Walk On Water

Machen wir direkt weiter mit dem Bereich „große Gestik“. Weg mit dem Liebeskummer und her mit typisch diamondscher Glorifizierung der geliebten Dame!

Schon der Songtitel schafft Maßstäbe. „Auf dem Wasser wandeln“, das konnte doch nur einer. Jesus beruhigte die aufgewühlten Wellen und rettete seinen Jünger, der nicht fest genug glaubte und unterging. „She/he walks on water“ ist heute auch eine umgangssprachliche Formulierung für jemanden, der Großartiges schafft.
Dazu kommt ein passendes Arrangement mit Gospelchor, und wenn Neil in seinem wenige Worte umfassenden Text nicht eine „she“ besänge, könnte man das mitreißende Stück ohne Weiteres im nächsten Sonntagsgottesdienst unterbringen.

„She leads the children“, „Ain’t it wondrous“, „Lordy, light the night away“, das ist purer Lobpreis einer Dame, deren Handlungen hier nahtlos in das Schaffen Jesu passen. (Und es geht genau darum, nämlich was sie tut und bewirkt, nicht darum, wie sie aussieht.) Beseelt wird vom Erwachen des Lichts gesungen, die dunkle „Nacht“ ist besiegt. Der neue Tag beginnt mit allem Optimismus. Sie „gibt Liebe und liebt es“. Ein Hallelujah auf die Liebe. Ain’t it right. Mein lieber Herr Gesangsverein, das ist eine Liebeserklärung auf aller-, allerhöchstem Level. Man möchte Mitklatschen, die Hüften schwingen und die Hände in die Luft werfen. Amen. 😀

We

So, heute mal weg von den Oberflächlichkeiten der Tanzfläche. Hin zu einem der besten Texte, zu finden auf einem der besten Alben. Dies ist wieder ein Song, der seine Qualität etwas versteckt. Klingt nach ein wenig Geklampfe mit nettem Tralala, aber Neil fasst hier universale Erkenntnisse in einfache Worte, Riesenleistung. Und jetzt: genießen, es wird richtig schön.

***************Wunschsongtext: WE***************************

Viel ist geschrieben worden über die Liebe. Von Poeten, Philosophen und Lieschen Müller. Neils Texte gehören dabei in die Oberliga – warum dieses Lied „Wir“ heißt, erfahren wir in den nächsten Zeilen.

Es geht um die Frage „was ist Liebe?“, und wenige treffen den Nagel so präzise auf den Kopf wie Mr. Diamond. Er strukturiert seinen Song in die Bereiche „Love is all about…“ und „It’s not about…“ und verdeutlicht anhand weniger Beispiele, die alles sagen.

Das beginnt bereits in Zeile 1 mit „Love is all about chemistry“, was für ein grandioser Vergleich. Ja, in der Chemie geht es um ‚Reaktionen‘, die ‚Verbindungen‘ schaffen. Zwei Stoffe reagieren miteinander und es entsteht daraus eine neue Substanz. Ganz wunderbarer Start!

Gleichzeitig weiß Neil, dass Liebe nicht erlernbar ist, man kann sich nicht darauf vorbereiten. Liebe ist Chemie, aber nicht im Sinne der logisch fundierten Wissenschaft („Isn’t something you go off to school to learn”). Liebe ist weder logisch noch kompliziert (“Isn’t math or ancient history / It’s the kinda thing that comes down to simple terms”).

Und gemeint ist hier “die“ Liebe. Die wahre, große. Das, was zwischen zwei Menschen passiert, Aktion, nicht nur Emotion.

Man kann in eine Person “verliebt” sein (sogar ohne, dass dieses Gefühl erwidert wird), aber „Liebe“ ist das, was zwischen zwei Menschen passiert und sie verbindet. Es betrifft einen ‚Raum‘ zwischen ihnen, eben diese „chemische“ Reaktion, und nicht die einzelnen Personen. Das „wir“: „Liebe“ ist etwas ganz anderes als “verliebt” zu sein. Dieser Unterschied wird deutlich wahrgenommen, wenn es passiert. (Neil verwendet Sätze wie „Show you to a place you’ve never been“ oder eben „Wanna take you to that great unknown“, das mag wie Kitsch klingen, ist von ihm aber vermutlich genau so empfunden.)

It’s not about you.
It’s not about me.
Love is all about we.
Yes it’s all about we.

In den nächsten Zeilen wird die Besonderheit von „Liebe“ noch klarer herausgearbeitet. Viele Begriffe gibt es, die herausheben sollen, was zur Abgrenzung von anderen, verwandten Gefühlen gemeint ist; true love, „wahre Liebe“, Seelenverwandtschaft. Oft spricht man auch von einem „Band“.

