Talkin‘ Optimist Blues

So, zum Wochenende einen Songtext. Er stammt von „Tennessee Moon“, einem der besten ND-Alben überhaupt. „Talking Optimist Blues“ ist besonders, weil er für Mr. Diamond ungewöhnlich positiv und fröhlich daherkommt und weil er –ganz in diamondscher Tradition- viel Zwiespältigkeit offenbart.

Das fängt schon beim Titel an. „To have the blues“ meint im Englischen melancholisch sein, traurig sein. Die Grundstimmung wird hier vom „talking optimist“ ins Gegenteil verkehrt: alles Mist, aber egal – ich lass‘ mir den Tag nicht vermiesen. Und wer bei diesem Titel einen klassischen Blues mit schwarzer Seele erwartet, wird auch musikalisch überrascht von eher leichtfüßigem Country-Pop.

Was belastet also den guten Neil? Ein recht gemischtes Bündel von augenzwinkernd –selbstironisch vorgetragenen Pseudoproblemen, von sehr persönlichen Alltagskatastrophen und allzumenschlichen Grübeleien, die auch nicht-Superstars kennen. Da wären, in der Reihenfolge

  • Angst vor einer Krebserkrankung
  • Steuer- und Alimentenforderungen
  • Fastfood-Überdruss („frittierter Quatsch“)
  • jung sterben
  • alt werden
  • Rechnungen
  • Pillen
  • Ex-Ehefrauen
  • Fehler der Vergangenheit
  • Altlasten aus vorangegangenen Lebensentwürfen
  • überzogenes Konto
  • Prozac ist alle (ein Stimmungsaufheller)
  • zurückgehender Haaransatz
  • Hund ist gestorben
  • Rücken verrenkt
  • Auto zu Schrott gefahren
  • Freundin hat den Videorekorder mitgehen lassen
  • Fernsehsendung „60 minutes“ plant einen Beitrag zum offensichtlichen Ende seiner Karriere

All das mischt Neil munter zu seinen „blues“, die Menschen –je nach Veranlagung- tatsächlich Trübsal blasen lassen. Während diese Probleme und Problemchen alle individuell Mr. Diamond betreffen, sind sie doch gleichzeitig z.T. Standardprobleme des mittleren Alters. Weswegen er beschließt, sich keinesfalls davon herunterziehen zu lassen. „Years ago I might have cried“, meint er, also blickt er vielleicht inzwischen mit der Weisheit des mittleren Alters auf seine eigenen Gedankenkreisel.

Und so überlagert der Refrain wie ein Mantra vielfach die Aufzählung:

I’m gonna have a good day today.
Gonna have a good time anyway.
Put it all behind me, lay it all away.
Gonna be a good day today

So schiebt er alles Negative einfach beiseite und beschließt: „Ich werde trotzdem gut drauf sein“. Einen guten Tag, eine gute Zeit haben. Durch die häufige Wiederholung der Endlaute -ay bekommen die Zeilen den Anschein eines magischen Spruchs, einer Zauberformel, in diesem Falle wohl eine Selbstbeschwörung.

Wie er „eine gute Zeit hat“, bzw. was es genau an positiven Impulsen in seinem Leben gibt, beschreibt er nicht. Der Song hat sein Gewicht auf den real existierenden Belastungen. Blöd und nervig, aber: Schwamm drüber. Ob „talking optimist“ auch „being optimist“ bedeutet, ist offen, aber wir hoffen es. Nicht umsonst ist talking optimist eine Strategie von Motivationsrednern: man bringt sich selbst in Siegesstimmung. Hell Yeah.

Dieser Song erschien, als Neil Mitte 50 war und er sich neben der klischeemäßig zu absolvierenden midlife crisis auch größeren Lebenseinschnitten gegenüber sah. Dazu gehört auch der verspielte Wechsel des Musik-Genres – wobei ihm Country wirklich gut zu Gesicht stand. M.E. hätte er da gerne verweilen können und sein „Movie Album“ dafür streichen.

Ein nettes Alltagsmantra ist dieser Song jedenfalls, durchaus passend für jedes Alter…lay it all away!  Das gilt umso mehr für die Situation zwei Dekaden später, wo sich Alterserscheinungen und ernsthafte Erkrankung nicht mehr so einfach wegfrotzeln lassen. Talking Optimist Blues, trotzdem sehr hilfreich. Immer. Today.

Ten Lonely Guys

So, neue Woche, neuer Song. Diesen hier hat Neil im Verein mit Kollegen für Pat Boone geschrieben und er ist insofern besonders, dass es wohl das einzige Mal unter einem Pseudonym ist.
Die Legende sieht die zehn jungen Herren verzweifelt unter Zeitdruck, angeheuert, um Herrn Boone Anfang der 60er nach „Speedy Gonzales“ mit neuem Hitmaterial zu versorgen. So beschlossen sie, ein Lied über ihre Situation zu schreiben. Zehn einsame Kerle, vereint in einem Raum.

Natürlich ist im Song nicht der Job Schuld an der Lage. Natürlich sind die zehn Jungs vereint im Liebesschmerz und natürlich wegen derselben Dame. Wir hören jeweils eine Strophe zum Hintergrund und dann den Refrain zur Gesamtsituation: Zehn einsame Männer, zehn gebrochene Herzen, alle mit Tränen in den Augen. Alle sind auf „ihre“ Lügen hereingefallen und alle, alle lieben sie noch. Seufz.

