Make You Feel My Love

Und jetzt, Trommelwirbel, geht es wirklich um das Werk eines Nobelpreisträgers. Wir verneigen uns vor His Bobness in dem Bewusstsein, dass sein Oeuvre stets andere Interpreten braucht, um zu wirken. Auftritt Neil Diamond.

Neils Version trägt den Originaltitel, während andere Coverversionen das Infinitiv-“to” im Titel tragen, was die Bedeutung aber nicht verändert. Der Song heißt immer noch “Dich meine Liebe fühlen lassen”. Oh, schön! Dann sehen wir mal, wie er das macht:

In den ersten Strophen malt er ein jeweils mit “when” eingeleitetes Szenario. When, nicht “if”, denn es handelt sich um Bilder des natürlichen Alltags. “Wenn der Regen Dir ins Gesicht bläst” und “Wenn die abendlichen Schatten und die Sterne erscheinen”, diese Szenen kann man nicht vermeiden, es wird immer wieder Abend (wir kennen das Bild der hereinbrechenden Nacht und aller Konnotationen) und auch das Wetter muss man hinnehmen. Situationen, die genau so stattfinden werden. Das Unausweichliche wird dann mit persönlicher, situativer Traurigkeit verbunden, “the whole world is on your case” und “there is no one there to dry your tears”.

In dieser Situation möchte er da sein mit seiner Liebe: “I could offer you a warm embrace” und “I could hold you for a million years”, lange und warme Umarmungen, intensiver und zärtlicher Körperkontakt, Ausdruck von Geborgenheit und Schutz vor Kälte und Einsamkeit auf allen Ebenen. Ja, so geht das. Das Unvermeidliche wird erträglich und ansonsten können alle Widrigkeiten vermieden werden, durch Liebe.

Im Mittelteil bemerken wir dann, dass diese Zeilen in werbender Absicht verfasst sind. Die Dame “hat sich noch nicht entschieden”, er ist dafür umso entschlossener.

I’ve known it from the moment that we met
No doubt in my mind where you belong

Für ihn gab es niemals einen Zweifel, was eine recht außergewöhnliche Aussage ist. “Vom Moment an, als wir uns trafen” dürfte wohl kaum jemand überzeugt sein. Aber mehr noch, neben der liebevoll angebotenen Wärme ist er bereit, als Liebesbeweis seine Unversehrtheit herzugeben.

I’d go hungry, I’d go black and blue
I’d go crawling down the avenue
There’s nothing that I wouldn’t do
To make you feel my love

Er ist bereit, sowohl körperliche (Hunger, Verletzungen) als auch psychische (“crawling” beinhaltet auch öffentliche Demütigung) Schäden hinzunehmen, allein, um sie seine Liebe spüren zu lassen. Reine Hingabe. Und wenn das Meer des Lebens so sturmgeplagt ist wie der ebensolche “Highway des Bereuens”, dann sind es nichts anderes als die “winds of change”, die dort wüten. Alles wird anders, denn “You ain’t seen nothing like me yet”, er ist anders, besonders und für sie gemacht.

I could make you happy, make your dreams come true
There is nothing that I wouldn’t do
Go to the ends of the earth for you
To make you feel my love

Das Besondere an dieser fast verzweifelt-intensiv anmutenden Liebeserklärung ist die absolute Glaubwürdigkeit. Die Worte kommen geradeheraus und treffen unmittelbar ins Herz, fast ausschließlich aus der “Ich”-Perspektive. Ein „Ich“ appelliert an ein „Du“. Da ist nichts geschraubt und verschnörkelt und doch ist jede Zeile so perfekt, dass man sie in Stein meißeln könnte. Einer der schönsten und romantischsten Lovesongs aller Zeiten.

 

Mama Don’t Know

Heute beschäftigen wir uns (nochmal) mit einem Song von „September Morn“. Es heißt „Mama weiß nicht“, und obwohl ein „Prediger“ darin vorkommt, ist es eher keine gottesfürchtige Hymne…

Was einem vor allem um die Ohren gehauen wird, ist grauenvolle Grammatik: fehlende und falsche Flexion der Verben („don’t“ statt „doesn’t“, „know“ statt „knows“ usw.) in fast jeder Zeile!

