar mutig am Rodeo teil (bull riding/wrestling ist eine lebensgefährliche Disziplin), zwingt mit einem tiefen Blick die wilden Stiere binnen Sekunden in die Knie und gewinnt lässig den Wettbewerb. „Critters“ ist wohl ein wenig verniedlichend für dieses Kaliber (damit werden eigentlich eher kleinere Haustiere bezeichnet), aber dieser Ausdruck zeigt, wie locker dieses Mädchen mit den kraftstrotzenden Tieren umgeht, die den stärksten Cowboy in kürzester Zeit unsanft in den Staub befördern können. Das treibt sogar dem Testosteron-Held Neil die Tränen in die Augen!

Eine Besonderheit der Studioversion dieses Liedes sind Neils Kommentare zur eigentlichen Liedzeile, mit denen er seinen Text betont. „Hee, you got your front teeth missin‘“ – da muss er selber lachen, um direkt „oh, feels so good“ zu seufzen. Interessant auch seine Anmerkung zur Aussprache von „Rodeo“, die ironisch auf seine hier nur für diesen Song angenommene Rolle als Landei hinweist (Neil verbrachte allerdings vier Jahre seiner Kindheit weit im Westen, in Wyoming)…Das Versmaß zwingt ihn, die eher urban-britische/US-Ostküsten-Betonung Ródeo zu wählen, woraufhin er kommentiert „Or is it Rodéo?“ Ja, das wäre wohl die übliche Aussprache-Version für echte Cowboys, haha!

Ein ganz niedlicher Song ist das, der auf mehreren Ebenen mit Klischees spielt. Mary Lou Jane ist um Vieles interessanter als die üblich-langweiligen grazilen Schnepfen. Die HAN-Version des Liedes hat deutlich mehr Tempo und verzichtet aus technischen Gründen auf Neils Kommentare, aber insgesamt auch hier: aaaaawwwwww!