Die Strophen entwickeln in sehr natürlich strukturierten Sätzen, quasi erzählend, eine Geschichte. In der ersten wird klar, dass der Vortragende Teil der einsamen guys ist. („We“-Sätze.) Man teilt das Leid, in dem man „jeden Abend“ beisammen sitzt („broken hearted“) und die schönen oder schlimmen Dinge bespricht („things you used to do“), die Madame verbrochen hat. Was keinen der Herren daran hindert, „still in love with you“ zu verbleiben.
In Strophe zwei werden alle Beteiligten vorgestellt, die sich ihr im Lauf der Zeit nähern durften. Natürlich handelt es sich dabei um Vor- bzw. Spitznamen der tatsächlichen Songschreiber…und Herr „Lewis“ taucht dann doch nicht als „Mark“ auf, sondern lässt sich zwischendrin korrekt als „Neil“ erwähnen.

In der letzten Strophe werden wir dann Zeuge des dramatischen Finales. Schritte vor der Tür! Das kann nur eins bedeuten, und tatsächlich heißen die zehn Herren ein weiteres Opfer in ihrer Mitte Willkommen: “tonight we’ll set a chair for someone new”. Die Dame hat ein weiteres Herz gebrochen.

Ein netter, augenzwinkernder Song für Pat Boone mit der Schluchzstimme. Leider war er nicht ganz so erfolgreich damit; für die Lieferanten war es letztendlich wohl doch insgesamt ein netter Abend. Damals, vor knapp 55 Jahren.

Tennessee Moon

Wir starten mit einem Song, der vielleicht so etwas wie ein Comeback markiert. Das gleichnamige Album jedenfalls zählt zu Neils stärksten Veröffentlichungen und beendete eine lange Durststrecke der (bestenfalls) Mittelmäßigkeit.
Was für ein Lied. Als titelgebendes Stück markiert es die Stimmung des Albums. Denn im Staat Tennessee liegt natürlich Nashville, „Music City“ , Zentrum der (kommerziellen) Country-Musik. Und der Mond ist ja bereits in anderen Songs aufgetaucht, Symbol für Emotionalität und Wandlung.

So. Gehen wir einfach mal Schritt für Schritt durch dieses sehr dichte Lied und hören, was Neil bewegt. Musik, was sonst…

In seinem Hollywood findet er keine Inspiration mehr, erzählt uns Strophe 1. „I used to wake up / And write me a song before noon“, ihm fehlt etwas und er beschließt spontan einen Ortswechsel. Seine Taschen sind „dusty“, er war wohl lange nicht mehr unterwegs, „an old guitar“ muss mit und sein Bedürfnis ist so groß, dass er einen „red-eye flight“ nimmt, das ist ein ganz später oder ein ganz früher Flug, wie man es sehen will. Das war wohl nötig.

Wo er hinfliegt, ist seit dem Songtitel klar, was ihn treibt, „in search of a dream“, wissen wir nun auch. Die Gitarre hat er bereits erwähnt, und nun fällt im Refrain noch der Name „Hank Williams“ und wir sind mittendrin. Einer der größten und einflussreichsten Countrymusiker ever und Neil fühlt sich ihm stark verbunden. „Is it the same moon Hank played under?“

Touched down
And she stole my heart right away

Aha, direkt mit der Landung ist er verliebt. Wer ist „she“? Im Gesamtzusammenhang wird klar, dass ausnahmsweise keine Frau gemeint ist. Hier geht es um Musik, Nashville und alles, was damit zusammenhängt, ein Lebensgefühl, das ihn ergreift.

Began to think for the first time
I might stay
And when I heard
That lonesome whistle moan
Knew I’d fin’ly found my way back home

„Lonesome Whistle“ ist übrigens ein Hank-Williams-Stück mit allem, was ein Countrysong so braucht, natürlich auch das Eisenbahn-Motiv. Im nächsten Refrain werden noch zwei seiner bekanntesten Lieder erwähnt, „Jambalaya“ (klassisches Cajun-Stück über leckeres Essen und gute Zeiten) sowie „I’m So Lonesome I Could Cry“ (über Einsamkeit und schlechte Zeiten).

Ja, Neil ist völlig gefangengenommen von Nashville und der musikalischen Präsenz:

And I can hear the echoes
In the sounds of his guitar
And his words still paint
A picture in my heart

The Boxer

Der Songtext zum Sonntag liegt schon länger bei mir „auf Halde“ und er ist nicht von Neil, sondern vom Meister Paul Simon, der ihn mit seinem damaligen Bandpartner Art Garfunkel unsterblich machte. (Neils Version ist als Video auf der „Deluxe“-Ausgabe von „Home Before Dark“ zu finden.)

Simon selbst hat diesen Text als sehr persönlich und gar autobiographisch bezeichnet, werfen wir mal einen Blick.

Es geht los mit „I am just a poor boy / Though my story’s seldom told“, durch die Erzählung in der ersten Person werden wir also ganz nah ins Geschehen einbezogen.

Das Lied heißt „Der Boxer“ und wir hören von Armut, Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch von unbedingtem Überlebenswillen. Ein junger Mann, „no more than a boy“, verlässt sein Heim auf der Suche nach Arbeit und Auskommen. Aus seiner Perspektive hat er bereits erkannt, dass er sich falsche Hoffnungen gemacht hat, dass er sich an leere Versprechungen, „a pocketful of mumbles“ verschwendet hat. Er hat Erfahrungen machen müssen, „alles Lügen und Veräppelung“, sein Enthusiasmus ist Vergangenheit.