Linguisten werden hier aufmerksam, da diese spezielle Art zu sprechen, ein Merkmal des afroamerikanischen Slangs ist. Will Neil hier durch Sprache die Perspektive einer Bevölkerungsgruppe vermitteln? Dazu gehört auch die Vokabel „preacherman“, die vor allem in den Südstaaten der USA zu finden war/ist…und dereinst viele afrikanischstämmige Sklaven leben mussten.

Neben der direkt auffälligen Sprache lässt auch der Inhalt aufhorchen.

Mama weiß nicht
Was der Prediger weiß
Aber der Prediger weiß es ganz gut

Papa weiß nicht
Was der Prediger tut
Wenn der Prediger heute Abend rauskommt

Ein „Prediger“ ist eigentlich eine Vertrauensperson, jemand mit Autorität. Ein Gottesmann! Dieser Mr. Preacherman hier tritt aber erst „Abends“ in Erscheinung, wenn das Tagwerk beendet ist und der gemütliche Teil beginnt. 😉

„Mama“ und „Papa“ irgendwie ahnungslos, was den Herrn betrifft. Sie können seine Absichten und seine Handlungen offenbar nicht durchschauen. Das macht sie verletzlich, angreifbar, sie sind ihm ausgeliefert, was durch die Zeile „Well, he’s talking tot he weak“ noch unterstrichen wird. Der preacher man hat eine gewisse Macht.

Im Song gibt es eine Diskrepanz zwischen christlich-frohlockender Hingabe und Text mit leicht anzüglicher Konnotation.

Sweet Lord, we rejoice
And give ourselves to thee
True, Light, Glory and Grace

– Das klingt wie aus den best of Psalmen zusammengeschustert. Der Herr ist das wahre Licht, er gibt Gnade und Ehre. Jauchzet, frohlocket. Tja, „Don’t he touch you when he speaks?“ Gewiss, man ist ergriffen, vor allem wenn man zu den “Schwachen” und Verführbaren gehört. Die Erlösung ist nahe.

Allerdings ist es im Text dem “Papa” im Grunde auch egal, was der Prediger sagt – solange es mitreißend genug ist… „Papa don’t care / What the preacher man say / If the preacher man sayin‘ it right“. Dem geht es wohl eher nicht um die Botschaft, sondern auch um ein wenig Aufregung. Und „Mama“ ist auch erregt, „Heal me, make me whole“ klingt da irgendwie nicht so rein spirituell, wie man meinen könnte. Neils Arrangement und sein Vortrag machen die Story irgendwie sinister. „Don’t he touch you when he speaks?“ – 

Worum geht es wohl? Der Effekt scheint wichtiger als Inhalte. Mama und Papa „don’t know“ und „don’t care“ und sind von daher dankbare Empfänger jedweder Botschaft, solange sie berühren und „heilen“ kann.

 

 

Men Are So Easy

Da wären wir beim heutigen Text. Ein weiteres Mal vom Altersmeisterwerk „12 Songs“. Diesmal wendet sich Neil „als Mann“ mit einigen Grundsatzansagen an uns „als Frau“.

„Männer sind so einfach“, das ist Neils eindringliche Message. Er spricht in kurzen, klaren, ganz einfachen Sätzen. (Vergleicht den Originaltext mal mit den zeilenübergreifenden Bombast-Konstruktionen des letzten Songs!) Folglich gibt es auch wenig zwischen den Zeilen zu lesen – Neil transportiert sein Anliegen hier per ganz offensichtlicher Ebene, passend zu seinen Aussagen.

Zwischendurch stellt er Fragen, die wohl den Anlass dieses Songs bedeuten – männliche vs. weibliche Art der Kommunikation. „Why complicate it?“ Mal sehen.