Mit einem Band kann man einen Knoten schlingen (Anm.: „tie the knot“ bedeutet im Englischen auch heiraten/sich das Ja-Wort geben)
Aber man braucht etwas, das man daran bindet
Sonst hat man nur einen Knoten
Aber wenn es mich mit Dir verbindet
Ist das etwas ganz anderes

Boah, besser kann man den Unterschied wohl nicht ausdrücken. Wenn man einfach mit jemand zusammen ist, um Einsamkeit zu vermeiden, dann „hat man einen Knoten“. Man greift wahllos nach irgendeiner Verbindung, kettet sich an einen anderen Menschen, wobei diese „Verbindung“ dann Selbstzweck ist. Wer am anderen Ende des Bandes hängt, wäre dann fast egal.

Aber ein „Band“ aus Liebe dient nicht dem Selbstzweck, das wäre komplett sinnlos. Liebe wird im Gegenteil als bereichernd empfunden, die Partner inspirieren sich, wachsen aneinander und entwickeln sich miteinander; im Song werden sogar ganz konkrete Funktionen, nämlich „a blanket when the nights are cold“ und „keep you dry on a rainy day“ genannt. Sie erfüllt, ohne Ansprüche zu stellen, und ist sich selbst genug. Ahhhh, was für ein schönes Thema. Tatsächlich braucht man nicht viel mehr als Liebe im Leben.

Und weil „wahre“ Liebe eben nicht an Bedingungen geknüpft ist, spielen auch Äußerlichkeiten keine Rolle. „Love is not about young or old / Touches everybody in a special way” – denn es geht nicht um ein “Du” oder “ich”, es geht um ein “wir”.

And we and we and we and we and we
Love is all about we.

Chapeau für diesen Songtext, der Weisheit simpel und kompakt transportieren kann. So einfach und doch so komplex, wunderbar!

Whose Hands Are These

Oft werden zum Transportieren großer Gesten Balladen geschrieben. Dieser Song beweist, dass es auch anders geht.

Nicht immer benötigt man komplizierte Texte mit mehreren Bedeutungsebenen und nicht immer muss ein dramatisches Arrangement oder ein Vortrag mit viel Vibrato eine Liebeserklärung unterstreichen. Manchmal ist es die schlichte Direktheit, die berührt, die einfache Wahrheit. „Wessen Hände sind das“ singt Neil, und der Titel ist keine echte Frage, denn er kennt die Antwort bereits. Und die ist verbunden mit einigen der schönsten Liebeserklärungen, die man machen kann.

In der ersten Strophe beschreibt er uns Hände. Wichtiges menschliches Werkzeug, Kommunikationsmittel und Verbindung zur Umwelt. Diese Hände reichen bis an „einen geheimen Ort“, (schnarch, und das ist mehr als eine anzügliche Anspielung), sie schaffen eine Verbindung zu sonst verborgenen Bereichen. Sie sind zärtlich, „streichen über mein schlafendes Gesicht“, so wie „ruhige Wellen an stillen Ufern“. Ein idyllisches Bild, voller Frieden.

„These hands are yours“ und sie erreichen ihn auf eine besondere Weise, liebkosend und beruhigend und dabei natürlich, so soll es sein.

 

 Die zweite Strophe beginnt wieder mit einer quasi rhetorischen Frage: „Whose name is called“, und es geht zunächst um die Situation, in der dieser Name gerufen wird. Und zwar „my soul in need of care“, „To answer when that need is there“, in einer Lage akuter Bedürftigkeit ruft er ihren Namen. Und der „singt“, schmeichelt seinen Sinnen, mehr noch, „whose music soars“, (als Musikerin assoziiere ich hier direkt Bach und sein „soar joyfully in the air“…) das ist mehr, als einfach nur einen Namen zu nennen, das ist ein magischer Effekt.

„That name is yours“, und dieser fällt Neil ein, wenn er trostbedürftig ist, er ist sein Gebet und seine Zauberformel zur Erlösung.

When I need peace
A quiet that belongs to me
To be released
From on a loud and angry scene
I think of you
Thinking of you quiets me
As only you can do
For me

Tatsächlich, allein der Gedanke an sie beruhigt ihn, lässt unangenehme Situationen gar nicht erst an ihn heran, und er nutzt das aktiv, um ruhig zu werden. Seine Zuflucht, seine Erfüllung. Und seine Inspiration, denn „Was für Augen sind das“, wichtigste Sinnesorgane, Spiegel der Seele, die nicht nur Oberflächlichkeiten wahrnehmen, sondern sie blicken „into this place I live“, und sogar „beyond unopened doors“, sie zeigen ihm „what I‘ve yet to give“, durchdringen ihn.