All lies and jest
Still, a man hears what he wants to hear
And disregards the rest

In einer Strophe erfahren wir, dass er sich wie so viele andere in die Metropole New York gewagt hat, ganz allein „in the company of strangers“. Was ihm an menschlicher Zuwendung angeboten wird, kommt allein von „Huren“ (die sich ihre Nähe stets bezahlen lassen), und er ist weiterhin so arm, dass er angstvoll den „zerlumpten Gestalten“ in die ärmeren Viertel folgen muss, um sich zu orientieren und Unterschlupf zu finden. Keine schöne Lebenswelt. Der Song kündet von Rückschlägen und Misserfolgen:

Asking only workman’s wages
I come looking for a job
But I get no offers

Er hat keine hochfliegenden Träume, er will nur für ehrliche Arbeit bezahlt werden, aber auch diese Hoffnung zerbricht. Der Sprecher rüstet sich für das was kommt, „legt seine Wintersachen raus“, wünscht sich aber, „heimzugehen“, dorthin, wo die bitteren New Yorker Winter ihn nicht „bluten“ lassen.

Der Winter als Bild suggeriert Kälte, Tod und Schweigen, und den Jungen zieht es in die Wärme eines echten Zuhauses: „Leading me / Going Home“. Er sieht sich in einer feindseligen Umgebung ohne Nestwärme und familiären Halt.

Und so verstehen wir dann in der letzten Strophe, dass hier nicht wörtlich ein Boxer spricht, er steht gar nicht wirklich im Ring. Es handelt sich um eine Metapher, die seine Situation beschreibt, und das wird im Text auch daran deutlich, dass nicht mehr in der ersten, sondern in der dritten Person erzählt wird. Vom „I“ zum „he“, von eigener Perspektive zur objektiven Übersicht.

In the clearing stands a boxer
And a fighter by his trade
And he carries the remainders
Of every glove that laid him down
And cut him till he cried out
In his anger and his shame
„I am leaving, I am leaving“
But the fighter still remains

Der Kämpfer bleibt unbeugsam trotz aller Rückschläge, er steht immer wieder auf. Spuren und Verletzungen bleiben zurück „von allen Handschuhen, die ihn zu Boden geschickt haben“, es bleibt das Gefühl von Wut und Scham – aber „the fighter still remains“, der Wille ist ungebrochen.

Das Leben ist ein steter Kampf, anstrengend und lebensgefährlich, man landet immer wieder auf den Brettern, darf sich aber niemals auszählen lassen…aufstehen und weiter kämpfen, was auch immer einen antreibt, aufgeben ist keine Option. The fighter still remains…still remains.

Interessant sind hier übrigens einige Phrasen, die aus Bibelpassagen entnommen sind: „workman’s wages“ etwa, oder „seeking out the poorer quarters“. Paul Simon hat in Interviews berichtet, dass er sich Ende der 1960er Jahre, als das Lied entstand, mutlos und zurückgewiesen gefühlt hat und tatsächlich Trost und Inspiration in der Bibel fand. Ein echter signature song.

Neils Version hat mich, ehrlich gesagt, nicht wirklich berührt. Sein Vortrag bleibt seltsam emotionslos, ein reines „Absingen“, obwohl Paul Simon hier einen Klassiker verfasst hat, der einen bis ins Mark trifft, bis hin zum wortlosen, aber sehr leidenschaftlichen lie-la-lie im Refrain. „The Boxer“ gehört zu den besten Songs überhaupt, und ich hätte mir von Neil etwas mehr Hingabe erwartet.

Gelegenheit, das gute alte Simon & Garfunkel-Album „Bridge Over Troubled Water“ mal wieder anzuspielen, kurz vorm 50-jährigen Jubiläum…Grandios 🙂

The Drifter

Ok, los geht es mit der “Linguistics“-Fortsetzung. Heute mit einem der leider eher unbeachteten Stücke (von „On the Way to the Sky“), das sehr typisch Diamond ist.

Wir hören einen Walzertakt, spüren die Kreisbewegung. Passend dazu hat Neil seinen Text strukturiert, mit Worten, die sich zwar wiederholen, dabei aber eine Entwicklung zeigen. Der Songtext beginnt mit Sätzen in der Gegenwartsform und endet interessanterweise mit der Vergangenheit – Neil hat eine Situation und Gefühlslage hinter sich gelassen. Aber sehen wir näher hin:

Also, ich bin ein Herumtreiber
Laufe auf den Highways herum
Überquere den Fluss
Der vergessen vor sich hin fließt

Da spricht jemand ohne festes Ziel. Er ist irgendwie auf der Suche und nicht sesshaft und überschreitet dabei auch Grenzen, dafür benutzt er sprachliche Bilder. Der Fluss als natürliche Grenze ist ein klassisches Beispiel, genauso wie der Berg, von dem aus man weit über das Meer sehen kann. Dass Neil auch hier über sich selbst singt, merkt man dann in der zweiten Strophe: „Ich singe für den Lebensunterhalt / Lebe für den Versuch / Aber was hilft es / Wenn man es alleine probieren muss“.

Und da sind wir auch schon an einem Wendepunkt angekommen, denn der kontemplativ „wartende“ Neil („Und ich bin der Träumer“) wird von seiner Dame gefunden, die alles im Griff hat und „weiß, dass ich für immer verloren wäre / wenn ich es weiter alleine versuchte“.  Und schon ändert sich der Refrain, die Verben stehen jetzt teils in der Vergangenheit und die Zeile „inside was dying“ lässt hoffen, dass dem nicht mehr so ist, und wir werden nicht enttäuscht. Er hat die „Antwort gefunden“, und die ist bei ND natürlich die ewige Liebe:                                             

And when I found you
I knew forever
Would be forever
And not for some time
And you’d be mine
Won’t have to be trying alone

Und nun hat sich alles geändert, anstatt sich innerlich wie tot zu fühlen, ist er nun erfüllt, er “singt wie ein Träumer“. Nun setzt er nämlich zielgerichtet etwas um, sein Lebensgefühl äußert sich in seinem Gesang, das was vorher „Lebensunterhalt“ war, ist zu mehr geworden. Und auch darüber hinaus „gehe ich, als ob ich fliege“, sein Leben ist nun glücklich. Die Liebe hat aus dem „Herumtreiber“ einen „Träumer“ gemacht, der in der Beziehung zur geliebten Dame auch sesshaft werden kann.