Formal ist der Song in drei Teilen zu sehen. Zwei Strophen, die beide mit dem kommentierten Songtitel enden. Und in der Mitte Neils textlich und musikalisch abgekoppelte essentielle Erkenntnisse zu seiner Rolle.

In der ersten Strophe geht es zunächst um seine Perspektive. „Habe ich Dir nicht gesagt, erinnerst Du Dich nicht? Habe es so deutlich gesagt, konntest Du mich nicht hören?“ Ja, das was Männer sagen und das, was Frauen aus den Worten heraushören, ist öfters sehr, sehr unterschiedlich. „Ich sagte, dass ich Dich liebe, so einfach ich das kann.“ Die folgenden Fragen sind sein eigentliches Anliegen: „Warum es kompliziert machen? Warum hergehen und es so schwierig machen?“ Seine Botschaft ist wohl nicht angekommen, seine Dame zweifelt an ihm oder will mehr/andere Worte hören.

„Männer sind so einfach“ sagt Neil jetzt eindringlich, „lache, wenn Du willst. Wenn sie einmal enträtseln, nehmen sie Dich für’s Leben und es ist wert, dabei zu bleiben. Sie sagen Dir, dass sie Dich lieben auf die Weise, die ihnen möglich ist.“ Sein Stoßseufzer am Ende dieser Strophe: „Männer sind so einfach / Warum muss es schwierig sein?“
Der Zwischenteil erläutert uns weiblich denkenden, was in Männern so vorgeht. „Ein Junge wird ein Mann und während er das Stehen lernt, findet er einen Weg, eine Mauer zu bauen, um sich dahinter zu verstecken, falls er fallen sollte. Er wächst zum Mann heran und zeigt der Welt, dass er stehen kann. Ohne Furcht oder gar Schmerz zu kennen, während unter der Oberfläche, wenn man tief blickt, ein Junge bleibt.“

Es gibt also Verhaltensweisen und Mechanismen, die man als Frau verstehen sollte. Aber, so sagt Neil, das sei doch so einfach. Die Damen müssen nur dahinter blicken.

„Ja, Männer sind so einfach. Hebe einfach die Schutz¬decken ab, da verstecken sie sich nämlich und da findest Du sie. Sie wollen von Dir entdeckt werden, Du lernst sie zu lesen und zeige ihnen, dass Du sie brauchst. Ja, Männer sind so einfach, liebe sie einfach und lass sie frei sein. Es ist nicht kompliziert. Männer sind so einfach. Wie ich…“

Nachdem er in der ersten Strophe von seinem persönlichen Kommunikationsproblem auf grundlegende Allgemeingültigkeiten verwiesen hat, kehrt er mit der letzten Strophe wieder auf die persönliche Ebene zurück. „Like me“. Er zählt sich explizit zu diesen einfachen Exemplaren. Eine Aufforderung an sein Gegenüber, seine „einfachen“ Botschaften endlich so zu verstehen, wie sie gemeint sind und die Liebe nicht zu verkomplizieren.

Morningside

Und nach den kleinen Albernheiten landen wir beim nächsten Wunschsong, MORNINGSIDE. Wort zum Sonntag…
Morningside ist ein Name von Dutzenden, wenn nicht hunderten Ortschaften in den USA. Die Geschichte dieses Songs spielt also irgendwo, vielleicht sogar direkt um die Ecke. Gleichzeitig bezieht sich das natürlich auf die Tageszeit, das Erwachen und die Erkenntnis.

