Red Rubber Ball

Neils Debüt-Album wurde mit allerlei Füllmaterial bestückt. Der folgende Song ist nicht von ihm, aber sagen wir mal so: Paul Simon ist ebenfalls ein fähiger Songwriter…

Wir merken, dass Neil hier nicht am Werk war. Ein Lied über eine Trennung, eine unerfüllte Beziehung mit einem Titel wie „Roter Gummiball“ zu versehen sowie die heiter-optimistische Grundstimmung sind eigentlich nicht seine Sache. Trotzdem ein richtig nettes Cover.

Also, wo fangen wir an? In den Strophen erfahren wir einiges über die Ex. Interessanterweise hat sie Schluss gemacht („I should have known you’d bid me farewell”). Nach allem, was Neil hier preisgibt, hätte er längst Grund dazu gehabt.

You never cared for secrets I’d confide
To you I’m just an ornament
Something for your pride

Vertrauensbruch und das Fehlen echter Gefühle sind keine Beziehungsgrundlage. Sie wollte sich nur mit ihm schmücken – was wird daraus, wenn er nicht mehr dazu gereicht? Neil hat seine Lektion gelernt und scheint alles andere als traurig ob der Situation. Er weiß, dass auch andere Mütter schöne Töchter haben („you’re not the only starfish in the sea“) und braucht sie nicht mehr, nicht diese Frau.

Always running, never caring
That’s the life you live
Stolen minutes of your time
Were all you had to give

Das klingt nicht nach gleichberechtigter Beziehung. Sie hatte für ihn weder Zeit noch Aufmerksamkeit oder Interesse übrig und nun, da sie fort ist, hat er seine Lektion gelernt. „Die Geschichte ist vorbei / Mit nichts, woran man sich erinnern müsste / Mein Leben liegt vor mir / Und Dich brauche ich nicht mehr“. Er vergleicht die Zeit mit ihr mit einer „Achterbahnfahrt“, die nun endlich zuende geht („Ich habe mein Ticket mit meinen Tränen bezahlt“). Ziemlich schmerzliche Erfahrungen, aber sein Refrain verrät, dass er tatsächlich darüber hinweg ist:

And I think it’s gonna be alright
Yeah, the worst is over now
The morning sun is shining
Like a red rubber ball

Das Schlimmste ist vorüber, die Morgensonne scheint und er vergleicht das mit einem roten Gummiball. Das ist ungewöhnlich, normalerweise hören wir in Songs reichlich poetischere Konstruktionen. Hier denken wir an kindliche Freude, an Leichtigkeit und Spiel und merken, dass sein Herz tatsächlich frei ist. Ein ziemlicher Kontrast zu den Verletzungen, die er erfahren hat und damit umso deutlicher in der Aussage: hier wird kein Herzschmerz verbrämt, sondern tatsächlich aus vollem Herzen die neue Freiheit gefeiert,

Yeah, the worst is over now

Danke an Mr. Simon (und natürlich auch an Mr. Woodley).

Reggae Strut

Und nun zu etwas völlig anderem. Neil spielt mit Musikstil und Sprache. Ob das besonders stilvoll (oder gekonnt…) ist, lasse ich mal dahingestellt. Man mag diesen Song oder überspringt ihn; ganz klar ist das kein 08/15-Lied, aber das Album „Serenade“ ist eben eins der besonderen im diamondschen Gesamtwerk.

Als Neils Song entstand, war Reggae eine relativ neue Strömung in der Tanzmusik. Ein Mix aus jamaikanischen und US-amerikanischen Einflüssen, genau wie die in den Texten verwendete Sprache. (Ein jamaikanisch-englischer Sprachmix – der wissenschaftliche Ausdruck für so ein neuentstandenes Sprachgefüge ist „creole“, sehr interessant, da es unzählige Eigenarten und „Insiderbegriffe“ gibt.)

Der Songtitel bezieht sich auf die Tanzbewegung, „strut“ ist i. A. ein recht demonstratives Stolzieren. Über die Bedeutung und Herkunft von „Reggae“ an sich wird viel diskutiert. Es gibt den jamaikanischen Begriff „streggae“ für nicht allzu wählerische Damen…wobei es auch Theorien gibt, die das Wort vom lateinischen „rex“, König, ableiten. Musik der Könige. Man weiß es nicht.