Now I sing like a dreamer
And I walk like I’m flying
I looked in your eyes
There was no use denying
You cared for that moment
And I knew the answer
I came for a while
And I stayed for the rest of my life

Die letzten Zeilen werden mehrfach wiederholt und dadurch verstärkt. Am Ende des Songs hören wir in Kombination den bekannten Refrain, nun eben in der Rückschau.

Also, ich war ein Herumtreiber
Und ich lief auf den Highways herum
Habe jeden Fluss überquert
Der vergessen vor sich hin floss
Ich sang für den Lebensunterhalt
Und lebte für den Versuch
Ich kam für eine kurze Zeit
Und ich blieb für den Rest meines Lebens

Neil bringt hier geschickt die verschiedenen Ebenen zusammen: sein Text erzählt uns, wie er durch die Liebe zu sich selbst gefunden hat. Der Walzerrhythmus ist von Beginn an strukturiert (es ist trotz „Herumtreiberei“ kein jazziges Arrangement, sondern wir hören recht konservative Klänge mit dramatischer Steigerung im Refrain, musikalisch werden keine Grenzen überschritten. Naja, schließlich ist es eine Rückschau 😉

„The Drifter“ ist quasi unbekannt, und das ist ein wenig schade wegen der netten Melodie und den schönen sprachlichen Bildern. Kein großer Wurf, aber für mich einer der Favoriten auf dem Album! 🙂

The Good Lord Loves You

“Gott liebt Dich”, so heißt dieses Lied und die meistbetonte Zeile. Das ist eine für den (u.a.) christlichen Glauben zentrale Überzeugung: Gott ist Liebe, und Liebe ist etwas, das sich in Taten ausdrückt. (In der Bibel manifestiert sich diese Überzeugung darin, dass Gott den Menschen Jesus gesandt hat, um sie zu retten, nicht, um zu strafen.)
In der ersten Strophe geht es um die „Niedrigsten“ der Gesellschaft, der Song wird zunächst ihnen gewidmet. Sträflinge, Junkies, Geächtete – Gott liebt sie alle, wird betont, „He loves you so“.
Desweiteren geht es um Führer, militärische und politische, und auf familiärer Ebene um „every mother and child“. „The Good Lord Loves You“ – aber, wird dem Refrain nun hinzugefügt, „ain’t it sad that we’re doing so bad”.

Jedem Christen (und Religionen mit ähnlichen Glaubensgrundsätzen) müsste diese Diskrepanz deutlichst vor Augen sein. Gott liebt alle Menschen, aber was tun wir uns (teilweise „in seinem Namen“) gegenseitig an? Alltägliche Gewalt, Hass, Terror, Krieg…Weiter entfernt kann man von „Liebe nicht sein“.

I’m singing this song
With a feeling that’s deep in my heart
And I wish that I could tear down
The walls that keep us apart
And I wish I could tear down
The walls so the feelings could grow
The Good Lord Loves You
The Good Lord Loves You
The Good Lord
He loves you so

Mauern und Grenzen überwinden, einreißen. Das ist das Bedürfnis, das er beim Singen spürt, mit „dem Gefühl, das tief in meinem Herzen ist“. Einander näher kommen, fühlen. Nämlich die Liebe, die allen Menschen zuteil wird. „The Good Lord Loves You“, ja, wenn es nicht so traurig wäre wäre, dass wir das nicht auch miteinander leben. „Ain’t it sad that we’re doing so bad“. Allerdings.
Der Text mit einfach strukturierten Sätzen ist Gefühlsausdruck eines Einzelnen. Kein expliziter Appell an die Mitmenschen, kein „so soll es sein“, sondern ganz einfach aus dem eigenen Herzen mitgeteilt.
Für ND ist ein ausschließlicher Bezug zum religiösen Gefühl ungewöhnlich (und kam, glaube ich, erst auf „12 Songs“ in dieser Form wieder vor). Diese Lyrics stammen auch nicht von ihm, sondern von Richard Fagan. Trotzdem ganz schön anzuhören, nicht?

The Last Picasso

Und da finden wir uns mal wieder bei „Serenade“. Es ist kein Wunder, dass der Großteil der enthaltenen Songs schon gewünscht wurde…Große Kunst. Und heute landen wir sogar im Museum.

Das Starke an diesem Song ist, dass nur ganz wenig Text vorhanden ist, der aber ganz viel aussagt. Als erstes wird „der letzte Picasso“ erwähnt, der von irgendeinem „alten Museum“ erworben wurde. Kennt ihr das Bild? Wenn nicht, könnt ihr ja mal googeln. Es ist von 1972 und heißt „Die Umarmung“.

Zwei nackte Körper in Ekstase ineinander verschlungen, aber: es handelt sich dabei um eine kubistische Darstellung. Wem welches Körperteil gehört, ist nicht klar erkennbar. Warum ist es ein Meisterwerk? Weil Picasso dieses bewusst als sein letztes Bild gemalt und inszeniert hat; im Angesicht von Alter und Tod feiert er die Liebe und die Sinnlichkeit des Lebens.

Die im Liebesakt untrennbar miteinander verbundenen Liebenden nehmen Bezug zu Platons Theorie von den Kugelmenschen. (In seiner Schrift „Symposion“ befasste er sich auch mit der immergrünen Frage „was ist Liebe“. Zur Verdeutlichung beschrieb er, wie Göttervater Zeus die Menschen – in alten Zeiten noch mit vier Armen und Beinen ausgestattet- in zwei Teile schnitt. Als Ganzes waren sie ihm nämlich zu mächtig. Seitdem ist die Menschheit lebenslang sehnsuchtsvoll auf der Suche nach der jeweils „fehlenden Hälfte“.)

