On the Robert E. Lee

Der heutige Song ist mal wieder klein, aber oho…Während Neils „Jazz Singer“ nie so schlecht wie die Kritiken war, steht die Großartigkeit des Soundtracks aber ohnehin außer Frage.

Wo fangen wir an? Dieser Uptempo-Song wird im Film während einer kleinen Party zum Besten gegeben.
(Jess und seine Freude sind gerade von Keith Lennox gefeuert worden, der „Love On the Rocks“ lieber mit ordentlich „boom boom“ aufnehmen will anstatt als Ballade. Die hoffnungsvollen Karrierepläne sind geplatzt, aber Bubba will lieber feiern als verzweifeln. Letztendlich bringt der Abend tatsächlich eine Wende, als Molly beschließt, sich um Jess‘ Karriere zu kümmern und ihm kurz darauf die richtigen Kontakte vermitteln kann.)

Die Auswahl des Themas ist kein Zufall. Die „Robert E. Lee“ war Ende des 19. Jahrhunderts ein Dampfschiff (benannt nach einem Bürgerkriegs-General). Legendär geworden durch eine Wettfahrt auf dem Mississippi, die ihr Kapitän mit mehr oder weniger unlauteren Tricks entscheiden konnte.

Warum Neil nun ausgerechnet darüber einen arrangementtechnisch sehr „anders“ klingenden Song schreibt? Weil er sich damit auf seine filmische Vorlage bezieht. In der ursprünglichen „Jazz Singer“ Version mit Al Jolson (1927) gab es einen Song namens „Waiting For the Robert E. Lee“. Dieser gehört zu den American Popular Standards und ist von allen Großen des Business gecovert worden. Darin geht es um die fröhliche Erwartung der Ankunft des Schiffs (Standardstrecke war St. Louis-New Orleans), Volksfestcharakter, und außerdem ist sein „Baby“ an Bord, was die Laune nochmals anhebt. Ein mitreißender Schlager.

Jemand aus Yussels/Jess‘ Band ist in der Szene mit einem Banjo zu sehen, wie erwähnt ist der Sound recht dominant, was wiederum Bezug zum alten Schlager nimmt, dort heißt es „While they are waiting / The banjos are syncopatin'“.
(Anm.: Wenn wir mal zu „You Baby“ kommen, wird die American Popular-Tradition nochmals interessant. Die alten Schlager wurden nämlich gerne in sogenannten Minstrel-Shows dargeboten, wo sich die Performer in „Blackface“ präsentierten…also als Afroamerikaner schminkten. Al Jolsons „Jazz Singer“ zeigt genau solche Szenen.)
Neil aktualisiert von Jazz zu Pop und nimmt Al Jolsons Grundstimmung auf. Im Song geht es um die Ankunft des Schiffes in New Orleans, die jedesmal einen Volksauflauf verursachte. Neil wendet sich direkt mit „Hey“ an seine Hörer und fordert uns auf, am Erlebnis teilzuhaben, „look at the way she’s wavin‘ her sail“.

„She“ ist natürlich keine Frau, sondern das Schiff: „People hurry on down from every town / Have a look at the Robert E. Lee“, und die bietet einen grandiosen Anblick, „a wondrous sight to see“. „Stolz“ und „stark“ und „zum Freisein geschaffen“. Can’t go wrong on it, soviel ist klar.

Die euphorische Stimmung im Hafen überträgt sich auf die Wartenden. Das Leben ist wunderbar, so fühlen sie sich. Gefeiert werden die kleinen und einfachen Freuden, hier durch Sonne und Wind repräsentiert:

Got the sun in my eyes
And the wind in my face
And it’s good just to be alive
Gonna set out tonight for New Orleans
I won’t sleep till I arrive

Was braucht man mehr? Wie im Jolson-Song fügt Neil/Jess noch einen Flirt als Zusatzfreude hinzu. Inmitten der Menschenmenge gibt es noch jemanden besonderen.
And if I’m lucky,
I’ll find a young lady under the stars
And we’ll dance the night away

So frei, stolz und stark wie die „Robert E. Lee“ erscheint, so fühlt er sich in seiner Lebenssituation. Vielleicht wird er seine Zukunft als Farmer verbringen oder es gar nicht weiter planen, „livin‘ from day to day“. Heute ist er jedenfalls beim Fest und alles scheint möglich.

