I Am…I Said

Ok. Jetzt macht Euch alle mal feierlic h, denn nun kommen wir zum Eigentlichen. Die Diamond-Essenz, authentisch und aus tiefstem Herzen, ganz stark und dennoch vielgeschmäht. Aber das muss ich Euch ja nicht auseinandersetzen, ihr wisst bescheid.

*****************Wunschsongtext: I AM I SAID*****************************

Der Legende nach entstand dieses Lied nach Neils Casting für den Film “Lenny Bruce”. Er selbst hat diesen Tag als schlimmes Versagen seinerseits empfunden, ob er wirklich so schlecht war, sei dahingestellt. (Der Film wurde später mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle realisiert.) Ganz viel hat ND im Lauf der Jahre zu diesem Lied gesagt, dass er seine psychotherapeutischen Sitzungen darin mit einfließen ließ, dass es ihn bis heute stark berührt. Ganz klar, das ist sein signature song. Ausdruck von Frust und Verzweiflung, ein Schrei nach Liebe, nach Anerkennung der eigenen Existenz, Sehnsucht nach der Geborgenheit des Dazu- und Dahingehörens.

Inhaltlich schafft Neil im ersten Teil des Songs einen 1:1 Bezug zu seiner eigenen Biographie (der Erfolg brachte ihn von Brooklyn nach L.A.) und schafft für die Hörer somit eine direkte Verbindung zu seinem Inneren. Durch die Deckungsgleichheit der äußeren Umgebung gehen wir davon aus, dass es tatsächlich seine Empfindungen sind, die er thematisiert. Also:

Er befindet sich in L.A., und äußerlich findet er alles perfekt vor. Sonne satt, Palmen, alles entspannt und heiter. Ein Paradies, und trotzdem überlegt er, „zurück“ zu gehen. Zurück in seine Geburtsstadt New York, mit der ihn aber inzwischen gar nicht mehr so viel verbindet. „L.A. ist nett, aber nicht meine Heimat / New York ist Heimat, aber nicht mehr meine“. Zwischen L.A. und New York, auf dem Weg zum Stark, hat er „zwischen zwei Küsten“ jedes Zugehörigkeitsgefühl verloren. „Lost between two shores“ statt Heimat.

Im zweiten Songteil geht es um sein Innenleben. Seinen Aufstieg vergleicht er mit der Geschichte eines Frosches, der seinen Traum plötzlich wahr werden sieht und König wird. Märchenhaft, irreal. „If you talk about me, the story’s the same one“. Er nimmt sich aber weiterhin als Frosch war und nicht als König; Selbstzweifel statt majestätischer Selbstsicherheit.

Die „Verlorenheit“ aus der ersten Strophe resultiert in innerer Leere und Einsamkeit

But I got an emptiness deep inside
And I’ve tried
But it won’t let me go
And I’m not a man who likes to swear
But I never cared for the sound of being alone

Inmitten von schönstem Sonnenschein, auf der Welle des Erfolgs kann er nicht jubeln, seine eigenen Leistungen nicht wertschätzen. Er fühlt sich verloren und unsicher, ohne einen konkreten Grund nennen zu können. Ihm fehlt eine Basis, ein „Dazugehören“, er sieht sich losgelöst aus jedem sicheren Gefüge. Sein Refrain ist sein Aufschrei, sein Statement und Selbstäußerung: Hier bin ich, nehmt mich an.

I am, I said
To no one there
And no one heard at all not even the chair
I am, I cried
I am said I
And I am lost and I can’t even say why
Leavin‘ me lonely still

“No one heard at all”, meint Neil, sein Song endet ohne versöhnliche Aussicht, “leavin’ me lonely still”.

Erfolg ja, Erfüllung nein, und so bleibt er auf der Suche. Und wahrscheinlich ist es genau das, was ihn jahrzehntelang weiter antreiben wird.