Bei Picasso haben sich zwei Hälften gefunden und in Liebe zu einem Ganzen wiedervereinigt. Der Hintergrund ist blau und rosa, für den Maler charakteristische Farben seines künstlerischen Schaffens – rosa für seine frühen, verspielten Motive des Liebesrausches und blau für seine „blaue Periode“ mit der Todesthematik.
Der Maler stellt also die kubistisch-dynamische Darstellung des Liebesakts vor die symbolhafte Darstellung der zuende gehenden Lebensspanne. Es lebe die Liebe.

Der zweite Name, der fällt, ist Don Quijote, klassische Figur aus der spanischen Literaturgeschichte. Der Verfasser (Miguel de Cervantes) parodiert mit dem „Ritter von der traurigen Gestalt“ die beim Erscheinen (17.Jh.) beliebten Ritterromane. Man könnte viel über Don Quijote schreiben, aber Sinn und Zweck dieser Figur war in erster Linie die Verdeutlichung, dass zu viel Lesen (u.a. von Ritterromanen…) den Verstand raubt. Es geht darum, was „normal“ und was „Wahnsinn“ ist, den Konflikt zwischen Ideal und Realität. Wer ist der Weise und wer der Verrückte im Leben?
Zeitlose Großartigkeit, und nicht umsonst wurde „Don Quijote“ vor ein paar Jahren zum „besten Buch der Welt“ gewählt.

Der letzte Picasso hängt nun im Museum und Don Quijotes „rhyme has lost ist reason“. Das Bild ist gemalt, Picasso ist tot und das jahrhundertealte Buch hat keinen zeitgemäßen Bezug oder Leserkreis mehr. Grau ist alle Theorie, Neil feiert das Leben.

Which only reminds me
Have I remembered to say
That without you this life of plenty
Would seem so empty
Ah, The last Picasso

Picasso und Quijote können nur verdeutlichen, was im Leben wichtig ist, aber für sich umsetzen muss man das selbst. Und Neil will leben, lieben, fühlen. Der Moment zählt, das Gefühl, die Ekstase.
Alles ist vergänglich, aber man lebt genau jetzt und der Moment muss ausgekostet werden.

Oh, me and you
Me oh me, oh me, oh me, oh me and you
We, we can sigh
Me, oh me, oh me, oh me we can sigh

Hey
Der letzte Picasso
Mag Staub ansammeln inmitten von Ruinen
Und Don Quijote,
Naja, Don Quijote mag nicht länger
Seine hoffnungsvollen Lieder anstimmen
Aber ich habe Dich
Und ich werde Dich noch haben
Wenn alles andere vorüber und vorbei ist
Wir werden eins sein mit dem letzten Picasso

Eine großartige Besinnung auf das Wesentliche. Die Liebe als alles überdauerndes Monument in einer sich immer im Wandel befindenden Welt. Alles stirbt, alles zerfällt, die Liebe bleibt. Für diesen Moment soll man leben.

Oh, me and you
Me oh me, oh me, oh me, oh me and you
We, we can sigh
Me oh me, oh me oh me, oh we can sigh

Ein Wahnsinnssong, ein Wahnsinnsbild, ein Wahnsinnsroman. (Aber was und wer ist eigentlich wahnsinnig? Und was „vernünftig“? )

Zeitlose Großartigkeit, diesmal von Mr. Diamond.

The Power of Two

Wenn es um die Liebe geht, beziehen sich viele Autoren auf eine Vorstellung, die bis auf die Antike zurückgeht. So auch Neil. (Wir erinnern uns u.a. an „The Last Picasso“ und den bildlichen Verweis auf Platons „Kugelmenschen“.) Die Einheit von zwei Liebenden, die sich ergänzen und gemeinsam wachsen, allmächtig sind. Und die ohne einander nur „halbe Menschen“ sind, auf der Suche nach dem passenden Gegenstück.

Neil fasst das in diesem Song sehr schön in eigene Worte: „We had ten times the power of one / We had the power of two” , dabei verwendet er die Vergangenheitsform, denn seine Erkenntnis kommt zu einem Zeitpunkt, als seine andere Hälfte nicht mehr an seiner Seite ist. „Knew you weren’t coming home“, und die Nacht bricht über ihn herein.

Auch dieses Bild hat er in vielen Songs verwendet. Dunkelheit, Gefahr, Depression, Tod. In der Nacht ist Einsamkeit noch stärker zu fühlen. Und Neil grübelt, „struggled with the why and what“, denn bereits in der ersten Strophe hat er erkannt “Nothing I was doing was right and now / I’ve got to face it alone”. Aber alleine, das ist für ihn nicht machbar, er “wird es nicht durch die Nacht schaffen / Ohne die Kraft von zweien”. Und die Nacht hat hier sehr klar alle erwähnten Konnotationen.

Feeling like I’m out on a ledge
Standing with my back to the wall
l use to be I’d go straight ahead

Now I’m going nowhere at all
The night getting longer baby the longer it went
Just didn’t make any sense

„Out on a ledge“ steht jemand, der sich in den Tod stürzen will, weil er keinen Ausweg mehr sieht. Neil scheint tatsächlich seinen eigenen Weg nicht finden zu können, anstatt „geradeaus“ läuft er ziellos umher, „going nowhere at all“, wobei seine Bewegungsfreiheit auch eingeschränkt ist, denn er sieht sich „mit dem Rücken zur Wand“ stehend. Da bleibt nicht viel Handlungsspielraum, und ohne seine Liebe sieht er in aller Dunkelheit weder eine sinnvolle Lösung noch fühlt er sich fähig, selbst einen Weg zu ebnen.