But I’m free tonight in New Orleans
If I like it, I just might stay

So fügt sich das Lied in den Ablauf der Filmgeschichte. Jess und Freunde stürzen in kein Loch der Verzweiflung, als ihre musikalischen Pläne zu scheitern scheinen. Sie nutzen die Zeit in L.A., und Jess Robin wird es tatsächlich zum gefeierten Star schaffen. Can’t go wrong on him, soviel ist klar.

Auch wenn Neils „Robert E. Lee“ klein ist im Vergleich zu Jolsons, ist es doch ein nettes und geschickt gemachtes Stück. ND hat seinen Film mit ganz eigenen Unsterblichkeiten versehen, von „America“ über „Love On the Rocks“ bis „Hello Again“; dieser Song ist nur eben ein „Insider“-Späßchen, ein Verweis auf die musikalisch-filmische Tradition von „The Jazz Singer“…

On the Way to the Sky

Neil Diamond und die 80er Jahre sind ein Thema für sich. Eine der wenigen echten Perlen aus dieser Ära ist dieser Song, danke fürs Wünschen, @heartlight! (Ich habe, ehrlich gesagt, nicht nach-geschlagen, wer genau für den Text verant-wortlich zeichnet, aber nehme mal NDs Perspektive als „lyrisches Ich“, als den „Spre-cher“.)

„Auf dem Weg zum Himmel“ wünscht sich wohl jeder Mensch zu sein. Religiöse Menschen sehen ihre Lebenszeit so, und auch gemeinhin ist der „Himmel“ ein Symbol für Glückseligkeit, Zufriedenheit, das Ziel der Lebensreise.

Neils Songtext bringt –natürlich- die Liebe als wesentliches Element ein: „We are two and two of us are one”, dieses Konzept begegnet uns in vielen seiner Songs. Die Liebenden als Einheit – wir erinnern uns an Plato und die zwei Hälften, die einander suchen…auf ihrem Weg zum Himmel finden sie hoffentlich den passenden Gegenpart. ND rappelt sich hier allerdings von einem Fehlversuch auf:

I’m back on my feet again
Out on the street again
Looking for love
On the way to the sky

Dieses Lied nutzt das Motiv der Bewegung auf vielen Ebenen: der (Lebens-)Weg, die Straße, „moving up“ im Gegensatz zu „standing still“. Unbeirrt setzt er seinen Weg fort, wagt sich “auf die Straße”, um sich dem zu stellen, was ihm begegnet. Er gehört zu den Menschen, die „nach oben streben“ (himmelwärts…), er verharrt nicht wie diejenigen, die „still stehen“. Letztere werden nämlich niemals den Himmel erreichen. Und er begegnet dabei denen, die „ihre Hand entgegen reichen“ – so wie solchen, die das „niemals“ tun werden.

 Lovers and liars consumed by the fires
Of too many dances but not enough song

 Ob wahre Liebende oder „Lügner“ – man ist in Gefahr, verzehrt zu werden vom „Feuer“ (das Licht, Wärme und Leidenschaft symbolisiert, aber eben auch schnell außer Kontrolle geraten und alles Leben zerstören kann). Hier: „the fires of too many dances“. Tanz – eine rhythmische Form der Bewegung, weitere Facette.