Im Text imitiert Neil die Aussprache und reduzierte Grammatik jamaikanischer Künstler. Es gibt kein „the“, sondern „de“, und ein Satz wie „maybe lady do Reggae Strut“ ist sehr nah am „Du wolle Reggae tanze?“. Puh. Insgesamt folgt der Aufbau der Satzfragmente dem musikalischen Rhythmus, was das Zuhören interessant und mitreißend macht. Und darum geht es auch.

Im Song wird nämlich zunächst die Lady zum Tanz gebeten. Das geschieht, indem die allgemeine Lebensweisheit “Some dey do, some dey don’t do / Some dey won’t do / Some won’t even try” auf die konkrete Lage an der Tanzfläche übertragen wird. „Maybe you like to dance it / Maybe you like to chance it / Maybe you like to try”.

Reggae ist neu, fremd und exotisch und vielleicht hat die Dame Hemmungen, sich statt einem netten Slowfox diesen seltsamen Rhythmen hinzugeben. Aber Neil wirbt weiter für Reggae Style, inclusive Anleitung zur korrekten Bewegung. „Maybe you like to dance it“ und dann „Making de hips sway, movin‘ it okay”. Dabei schreitet er selbst mit gutem Beispiel voran. “Try like me, pick up de elbow higher / Kick up de foot and glide it“. Am Ende wird sie für die Umsetzung gelobt: “Dat’s de way, you got de right motion / You got de right notion”. (Wobei Mr. Diamond die konsistente Verwendung von „de“ hörbar schwer fällt…).

So richtig widerstehen kann man dem Rhythmus eigentlich nicht, so gewöhnungsbedürftig Neils Gesang hier ist. Versuch macht kluch, oder wie war das?

Reminisce For a While

Heute machen wir mal kurz Country. Auf nach Tennessee…

„Being here is being where I want to be” konstatiert Neil. Ach, super – aber Moment, es ist ein Diamond-Song…warten wir mal auf das  „aber“. Das kommt am Ende der Strophe, „Ich weiß, dass ich meine Zeit mit Dir nie vergessen könnte“. Aha, diamondsches Dilemma im Aufbau!

I’d much rather stay
But I’ll be on my way
And never again see you smile
For all that it’s worth,
I’d move heaven and earth
To just reminisce for a while

Uuuund – da ist es ausformuliert. Herr Diamond muss weiterziehen, höhere Gewalt, da ist auch Liebe nicht vor. Und obwohl er „Himmel und Erde in Bewegung setzen“ würde, ist sein Verbleib unmöglich. (Jetzt wissen wir auch, warum er vorsorglich verkündet hat, sie „bedeute ihm mehr, als sie jemals wissen wird“.) Aber bevor wir auch die zweite Augenbraue hochziehen, fügt er zerknirscht hinzu „I let go even though you’re what I want“. Ein wenig Eigenbeteiligung ist bei dieser Situation wohl doch dabei…versteh einer die Männer, respektive ND. So bleibt ihm die Erinnerung und die Erkenntnis „near to you’s where I belong“. Tja.

“In Erinnerungen schwelgen” ist immer mit einem Innehalten verbunden. Die Zeit bleibt kurz stehen, der Blick geht nach innen und verklärt sich auch ein wenig.
Auch in diesem Song betrachtet Neil eine vergangene Beziehung, aber diesmal nur mit bittersüßer Wehmut. Wir hören klare und kurze Sätze und einfache Paarreime – hier braucht es keine komplizierten Strukturen, schließlich spricht direkt das Herz. Und das ist voll von Reminiszenzen. Hach.

River Runs New Grown Plums

Vom schmerzlichen Ende der Liebe springen wir zur Verheißung des Anfangs. Lässig vierzig Jahre zurück in Neils Output, hin zum Beginn der Marcia-Phase. Vielleicht ist das einer ihrer Songs, jedenfalls scheint die Besungene eine Traumfrau gewesen zu sein.

Dieser Song klingt nach einem einfachen Liedchen. Schwungvolle Melodie und ein Refrain, der an die englischen Kinderreime erinnert. Aber hier geht es nicht um Rosen, Veilchen und Zucker („Roses are red, violets are blue, sugar is sweet and so are you“), sondern um zwei Erwachsene. Neil besingt keine zarten Blüten, sondern reife Früchte. Und jaha, das hat auch sexuelle Konnotation. Gehen wir mal durch.
Schwer verliebt ist der gute Mann. Und die Dame will auch gar nichts von ihm, was er ihr nicht geben könnte, sondern nur ihn selbst: „But all that she wants, yeah / Is knowin‘ that I’m there with her“. Es ist seine Person, die für sie zählt, er allein. True love.