„These eyes are yours“ und in ihnen erkennt er sich selbst.

Where do I go
When not a door is open wide
What can I know
When questioned asked are un-replied
I know of one
One is all I need to confide
To fill that place inside
Of me

Wenn er keine Antworten mehr hat auf die Fragen des Lebens, where, when, what, wenn alle Türen verschlossen scheinen und er nicht mehr weiterweiß, dann gibt es die eine. „One“, an die er sich wenden kann und dort auch Erfüllung findet, alles, was er braucht. Der „secret place“ vom Anfang ist seine Seele.

Whose hands are these
That touch me when my soul is bare
Whose hands are these
That offer all they‘ve got to share
To show the way
And stay the course
Whose hands are these
These hands are yours

Sie berührt ihn, ist bei ihm, schützt ihn, zeigt ihm den Weg und bei ihr findet er Frieden – die ganz große diamondsche Liebeserklärung. Ohne Schnörkel, ohne Kitsch und ohne „Bühnengehabe“, und doch großartig. Wow. Einfach schön!

 

Without Her

Im Falle von „Ohne Sie“ wäre es eigentlich angebracht, auch die musikalische Ebene zu betrachten. Sowohl die komplexe Melodie- und Begleitkonstruktion als auch die heitere Grundstimmung liefern interessante Facetten, aber…hier geht es um den Text. Also:

Wir erfahren etwas über das Leben, den Alltag „ohne sie“. Er „verbringt die Nacht auf dem Stuhl“, („in the chair“ deutet immerhin auf einen Schaukelstuhl hin…) was für ein unbequemer Einstieg. Das ist eine unentspannte, aufrechte Haltung auf dem Sprung, anstatt im Tiefschlaf in weichen Federn zu liegen, findet er keine Ruhe.

Thinking she’ll be there but she never comes
And then I wake up and wipe the sleep from my eyes
And I rise to face another day without her

Denn er hat sie keinesfalls aus seinem Leben gestrichen, er wartet darauf, dass sie wieder Teil seines Lebens wird. Und gleichzeitig lebt er seinen Alltag bereits ohne sie, der  „no good anymore“ ist. Weil er „durch die Tür eines leeren Raumes“ gehen muss, dort „einen Tisch für eine Person“ decken muss. „It’s no fun when you spend a day without her“, er vermisst sie und ist irgendwie seiner Lebensfreude beraubt. Und wir fragen uns: wie konnte es denn soweit kommen, wo ist sie und was ist passiert?

We burst the pretty balloon
Took us to the moon, it’s such a beautiful thing
But it’s ended now and it sounds like a lie
If I said I’d rather die than live without her

Diese Bilder kennen wir. Den „hübschen Ballon“, Sinnbild des unbeschwerten Traums von Liebe. Der Flug „zum Mond“, Metapher für den Glauben an Unbesiegbarkeit und unendliche Möglichkeiten…Der Ballon ist „geplatzt“, zerstört durch eigenes Zutun, und die gemeinsame Reise deshalb zuende. Im modernen Alltag wahrt man natürlich das Gesicht, und so „klingt es wie eine Lüge“, wenn er seine Gefühle äußerte und sagte, „dass er lieber sterben als ohne sie leben“ würde. Und so geht das Leben eben weiter.

Love is a beautiful thing
When it knows how to swing and it moves like a clock
But the hands on the clock tell the lovers to part
And it’s breaking my heart to have to spend a day without her

Von den konkreten Geschehnissen kommt er nun zu allgemeinen Erkenntnissen. Die Liebe wird mit einem Uhrwerk verglichen, sie ist „a beautiful thing“, solange alles passt und die Rädchen ineinandergreifen, sie „schwingt“. Jedoch ist auch das Ende immanent, „the hands on the clock tell the lovers to part“ und so muss er nun den Tag ohne sie verbringen. „And it’s breaking my heart“ singt er, sein Leben funktioniert, aber der Schmerz ist allgegenwärtig. Ein leiser, herzzerbrechender Kummer.

Neil streicht Nilssons lapidares „do, do, do“ aus seinem Refrain und unterstreicht die transportierte Emotion, stimmlich und durch zusätzliche Zeilen wie „it’s all wrong without her“, „can’t go on without her“. Dieser tieftraurige, kleine Song trifft ins Mark. Seufz.