Couldn’t see couldn’t hear didn’t know what to do
Was like I had no power at all

Er musste begreifen, dass “zwei mehr ist als eins plus eins”, aber leider zu spät. Er bemerkt, dass eine Division eben nicht zwei glatte Teile ergibt, und das „erschüttert und schockiert“ ihn. Wir erfahren nicht, warum er alleine ist, aber er ist sich bewusst, Fehler begangen zu haben. Nun tastet er in seiner Dunkelheit umher, nach einem Ort, wo er sich „verstecken“ kann, einer „Ecke, wo ich mich hinwenden kann“. Sie ist weg und hat ihm damit eine Lektion erteilt. „I tried not to need you but I needed you anyway”. Denn erst durch sie wird er vollständig, sie ist das fehlende Element zum Ganzen, sie sind eine Einheit.

It wouldn’t be easy to say
But the way that I see it I’m half without you
And I’m not going to make myself whole

Without the power of two
Me and you

Laut Platon hat Göttervater Zeus einst die Kugelmenschen in der Mitte zerschnitten, um ihre Macht zu begrenzen. Und genauso formuliert Neil seinen Schmerz, er ist unvollständig und kraftlos und präzisiert: „I’m Bleeding I’m Bleeding“, es ist wahrhaftig ein Teil von ihm abhandengekommen. Nun hängt er in seinem „Loch“,

Deeper than I thought I could get
Like a bug that’s stuck in a bowl
Climbing out is impossible

Yet he keeps trying harder,
Harder then he thought he could

Ohne die fehlende Hälfte fühlt er sich überhaupt nicht mehr menschlich und vergleicht sich mit einem verzweifelten Insekt, dass im Überlebenskampf alle Kraftreserven aufbietet. Es ist schade, dass die wunderschöne Vorstellung von zwei harmonisierenden Menschen, die gemeinsam alles erreichen können, hier von der Melancholie einer Trennung überlagert wird. Hoffen wir, dass die späte Erkenntnis Neil weiterhilft und er wieder „ganz“ werden kann.
(Interessant ist auch die zeilenübergreifende Struktur des Textes. Einzelne Zeilen ergeben keinen Sinn, man muss die Strophen und den Refrain als Ganzes erfassen – das unterstreicht gekonnt die Gesamtaussage des Songs.)

We had the power of two
Me and you
There’s nothing we couldn’t do
Just me and you
We had the power of two

„Zehnmal die Kraft des einzelnen“ reicht eigentlich aus, um alle Widrigkeiten des Lebens auszuräumen. Von daher hoffen wir mal, dass Neils Schluss-„two“ auch seine Zukunft sein wird, er scheint es nun ja begriffen zu haben. Wenn sie wirklich seine fehlende Hälfte ist, wird er ihr ja genauso fehlen…Way to go!

The Way

Heute springen wir wieder ein paar Jährchen zurück in der Diamond-Historie. Er liebt und wirbt und überzeugt:
Dieser Songtitel kann vielfältig übersetzt werden. Der Weg, die Richtung, Möglichkeit, Art und Weise…Es geht jedenfalls darum, ein Ziel zu erreichen – und das ist, wie sollte es bei Neil anders sein, auch hier die Dame des Herzens.

Der Songtitel strukturiert die Strophen, und der Kerninhalt ist „no road is too long“. Er ist sich sicher und wird alles tun, um sein Ziel zu erreichen. Die Sprache ist hier wiederum sehr klar, kurze und prägnante Sätze, die sich in Teilen wiederholen. Einfache, schnörkellose Botschaft des Herzens. Der Weg ist schnurgerade.

Am Anfang erkennt Neil „I need to find the way to make you mine“ und hofft, dass auch sie „den Weg findet, mich genauso zu lieben“. Irgendwann, „wenn Du es am wenigsten erwartest“. Er wird geduldig auf diesen Zeitpunkt warten – sein Weg ist hier nicht die stürmische Eroberung.

In der zweiten Strophe weiß er “The way / leading to your heart / can never go wrong”. Die Dame, sein Weg, es ist genau die richtige Entscheidung, davon ist er sehr fest überzeugt („having been decided“). Kein Weg ist zu weit, und „Having said I love you / I’ve got to find the way to say that I care“. Er wird “bleiben und immer da sein”. Auch das ist ein typisch diamondsches Versprechen, wenn er sich einmal entschieden hat, schwört er bedingungslose Treue.

Am Ende des Songs bittet er mehrfach „sei ein Teil von mir“. Er sieht sein Schicksal eng verwoben mit dieser Beziehung und setzt zur Verdeutlichung schließlich den Titel in Beziehung zu den bisherigen Strophen: „I’m a part of you, And I know that you are the way“. Sie ist „the way“, alle Sehnsucht führt zu ihr und sie ist sein Weg. „The way for me“.

Er hat den Bogen geschlagen vom „way“ des Liebeswerbens zum Schicksalsweg. Und den sieht Neil, wie in so vielen Songs, bestimmt durch die Liebe, die Frau seines Lebens.

The Windmills of Your Mind

Mit dem nächsten Song wird es, zumindest inhaltlich, ziemlich unschön. Die Struktur hingegen ist großartig und hat mich schon vor vielen Jahren fasziniert. Das Lied wurde aber nicht von Neil geschrieben, sondern nur für das „Movie Album“ umgesetzt.

Schon der Titel zieht einen in das verwirrende Konstrukt dieses Liedes. Die Windmühlen in deinem Kopf, deinen Gedanken, deiner Psyche. Stets in Bewegung, immer im Kreis und dabei wird ge- und zermahlen, produziert, angetrieben vom Wind.
Zentral ist die Kreisbewegung, im Text meist noch in sich verkompliziert, und so beginnt es mit „round“.
Im Kreis.