Und ihre Anwesenheit lässt ihn wiederum alles vergessen. Sie ist „barfuß und voller Keckheit“ und er bringt keinen vollständigen Satz mehr heraus: „When she’s around, yeah / I don’t know and don’t ya ask me“. Holla. Er verwendet Umgangssprache; seine Angebetete ist keine kapriziöse Lady, sondern offenbar unkompliziert und eher mädchenhaft. Da ist nichts Schwieriges in dieser Beziehung, alles ist einfach und leicht, sie lässt ihn wohl auch nicht gerade im Unklaren über ihre Gefühle. Und so folgt ein sprachlich schön konstruierter Refrain, der voller „Natürlichkeit“ und entsprechender Begriffe ist:

So unaufhaltbar wie der Flusslauf, so deutlich, wie die reifenden Früchte blau sind, so klar ist es, dass er sie liebt. Und er nennt sie sogar „Honey“, das passt zur verführerischen Süße der Pflaumen. Die beiden wird so schnell nichts aufhalten. It’s natural, der natürliche Lauf der Dinge.

River runs on down
Nothin’ll keep it from where it’s bound
New grown plums are blue
Honey it’s natural
I love you
La la la la la la la….

Was für ein erfrischender Song über eine junge Liebe

Rosemary’s Wine

Sooo, wir sind zurück bei „Serenade“. Kein anderes Album bietet so dichte Texte, und natürlich ist dieser Song keine Ausnahme.

 Wo fangen wir an? Wahrscheinlich ist eine systematische Betrachtung am Besten. Los geht’s, Schluck für Schluck.

Neil singt über Wein. Und hier ist das weniger kulinarisch als metaphorisch gemeint – Schon im Alten Testament (wir erinnern uns an das Hohelied…) wurde so die Köstlichkeit der Liebe umschrieben, deren Wirkung „wie Wein“ anmutet. Noch dazu heißt die Dame Rosemary, zu deutsch…Rosmarin. Diese in vielen Gesellschaften symbolisch stark angereicherte Pflanze war im Altertum Aphrodite geweiht, der Göttin der Liebe. (Auch in Deutschland hielt sich lange der Brauch, Bräute mit Rosmarinzweigen zu schmücken…)

Es geht also nicht um‘s Trinken, sondern um die Liebe. War ja eigentlich klar, auch wenn Mr. Diamond weitere Wein-Songs mit eher manifesten Textebenen im Repertoire hat.

Was geht mit Rosemary? Oje, ihr Blick „schmerzt“. Und zwar „fast so, als ob sie wüsste“, „als ob sie es gesehen hätte“, er scheint hinter ihrem Rücken zu agieren. Wobei er eine starke Bindung zu ihr, zu “ihrer Seele” spürt:  

And her words
Soft as they could be
Tied me to her soul
And couldn’t set me free

Darüber hinaus beschreibt er auch körperliche Anziehung, der er gerne nachgibt, „die Nacht hielt uns noch einmal in ihren Armen“. Jedoch schließt die Strophe mit seinem Wissen, dass er trotz Allem den süßen Wein der süßen Rosemary ablehnen wird. Seine ersten Zeilen haben ja schon darauf schließen lassen, dass er ihr etwas verheimlicht.

And I suppose
That I’ve been less than true
Being what I am
What was I to do?

Aha. Es gibt wohl noch andere Versuchungen als Rosemarys Wein und er sieht sich bei aller Verbundenheit außerstande, ihnen zu widerstehen. So lassen ihn ihre ‚Köstlichkeiten‘ angeblich emotional unberührt („bein‘ cold“), er genießt sie nur bis zu einem gewissen Grad.

So I drink
The sweetness of her soul
And drink it once again
But even then
I guess I’d known
That I would decline
Sweet Rosemary’s wine

Mehr ist nicht drin, kein Happy End, kein Rosmarinzweig. Ihr „Wein“, die „Süße ihrer Seele“ ist für ihn Genuss im Bewusstsein, dass er nicht bleiben wird. Ob ihn das wirklich so unberührt lässt, ist ein wenig fraglich, wenn man neben dem Text auch an seinen Vortrag denkt. Rosemary lässt ihn vielleicht doch nicht ganz so kalt. Oder?

Und jetzt müssten wir noch diskutieren, ob Rosemary eine reale Frau ist – oder wiederum eine Metapher, eine allegorische Figur; „Rosemary’s Wine“ wäre somit die Liebe an sich…(Ich tendiere zur zweiten Variante.)
So oder so ein berückender Song, faszinierend wie das ganze Album