 

 

I Haven’t Played This Song In Years

Das Album “Three Chord Opera” wurde damals groß angekündigt mit Songs, die allein aus der Feder von Neil stammten. Tatsächlich war ich nach dem Movie-Album sehr erleichtert ;-), aber dem Titel gerecht werden die Songs nicht. (Immer noch zu viel Arrangement und Klangsoße für eine „Drei-Akkord-Oper“, aber durchaus viel Potenzial.)

In diesem Lied beobachtet Neil seine Dame durch ein Fenster, sie sind räumlich getrennt, und nicht nur das „You are free“ sagt er direkt in der ersten Strophe, trotz widrigen Wetters geht sie „weg von ihm“ und hat dabei eigene Pläne, „visions of your future lay before you“. Sie stellt sich wohl ein anderes Leben vor als das mit ihm. Wie konnte es dazu kommen?

Offenbar versucht sie noch, ihn zu einer Reaktion zu provozieren, „I saw you in the company of strangers/Laughing just a little bit too loud“, das ist wohl ein weiblicher Versuch, Aufmerksamkeit und vielleicht Eifersucht hervorzurufen. Bei Neil funktioniert das nicht, er fordert seinerseits Beachtung und verharrt in indirekter Beobachtung der Szene: „Looking at reflections in a mirror I can see the smiling faces but not me among the crowd“. Seine Herzensdame hat sehr demonstrativ Spaß mit allen anderen und nicht mit ihm. Und er grübelt über die Gründe.

Eigentlich hat er ein Liebeslied schreiben wollen, direkt aus seinem Herzen, wo die „zärtlichsten Melodien“ erwachsen, aber sie ist weg, er kann es nicht so spielen, wie geplant. Und nun reflektiert er über die Gründe, einst waren sie leidenschaftlich verbunden, er reimt „fire“ mit „desire“, lässt die Funken, „sparks“, sprühen, aber das ist vorbei. Was ist aus den Liebenden, die „wie Kinder im Süßigkeitenladen“ genießen konnten, bloß geworden? Urplötzlich sind sie „versunken in Tränen“ (das Gegenkonzept zu den Feuer-Vokabeln aus guten Zeiten…) und er gibt ihr die Schuld „Yes baby, you’re the reason that I haven’t played this song in years“. Sein Liebeslied bleibt ungespielt und ungehört.

Seine eigene Rolle sieht er unkompliziert, er will lieben und geliebt werden. Nichts weiter. Auch wenn „einige“ den Kopf voll Schnickschnack haben und Luftschlösser bauen, er sieht sich als ehrlich Liebenden und das sollte doch ein ordentliches Beziehungsfundament ergeben. Aber:

„Wir hörten nie unsere gegenseitigen Rufe, so wurden Liebende zu Lügnern“. Zwei Menschen mit so tiefen Gefühlen füreinander haben begonnen, aneinander vorbeizuleben und es ist herzzereißend, diesen Verlauf zu hören. Neil gab sein Bestes, es war nicht genug. Man fing an, aufzurechnen. Er hat ihr kleine Unehrlichkeiten verziehen, aber die Beziehung wurde dadurch schleichend vergiftet, „till I couldn’t hide my deepest fears“. Angst und Furcht, Befürchtungen sollten keinen Raum haben in einer Liebesbeziehung und der Satz markiert das Ende des Songs, den Todesstoß für die Beziehung. Es ist vorbei und sein Liebeslied, „purely from the heart“ hat nie das Licht der Welt erblickt.

Tiefer Seufzer. Ein lebendiges Bild einer am Leben gescheiterten, innigen Beziehung, beide scheinen gefangen in ihren Verhaltensweisen. Die Liebe war groß und doch gab es keine Zukunft, nicht für die beiden und nicht für „ihren“ Song…

I’ve Been This Way Before

Leider, leider und nochmals leider wurde der Song nicht rechtzeitig fertig, um Teil des „Jonathan Livingston Seagull“-Soundtracks zu werden, den er um ein grandioses Highlight bereichert hätte. Aber auch auf Serenade macht sich der Song bestens.