Fast der komplette Songtext besteht im Folgenden aus einer Flut von beunruhigenen Bildern, die jeweils durch „like“ mit dem „round“-Begriff in Zusammenhang gebracht werden:
„Wie der Kreis einer Spirale, ein Rad innerhalb eines Rades, nie endend, wenn es einmal begonnen hat auf einer sich ewig drehenden Spule.“ („Reel“ ist z.B. die Spindel an einem Spinnrad, die immer in Bewegung gehalten wird, um endlos Faden zu produzieren. „Spinning wheel“ im wahrsten Sinne. ).

Also, mir reicht das schon, um mich irgendwie schwindlig zu fühlen und genauso ist es doch auch, wenn das Gedankenkarussell sich einmal in Bewegung gesetzt hat.
„Wie ein Schneeball bergab, oder ein Kirmesballon (Anm.: Gemeint ist hier wahrscheinlich das Riesenrad, oft steigt man dabei in bunte „Ballon“-Gondeln), wie ein Karussell, das sich dreht, in Kreisen um den Mond.“

Ein Schneeball wird beim Bergabkullern immer größer, auf der Kirmes wird man durch Lärm, Lichter und Gerüche noch mehr verwirrt. Und „running rings around the moon“ stellt die Normalität vollends auf den Kopf, denn diese ‚in sich‘ drehende Bewegung beschreibt normalerweise die Bahn des Mondes um die Erde. Wir haben die vernünftige Ordnung des Alltags nun also verlassen und steigern die Wahnwitzigkeit unserer Gedanken: „Wie eine Uhr, deren Zeiger auf dem Zifferblatt herumwirbeln, und die Welt ist wie ein Apfel, der sacht im Weltall herumtrudelt.“ Irrational, ja. Wie die Kreise, die wir in den Windmühlen unserer Gedanken finden.

Und es gibt eine zweite Strophe, die uns gar noch tiefer in die Verwirrungen führt. „Wie ein Tunnel, dem Du folgst, bis zu einem weiteren Tunnel hinunter in einen Hohlraum, zu einer Höhle wo die Sonne niemals schien.“ Es wird dunkel, wir nähern uns jetzt den psychischen Abgründen, auf die wir bei unserer Grübelei stoßen. „Wie eine Drehtür, die in einem halbvergessenen Traum weiter schwingt, oder die kleinen Wellen von Kieselsteinen, die jemand in einen Fluss wirft.“ Das Un- und Unterbewusste kommt ins Spiel, das Stichwort „Traum“ wird genannt. In jedem billigen Traumlexikon findet man den „Fluss“ als Symbol für…unsere Psyche. Ein „Kieselstein“ durchbricht die Oberfläche des Wassers und verursacht sich kreisförmig ausbreitende Wellen. Was ist passiert?

Nach dem Refrain kommen wir nun in die konkrete Situation. „Schlüssel klimpern in Deiner Tasche, Worte poltern in Deinem Kopf. Warum ging der Sommer so schnell? War es etwas, das ich sagte?“ Die Schlüssel klimpern, jemand geht, vielleicht nach einem Streit, und die Gründe sind nicht klar. „Jangle“ ist ein Wort, dass die in der Luft hängenden Worte eher unangenehm beschreibt. Poltern, Keifen, Grellen, das ist Schmerz. Gedankenkarussell. „Liebende spazieren an einer Küste und hinterlassen ihre Fußspuren im Sand. War das Geräusch entfernter Trommeln nur das der Finger Deiner Hand?“

Tja, die Fußspuren im Sand werden wohl von den Gezeiten verwischt werden, sie sind nicht dauerhaft, nichts bleibt zurück vom gemeinsamen Weg der beiden. Und was der eine für bedeutungsvollen Trommelwirbel hielt, war für den anderen ein Warnsignal. Die Finger auf dem Tisch, Ungeduld, Langeweile…?, jedenfalls: Missverständnis.
„Bilder hängen in einem Flur / Oder das Fragment eines Liedes. Erinnerungsfetzen an Namen und Gesichter, aber zu wem gehören sie?“ Jetzt beginnt sich alles aufzulösen. Im Flur hängt man, auch für Besucher, Familienbilder, besondere Erinnerungen auf. Hochzeit, Kinderbilder, vielleicht Urlaubsfotos …und Songs sind ebenso mit derlei Situationen verknüpft. Hier sind diese eigentlich ‚sicheren‘ Verbindungen und festgehaltenen Eindrücke nur noch Anlass für Verwirrung. Wer ist das? In welcher Verbindung stehen wir eigentlich? Was passiert da?

„Als Du wusstest, dass es vorbei war, warst Du Dir plötzlich bewusst, dass das Herbstlaub die Farbe ihres Haars angenommen hat?“ Nicht nur der Sommer ist zu schnell vorbei, sondern auch eine Beziehung. Der Herbst ist da, die Jahreszeit, die uns die Vergänglichkeit deutlich macht. Die Zeit des Lichts und der Wärme ist vorbei, die Winterkälte wartet und nichts wird mehr lebendig sein, schon bald. Und die Windmühlen im Kopf drehen sich immer weiter.
Der letzte Refrain bringt uns nach den vielen mit „like“ eingeleiteten Bildern zurück zum Hauptmotiv. „Like the circles that you find in the windmills of your mind“.

Ja, genauso ist es, nach dem Hören ist man hineingezogen worden in den beeindruckenden Bilderstrudel. Ein ebenso grandioser wie erschütternder Song, Gegenkonzept eines Liebeslieds. Danach brauche ich meist eine Weile zum „auftauchen“.