Neil erwacht im Morgenlicht aus sehr traurigen Träumen. Ein alter Mann ist gestorben, hat seinen Kindern ein Vermächtnis hinterlassen, das er mit eigenen Händen geschaffen hat: einen Tisch, um den sie sitzen und an ihn denken sollen. „Touched it with their laughter.“ So hat er es gewünscht und in das Holz geschnitzt: „for my children“. Ein einfacher Wunsch, über den Tod hinaus Teil des Lebens und des Lachens seiner Nachkommen zu bleiben, die in Erinnerung vereint bleiben. Neil verleiht diesem Wunsch durch warme, gesprochene Zeilen besonderes Gewicht.
Die traurige Wirklichkeit ist, dass er allein und vergessen gestorben ist –„no one cried, they simply turned away“- , kein Kind wird sein Vermächtnis schätzen, sein Wunsch bleibt unerfüllt und kann nur noch Inschrift seines Grabsteins sein. Die Gründe bleiben offen, die Vorstellung ist herzzereißend, niemand will so enden.

Eine zeitlose Geschichte mit einem universalen Appell, die Neil uns in schlichten, direkten Worten vermittelt. Man bleibt lange nachdenklich nach dem Hören.

Mountains of Love

Hier kommt mal ein Song aus dem „frühen Spätwerk“. Wir sind beim recht heterogenen Album „Lovescape“, nur einen Schritt vom Highlightalbum „Tennessee Moon“ entfernt.

Das Lied kündet uns von „bergeweise Liebe“, hier nicht im romantischen, sondern im universellen Sinn gemeint. Neil ist für diesen Song im hymnischen Stil, der für liebevollen und friedlichen Umgang der Menschen wirbt, spät dran. Zehn Jahre zuvor veröffentlichte jeder Künstler, der etwas auf sich hielt, seinen individuell-dramatischen Appell – Von Michael Jackson über Bob Geldof bis hin zu Schlager-Nicole. Mr. Diamond wartete bis 1991, und folglich kennen diesen Song auch nur Fans. Eigentlich schade, denn er ist gar nicht schlecht.

Neil arbeitet in den Strophen mit Aufforderungen, er nimmt die Perspektive des väterlichen Weisen ein. „Fahr mal an der Küste Südafrikas entlang“ singt er, „und da wirst Du Dir sagen, sie brauchen dort bergeweise Liebe“. Tja, Südafrika…ein üppiges Paradies, das sich die Menschen jahrzehntelang zur Hölle gemacht hatten. Zum „Lovescape“-Erscheinungsdatum war das Ende der Apartheid noch einige Jahre entfernt, Townships und Homelands waren unkontrollierbare Orte fern von gesellschaftlicher Ordnung und ganz sicherlich „in need of a mountain of love“.

Weiter geht es, „den ganzen Weg nach China“. Dort sollte man „nicht wegschauen“. China hat nämlich auch Jahre nach dem offiziellen Ende die monströsen Auswirkungen der Maoschen „Kulturrevolution“ längst nicht verdaut. Insbesondere die persönliche Freiheit war (und ist auch heute noch) stark eingeschränkt, Stichworte wie ein-Kind-Politik, Korruption und staatliche Willkür bestimmen den Alltag. ND fordert zum aktiven Eingreifen auf, denn er sieht sich und „uns“ in vollkommen anderer Lage:

They’re in need of what we’ve plenty of.
Got enough to surround every living thing we see.
There’s enough to include even you and me

„Wir“ sind frei, wir können Liebe geben, wir haben die Möglichkeit, zu helfen. „Keep on tryin‘“ fordert er, man soll sich bemühen, am Ende lockt das lohnenswerte Ergebnis: „mountains of love“.

So just keep on tryin‘,
Climbin‘ to the top.
Check out that view from above.
At the top,
There’s mountains of love.
In the end,
Love is what I’m talkin‘ of.
‚round the bend,
There’s mountains of love,
Mountains of love

Seine Botschaft kleidet er in die üblichen Bestandteile solcher Appell-Songs: Chor mit Gospel-Anklängen im Refrain, Spannungsaufbau durch Aussetzen der Melodieführung mit Klatschrythmus, Erwähnung von Kindern ohne Arg im Text. Jetzt hätte er das nur mit befreundeten Kollegen einspielen, als Single herausbringen und die Erlöse spenden müssen, um die Botschaft etwas weitreichender zu verkünden. So dämmert das Lied auf einem seiner weniger bekannten Alben, schade drum!