Lady Magdalene

Na gut, ihr habt es so gewollt Ich versuche mal, nicht allzu sehr auszuschweifen…

Neil macht mit diesem Song ein Riesenfass auf: Die einführende Dreierkonstellation mit „me in between“ ist die klassische Konstitution der Psyche bei Freud, Über–Ich und Es formen das Ich…
Und tatsächlich scheint sein „schlafendes“, „wartendes“ Ich, das auf der Suche nach Anleitung ist -bzw. passiv darauf wartet-, sich unter dem Einfluss der anderen zwei nicht ganz zurechtzufinden. Es „hört nicht die Lüge und erkennt nicht die Wahrheit“, schottet sich ab „unknowing what is and denying what seems“.

Flankiert wird es durch das kontrollierende Über-Ich links, das „unlit“, „unwon“ einiges zu verpassen scheint. Rechts der „man undone“ als lustgesteuertes Es. (Sprachlich ganz wunderbar die kontrastierenden un-words. Würde die Kerze angezündet, der Preis gewonnen, würde das ein Aufgeben der Kontrolle bedeuten. Anders herum würde ein fehlendes „un“ bei „undone“ eine kontrollierte Situation beschreiben. Ganz stark. Aber…weiter im Text…)
Wohin nun mit Neil in between? Das weiß er nicht und hofft auf Lady Magdalene, Verheißung und Erlösung. Dass sich die Lady von den Normalsterblichen unterscheidet, erkennt man schon daran, dass sie engelsgleich mit Trompetenklang erscheint und Neil den Anspruch hat, bei ihr den Frieden zu finden, den er sucht. Und das alles schnell, „bevor seine Jugend vorbei ist“. Des Weiteren wird sie mit archaischer Symbolik („silent thunder“) sowie dem jüdischen Stammesvater Abraham in Verbindung gebracht. Mächtig.

‚Lady Magdalene‘ führt natürlich zu Maria Magdalena, Gefährtin Jesu. Außerdem Schutzheilige der Frauen…während die Katholen sie bar jeder überlieferten Grundlage zur fußwaschenden Prostituierten machten, gilt sie in anderen christlichen Kirchen als Schriftgelehrte, die gleichberechtigt an Jesu Seite stand. Dafür gibt es auch (nichtbiblische) Quellen. Neils Magdalene ist eine Lady, also ganz klar nicht in katholischer Tradition zu sehen Eine mindestens gleichberechtigte Partnerin.
Er wählt eine christliche Heilige als Identifikationsfigur für seine Dame. Wow, wo positioniert ihn das eigentlich? An Selbstbewusstsein scheint es ihm nicht gerade zu mangeln…Trotzdem hat er seinen Weg bisher nicht gefunden. Am Ende des Songs gibt er sich in Gottes Hand: „God only knows what their time will bring / or what will become of the man in between „

Tatsächlich hat er Marcia den Song zugeschrieben (müsst ihr mir jetzt glauben, ich habe die Quelle nicht rausgesucht). Mit diesem Stück erhebt er ihre Liebe auf eine sehr spirituelle Ebene und formuliert auch hohe Ansprüche an ihre Rolle als seine „Führerin“.

Liebe, Metapsychologie und Religion verknüpft, die Ursprünge des Christentums sind darin verwoben. Ganz großes Kino, fernab jeder Normalität oder Sterblichkeit. Göttliche Ebene, Transzendenz. Neil will sehr viel mit diesem Song und erreicht es auch.

(Es gab sogar Diskussionen, ob die Darstellung dreier Männer auf die Kreuzigungsszene hinweist, aber das kann man anhand des Textes nicht herauslesen. Die Bezüge zu Freud hingegen springen einem entgegen Der Grat zur Überinterpretation ist schmal…)
Und jetzt: wieder tief Luft holen!