This Time

Nun überspringen wir mal gnädig die finstersten Achtziger-auswüchse und begeben uns in die „Best Years of Our Lives“, wo sich durchaus Potenzial findet. Etwas „weniger“ vom Producer hätte mir besser gefallen, aber das ist ja Geschmackssache. Los geht’s:„Diesmal“ heißt der Song, und Neil träumt sich eine Utopie herbei.

If there was time enough for me
To do it all, again
I promise you, that I would find
A way to make it right,
This time

Wenn er also “alles nochmal tun könnte”, dann würde er “es richtig machen”, und das wäre dann das Titel-“diesmal”. Offensichtlich hat er Fehler begangen, die er gerne ausbügeln würde – aber leider bietet das Leben in den meisten Fällen keine Repeat-Möglichkeit. Vorbei ist vorbei, aber Neil insistiert “I’ve got my dream / Don’t no one dare tell me no”. Wir doch nicht.Also schauen wir mal, was er denn “diesmal” anders machen möchte.

This time I’d love you even more
I never thought, I could

Ob das so planbar ist? Sie womöglich noch mehr zu lieben? Er ist davon überzeugt, und womöglich meint er damit, seiner Liebe mehr Platz einzuräumen, sich bewusster zu sein, welches Geschenk ihm zuteil wurde. Tatsächlich erweitert er seine Aussage in der nächsten Strophe

And you’d be mine this time for sure
Only got to show I care the way I do
And I’d be there this time for you.

Neben dem Zulassen des “inneren” Gefühls würde er also “diesmal” seine Liebe auch nach außen tragen, zeigen, was er empfindet. Und das äußert sich natürlich in erster Linie, indem er “für sie da ist”. Liebe wird durch Handlung offenbar.

If there was time enough to say
The things I feel inside
I promise you, I’d find a way
A way to say them right
This time

Schließlich würde er die “sprechenden Taten” auch mit Worten begleiten, seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Sicherlich die schwierigste Art, sich zu erklären, aber auch das will er aus Liebe versuchen. Diesmal. Tja, nun ist es leider so, dass er keine Möglichkeit haben wird, seine Versprechen einzuhalten, denn es ist vorbei. Ihm bleiben nur Träume von der Vergangenheit und von dem, was sein könnte.

All das, was er „diesmal“ richtig machen will, hat er vielleicht bisher versäumt und weder bewusst geliebt noch gezeigt, was er fühlt, weder durch Taten noch Worte.
Er ist überzeugt, aus seinen Fehlern gelernt zu haben, aber es ist zu spät. „I’m not the same man / That I was before” singt Neil, und “I’m nothing at all / If I’m not yours”, er ist nichts ohne sie…aber das hätte er sich vermutlich doch früher überlegen müssen. Es ist vorbei.

Over again, I closed my eyes
And I keep reliving it
Over again
It’s over but then
I’ve got my dream
Don’t no one dare tell me no

Ihm bleibt der sehnsuchtsvolle Traum – aber was wäre diese Welt, wenn nicht ab und zu Träume wahr werden würden? Hoffen wir das Beste für ihn. Und die Träume.

Turn Around

Einer geht noch. Hier der vorerst letzte Song von „Primitive“, bevor wir weiterziehen. Die Kombination mit dem versierten Bacharach/Bayer Sager Gespann ist für mich immer ein „Vorsicht, Glättegefahr“-Warnhinweis, aber hier funktioniert das relativ gut.

„Kehr um“ ruft Neil, und klar, er meint die Dame. Diese ist dabei, ihn zu verlassen, und während wir später auf meisterliche Art („Face Me“) eine plastische Situation präsentiert bekamen, ist dieser Song einseitig Neils Part. Seine Rede mit dem Ziel, sie zur Umkehr zu bewegen.

Mal sehen, wie er argumentiert. Zunächst führt er die gemeinsame Zeit ins Feld, die wohl nicht einfach war, aber bisher hat man wohl immer wieder zueinander gefunden: „We’ve been through this door so many times“ und „We’ve got to keep it going like we did before / In better times“. Bisher haben sie es irgendwie doch immer geschafft und er bittet sie, sich auf die guten Zeiten zu besinnen.

Zweites Argument ist er selbst („Turn around, Look at me“). Er ist „immer für Dich da, wenn Du mich brauchst“ und versteht nicht, warum sie das nicht sieht. Wo will sie hin? Eines Tages „wird sie sich eingestehen müssen, dass es den Abschied nicht wert war“. Soweit seine Ansicht.

Und schließlich bringt er endlich die Punkte, die am meisten ins Gewicht fallen: „I’m the guy who loves you“ und „Turn around, I want you to stay“, das ist der eigentliche Klartext. Er liebt sie, und das ist doch eigentlich das ultimative Ziel, diesen jemanden zu finden – und sie hat ihn ja schon. Was will sie mehr? Vorausgesetzt natürlich, sie liebt ihn auch…Ansonsten liefe das Argument ins Leere.

„When you love someone / You got to talk it over“ – und wenn man sich liebt, wird man die Schwierigkeiten gemeinsam ausräumen können. „You just don’t let it die“.

Im Song hören wir stets nur Neils „Kehr um, ich will, dass Du bleibst“, ohne jeglichen Hinweis auf ihre Beweggründe oder ihre Reaktion. „Wende Dich nicht ab“ ist sein Appell, der einfach so im Raum steht.
Die Strophen sind regelmäßig, es gibt keine dramatischen Steigerungen oder sonstige Auffälligkeiten. Für diesen Inhalt bleibt Neil eigentlich zu „ruhig“. Easy Listening lässt grüßen…

So bleibt es ein schönes Lied, das allerdings weit entfernt von einem Meisterwerk wie „Face Me“ ist.
(Auf halber Strecke zwischen beiden Songs gab es dann ja noch „Don’t Turn Around“, das sehr themenverwandt, aber in seinen darbieterischen Figuren etwas komplexer war. )