Musik und Tanz sind eigentlich eng verknüpft, jedoch ist in der westlichen Kultur der Tanz an viele gesellschaftliche Regeln gebunden. „Song“ ist eine direkte und intensive Ausdrucksform für Stimmungen und Gefühle, der auf der emotionalen Ebene wirkt, der Tanz ist (bis auf künstlerischen „Ausdruckstanz“) meist auf standardisierte Bewegungen beschränkt, erfüllt als nicht-künstlerische Art eher einen „Zweck“ (Flirt, Zeitvertreib, „Networking“ usw. … vgl. „auf vielen Hochzeiten tanzen“), während ein Lied durch die Verknüpfung von Text und Melodie unmittelbar Emotion vermittelt und auch auslöst.

Neil will sich zuwenden, „hear my song“, bittet er. Aber gerne! 

Die nächste Strophe behandelt einen weiteren Aspekt von „Bewegung“, nämlich dem Nutzen des richtigen Zeitpunkts,

We pity the poor one
The shy and unsure one
Who wanted it perfect
But waited too long

Diamondsche Lebensweisheit, der nächste Teil. Nein, es gibt keinen perfekten Zeitpunkt für gar nichts. Irgendwas ist immer, irgendwann muss man eine Entscheidung treffen und ggf. handeln.

Und während man so seinen Weg weiter geht, verliert man seine „Unschuld“ in vielerlei Hinsicht, reift, bewegt sich aber hoffentlich weiterhin „aufwärts“: gemeinsam, „On the way to the sky / you and I“.

Nicht zuletzt hören wir die Melodie ja im Walzertakt, der Walzer nimmt das Motiv der Liebenden auf, die als Einheit zusammengehören, er ist das kulturelle Symbol für Romantik und Liebe: der klassische Hochzeitstanz.

And we are two and two of us are one
But maybe two of us can be enough
To get it done

Und das ist wieder einmal die Essenz dieses Textes: „Zwei“ als Einheit, die gemeinsam das Unbill der Welt hinter sich lassen können, um am Ende himmlisches Glück zu erleben. Gemeinsam zu den Sternen, und das im Walzertakt. On the Way to the Sky, hach ja.

Once In a While

So, neues Jahr, neuer Text! Wir arbeiten uns mal weiter durch die Liste. 

Der heutige Song heißt „Once In a While“, „Hin und wieder“. Was passiert denn bei Neil, „hin und wieder“ oder „ab und zu“?

Er ruft sie an, einfach so. Um zu wissen, „dass sie noch da ist“, dass es sie noch irgendwo gibt. Um sich zu vergewissern, „einfach so“.

Denn die beiden haben eine Vergangenheit:

And once you were mine long ago
When the evening was warm and free
Once you were mine
When the evening
Was full with that glow

Es gab nämlich mal eine Zeit, als sie zusammengehört haben, eine fast magisch beschriebene, kurze Zeit. Neil wählt das Bild eines „warmen Abends“, der interessanterweise auch „free“ war. Sie waren losgelöst von Verpflichtungen und konnten miteinander die Zeit hinter sich lassen, „erfüllt  von diesem Leuchten“. (Liebe, natürlich.)

Wir hören eine berückende Melodie im Dreivierteltakt, und so passt auch die musikalische Ebene zu dem intimen Bild, das er mit Worten erschafft: Walzer, Romantik, seufz!

Aber es ist „the evening“ und nicht forever, es war „once“ und die Szene spielt in der Vergangenheit. Denn es handelt sich um die zärtliche Erinnerung an einen Moment, der längst vorbei ist.

And who could have known
We’d have flown far away
From the way we were
Knowing the way we were
Once in a while

Sie mögen längst nicht mehr vereint sein, aber das hindert ihn nicht daran, sich stets zu erinnern an die gemeinsame Zeit. Zu „wissen“, wie es mit ihr war…Und sein „once in a while“ ist wohl öfter, als ihm bewusst ist. Nicht umsonst wird es im Text viele Male wiederholt…Er hält die Verbindung, und das ist vermutlich auch nicht „einfach so“, sondern noch mit jeder Menge Gefühl verbunden. Knowing the way we were.

Der Song ist eine von Neils versteckten Perlen, einfach und geradeheraus. Die Melodie erinnert an nostalgische Spieldosen, in denen sich manchmal eine kleine Ballerina dreht. Und so hört man auch dieses kleine Lied, once in a while, und lässt sich verzaubern von der hinreißenden Zärtlichkeit, die man zu hören bekommt. Wunderschön!

 

One By One

Neil nutzt diese nette uptempo-Nummer, um uns mit einigen Lebensweisheiten zu versorgen. Die zentrale Struktur ist das nebeneinander von „einzeln/einer nach dem anderen“ und „zu zweit“. Der Text ist dabei genauso dynamisch wie die Musik und solide-stringent aufgebaut.

Einzeln realisiert man seine Situation, einzeln sucht man nach Lösungen und realisert sie zu zweit. Das ist der Grundaufbau der Strophen, bevor Neil im Refrain dazu aufruft, sich von altbekannten Zwängen zu lösen, um glücklich miteinander zu werden.

Einzeln finden sie sich ein, desillusioniert, verloren – nicht auf „der Straße des Lebens“ sondern „auf der Straße ZUM Leben“. Denn wie wir später hören, wird Neil verkünden „life is love“ und Liebe lässt einen nicht verloren gehen, wenn man sie erstmal gefunden hat. Man muss nur erstmal dort ankommen.
Aber zurück zur Ausgangssituation.

Die gar nicht so rosige Ausgangslage in den ersten Zeilen ist nicht hoffnungslos. Mit „two by two“ beginnen die Darstellung der positiven Aussichten: Man ist noch verwirrt, aber vom „guiding light“, es gibt Anleitung und Orientierung. „So much to do“, Aufbruchstimmung.

Und es scheint einiges los zu sein, hören wir in Strophe zwei. Jeder einzelne bricht mit Tradition, alten Wertvorstellung, „raise their flag“, man steht dazu und macht seinen Standpunkt deutlich. „Go their own way“. Wie schon in der ersten Strophe, markieren die Worte „two by two“ die Schilderung der positiven Stimmung: zu zweit brauchen und wollen sie keine „Erlaubnis“, sie finden ihr eigenes Ding und sind zufrieden damit. „Just begun, so much to do“, man arbeitet an dieser modernen Freiheit.
Und jetzt legt Neil los mit der Botschaft dieses Songs, bezieht sich selber mit „me and you“ in sein one by one/two by two-Konzept ein. Und er will es der ganzen Welt mitteilen, „spread the word to each generation“, das ist für jedes Alter wichtig, denn „truth will grow wherever it’s told“.

Es ist eine wunderbare Wahrheit, die er dann verkündet, Leben ist Liebe in jeglicher Daseinsform, Liebe ist frei und lebt in der Seele. Das wiederholt er uns nochmal eindringlich mit den wichtigsten Stichworten, bevor er mit „we gonna make it through“ bestätigt, dass er eingeschlagene Weg der richtige ist.
Ein mitreißender und ausdrucksstarker Song, der auf dem glücklosen „Primitive“-Album etwas untergeht. Spread the words

One More Bite of the Apple

Neil hat sich dieses Lied als Opener für die 2008er Tour ausgesucht, die ganz im Zeichen seines grandiosen Albums “Home Before Dark” stand. Auch wenn die beiden Folgetouren danach viel Spaß gemacht haben, sind diese Performances unerreicht geblieben. Auch, weil er danach wieder zu seiner Nummer-Sicher-Setlist zurückgekehrt ist. Schade um die hervorragenden Songs.

Der Songtitel beinhaltet mehrere Wortspiele. Im Englischen bedeuten “two bites of the apple” die Möglichkeit, dieselbe Handlung auf verschiedene Arten auszuführen. “Second bite of the apple” ist ebenso die Chance, eine verlorene geschäftliche Verhandlung oder ein Gerichtsverfahren im zweiten Anlauf doch noch zu gewinnen und erfolgreich abzuschließen.