„Ich war so schon zuvor“ lautet der Titel, und das Thema ist Reinkarnation. Wir behalten Jonathan und „Be“ im Hinterkopf und den Begriff einer „Wiedergeburt“, der allumfassender ist als der rein christlich-bekehrende Gedanke. Viele Religionen und Philosophien bedienen sich der Vorstellung, dass ein Gedanke, eine „Seele“ sich über den Tod hinaus wieder manifestieren und somit fassbar, fühlbar gemacht werden kann. Neil hat ein Lied dazu geschrieben, und er führt uns komplett durch den Kreis.

„I’ve seen the light” heißt es am Anfang, noch sparsam instrumentiert. Ein Beginn, der schon mehr impliziert, schließlich “sieht man das Licht” bei Nahtoderlebnissen. Berichte dazu schildern ein helles Licht, auf das der Sterbende zustrebt, es ist beruhigend und verlockend, “And I’ve seen the flame”, Symbol für Erkenntnis, Wärme und Inspiration.

Neil als Sprachrohr (Jonathans…) ist sich sehr bewusst, dass sein jetziges Dasein nicht singulär ist, dass er „so schon zuvor“ existiert hat und dass es weitere derartige Übergänge geben wird:

And I’ve been this way before
And I’m sure to be this way again

Diese Klarheit, das Wissen um die eigenen Existenzübergänge, umfasst auch weniger schöne Erfahrungen, er wurde teils “zurückgewiesen”, doch jedes Negativum wird unmittelbar wieder ausgeglichen, “And I’ve been regained” folgt direkt im Anschluss.

Im Originaltext hören wir das „refused“ auch nur einmal, in allen folgenden Refrains singt Neil „released“ – er hat Zurückweisung und Kränkung hinter sich und losgelassen, er kennt den ewigen Kreis, alles wird sich fügen.

And I’ve seen your eyes before
And I’m sure to see your eyes again

Diese Zeilen sind nicht zufällig gewählt. Das Auge symbolisiert das Bewusstsein, es ist “Spiegel der Seele”. In der Philosophie wurde es mit der Sonne (Licht! Flamme! aha!) verglichen, die christliche Ikonographie verwendet das Auge zur Darstellung von Gottes Allwissenheit. Platon sah es als Verkörperung des menschlichen Geistes. Neil greift hier also das Motiv der Reinkarnation, der Wiederentstehung auf; mentale Kraft, Erkenntnis, wird über jeden Verfall bestehen bleiben.

Die Refrains steigern sich dabei in der Intensität des Vortrags und im Arrangement, so wird die jeweilige Aussage unterstützt, der Song klingt mit jedem „and“ am Zeilenbeginn immer „mächtiger“, hymnischer und mitreißender. Passend dazu ändern sich auch die Textzeilen bis hin zu “And I’ve sung my song before / And I’m sure to sing my song again“, wiederum eine besondere Zeile. Klar, Neil ist bekannt für den persönlichen Bezug in seinen Texten, aber auch als reiner „Vermittler“ der Song-Aussage, ggf. für die Möwe Jonathan, ist der Begriff „Song“ besonders sprechend.

Gesang verbindet Sprache (mit dem Ziel der Kommunikation, des „Erreichens“ eines Gegenübers) mit Musik, mit emotionalem Appell. Gesang begleitet den kompletten Lebenskreis vom Kinderlied bis zum rituellen Gesang bei Zeremonien. Neil spricht von einem besonderen, ‚“my song“, und natürlich ist er auf einer weiteren Ebene eine Person der Popmusikszene, er gehört zum Leben seiner Fans und ist zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Lieds auch darüber hinaus „präsent“. Sein Text überschreitet hier die Grenzen eines normalen Popsongs, und genau das möchte er im Gesamtzusammenhang dieses Stückes auch erreichen. Some people got to sing.

Am Ende kontrastiert er „Some people never see the light / Until the day they die“ mit der eigenen Erkenntnis „But I’ve been released…“. