No Words

Springen wir doch mal in die puristische Phase der Reife. Das 2008er-Album HBD ist weit entfernt von willkürlichen Demo-Veröffentlichungen; was wir hören, sind voll ausgereifte Songs und große Kunst.

Mr. Diamond ist ein Schelm. Er schreibt einen Song darüber, wie Worte nicht ausreichen, um seine Gefühle, seine Beziehung und manche verschlungenen Lebenspfade zu beschreiben. Tatsächlich gibt es durchaus Lieder von ihm, die auch in einem ‚wortlosen‘ La-la-la komplexe Emotion auszudrücken vermögen.

Aber nicht in diesem Song! Weder musikalisches Arrangement noch sein Vortrag geben Empfindung preis.
Tja, da bleibt uns wohl nichts anderes, …als dem Text zu lauschen. Von wegen „No Words“. Pfff!

In Strophe 1 kommt er zu dem Schluss: “I’ve found no words for you”. Es gibt keine entsprechende Umschreibung, weder sachliche („Lexika“) noch poetische („Bücher“) können ihr gerecht werden. In Strophe 2 erweitert er dieses Problem auf sich selbst, „No words can define what I’m feeling“. Die ‚Wahrheit‘ liegt in der Liebe selbst, der Magie der Begegnung und der gemeinsamen Erfahrung, die ihm wohltut.

No words can bring that magic kind of healing
Just as much as your touch can do

Es geht um das Empfinden selbst, nicht die Mitteilung darüber. Das Gefühl ist wichtiger, als eine exakte Definition dafür zu finden und niederzulegen. Einige Anhaltspunkte hat er ja („…one or two / That danced around in my head“), aber letztendlich weiß er doch genau: „But words that talk about me and you / Are better felt than said.” Das Vokabular ist hier nonverbal.

Und so kann er auch über die Beziehung nicht sprechen, ohne die Dimension des zugrundeliegenden Empfindungen zu schmälern

There are no words that can tell our story.
They just get in the way.
It’s all about the feelings that you’re feeling,
Not about the words that you say

Er und sie wissen, was sie fühlen, und sie erfahren, was Liebe bedeutet. Es in Worte zu fassen, könnte der Bedeutsamkeit niemals gerecht werden. Vielleicht abgeschmackt oder auf bestimmte Facetten reduziert, jedenfalls nicht vollständig „wahr“. In der letzten Strophe erweitert Neil das Themenspektrum von seiner Liebe hin zum Leben und seinem Mysterium an sich. Mit Worten lässt sich kein Sinn herausfiltern, und auch „Gottes ewiger Plan“ bleibt menschlicher Vernunft verschlossen. So bleibt Neil bei seinem gefühlten Erleben und formuliert gelassen:

We only know enough to ask the questions,
Not enough to understand

Der menschliche Verstand kann Probleme herausarbeiten und Fragen zu allen Lebensbereichen mehr oder weniger präzise formulieren.

Die Antwort liegt jedoch oft „nur“ im Gefühl, und das ist manchmal zu überwältigend, um komplett erfasst zu werden.

No words

Und so findet er doch ziemlich viele wahre Worte für sein Gefühlsplädoyer.