Und wir kennen natürlich alle die Geschichte von Adam und Eva. Der Apfel als verführerisches Symbol für alle Verlockungen und Gefahren des Lebens, Frucht vom Baum der Erkenntnis. Wer das Leben und all seine Genüsse auskosten und erleben will, muss letztendlich auch die Mühen, Sorgen und die eigene Vergänglichkeit hinnehmen. Und das will Neil. Nochmal in den Apfel beißen, das Leben mitnehmen und den “Nektar des Lebens” schmecken.

In der ersten Strophe ist sich Neil einer Unruhe bewusst. “Been away from you much too long”, “free the bird from the cage”, er spürt Sehnsucht und möchte ausbrechen. Weg von der Theorie, er will ins echte Leben. “I couldn’t get the music out of my mind”, “Did it once / You can do it once more”, er erinnert sich daran, was ihn bisher angetrieben hat. Seine Strophen enden jeweils mit einem optimistischen “yeah”, er ist tatsächlich bereit für sein Ziel, bereit, loszulegen.
In den zentralen Zeilen fühlen wir seine Energie, seine Sehnsucht, die ihn nicht loslässt, was ihn erfüllt. Von Altersgelassenheit keine Spur:

“Ich komme zurück, um nochmal in den Apfel zu beißen /
Er schmeckt süß, ist der Nektar des Lebens /
Und Du weißt, dass es richtig ist /
Weil Du weißt, dass Du da draußen nicht allein bist /
Und dass ein weiterer Biss in den Apfel alles ist /
Was Du brauchst, um das zu verdeutlichen”

Der Biss in den Apfel, der süße Nektar wiegt verlorene Chancen auf, den Preis, den er bezahlt hat. “ I can’t help thinking about the days” und “I know I wanna taste them once again”. Er möchte das Leben spüren, “Zeit, aus dem Bett aufzustehen weil ich zu lange geschlafen habe”. Ruhe und Bequemlichkeit geben ihm nicht das, was er sucht, er “got some things to be said”. Und er weiß, “da ist ein Platz, wo ich hingehöre”. Yeah. Wir wissen natürlich längst, was er meint. Wohin es ihn zieht und wohin er gehört…

“Maybe I could bring them back again”, ja, vielleicht kann er diese Zeiten nochmal heraufbeschwören, nochmal all das erleben, was ihm so viel bedeutet. Es ist nicht zu spät.

“One more grab at the brass ring that’s flying by”. Hier verwendet Neil eine sehr interessante Wendung. Dabei geht es im eigentlichen Wortsinn um ein Spielchen im Vergnügungspark – wenn man Karussell fährt, kann man während der Fahrt kleine Ringe einsammeln, die in Reichweite befestigt sind. Die meisten sind schlicht und aus Eisen, aber ein Ring ist aus Messing. Man muss sich auf seinem Pferdchen etwas recken und strecken, um den Ring zu ergattern, und wenn man den brass ring im Vorüberfliegen erhascht, bekommt man einen Preis. Im übertragenen Sinne bedeutet “grabbing the brass ring”, sich um den Hauptpreis zu bemühen – oder eben das Leben voll auszukosten. Durch ein wenig zusätzliches Bemühen noch mehr Freude, Gewinn und Vergnügen herauszuholen.

“One more toast to the mud in your eye”, das ist eine auf biblische Zeiten zurückgehende Formulierung für “Prost auf die Gesundheit, das Wohlergehen“. Santé, Neil. “All I want is to do it once more / Let me get through that door / Cause I still do believe that I can”, ja, er fühlt sich voller Kraft und bereit, allen Anstrengungen zu trotzen. Und am Ende singt er uns den schönsten Teil:

“Been around the world a time or two
Everywhere I’ve been I thought of me and you
I was hoping you’d remember how it used to be
And maybe that you’d still remember me
And that apple just as sweet as it could be
Reach right up and pick one of that apple tree”

Und ob wir uns daran erinnern, wie es gewesen ist mit uns und Neil. Der Mann gehört auf die Bühne und bei allen Strapazen ist der Applaus sein Nektar des Lebens. So lange er sich nach diesem Apfel strecken kann, wird er ihn pflücken, und wir werden das auch tun. Come back, Neil, wir sind da

Best opener. Ever.

Open Wide These Prison Doors

Und los geht’s! Heute werfen wir einen Blick auf Neils grandioses –ich nenne es mal „Comeback“-Album. Nach vielen Jahren, in denen er Songs mit viel Potenzial totproduzieren ließ, hat mich dieser Ausflug ins Country-Genre endlich wieder überzeugt.

Es gibt einige ganz große Titel hier, von den genannten Wunschtracks habe ich mich für „Open Wide These Prison Doors“ entschieden, da der Text dort echtes „Werkzeug“ ist.
Der Song lebt vom Bild des Gefängnisses. „Open Wide These Prison Doors“, Neil fühlt sich gefangen und bittet um Freilassung. Flucht wird hier erstaunlicherweise nicht thematisiert, er möchte ‚ganz offiziell‘ in die Freiheit entlassen werden.

Seine Fesseln sind offensichtlich metaphorisch, „tied by love to you“, er könnte also doch eigentlich einfach davonmarschieren. Einfach ist aber leicht gesagt, denn „still, I’m afraid of knowin‘/what leavin‘ means“ – ein wenig fürchtet er das, was kommt, wenn er die Verbindung löst. Und die hat es in sich, denn ganz sind die Gefühle wohl noch nicht erkaltet. Er findet freundliche Worte für sein Gegenüber, „you were always caring, always warm and kind“, schränkt das aber ein auf die Zeit „long ago, when love was blind“. Wer von den beiden hat da Wesentliches durch die rosarote Brille gesehen? Neil erkennt „I’ll love you even though I’m leaving“. Das ist kein „Ich hasse sie, ich verlasse sie“-Abrechnungsstück, das ist die bittersüße Alltags-Fortsetzung eines Liebeslieds. „Time is always moving while we’re here standing still“. Tja, so ist das. Zeiten und Wahrnehmungen ändern sich.

Was für eine vertrackte Situation. Es geht nicht ganz ohne sie, aber mit ihr wohl auch nicht. „Need to find another place, where love is not just tossed away“, oh je, das klingt nicht harmonisch. “If I stay, I’ll lose my mind” auch nicht. Was genau vorgefallen ist, erfahren wir nicht, aber “the way that I’ve been hurt” zeigt, dass er so Einiges nicht leicht verwinden wird.

Und das, nachdem Neil der Dame angeblich alles zu Füßen gelegt und ihr seine Seele offenbart hat „I know I lived for you in all I tried to do/you were the keeper of my dreams“. Und so kommt es, dass er sie bittet, ihn gehen zu lassen, gerade weil sie noch gefühlsmäßig verbunden sind: „If you really care for me, open wide these prison doors, take these chains from ‚round my heart“. Dass er gehen wird, hat er mit der Feststellung „I’m leaving“ schon deutlich gemacht, aber wegen ihrer besonderen Verbundenheit möchte er sich nicht davonstehlen, sondern mit ihrem „Segen“, ihrer Zustimmung gehen. Set me free, das ist deutlich eine Bitte an sie, aktiv zu werden.
Auch dieser Song ist textlich wieder sehr geradlinig und benötigt keine Bezüge zu anderen Quellen, hier geht es um intime und persönliche Angelegenheiten (Country!), die Sprache des Herzens. Neil verwendet die Gefängnis-Terminologie sehr stringent, von chains, ties, prison bis zum keeper. Letzteres ist sehr interessant, denn die „Hüterin der Träume“ wird im sprachlichen Gesamtzusammenhang letztendlich zur Gefängnis¬wärterin, hervorragendes Konstrukt.

Und wir alle wissen, in welcher Phase dieser Song entstanden ist und ziehen automatisch unsere Schlüsse.
„Marcia“ blinkt in roten Lettern quasi schon an der Gefängnisausfahrt 😉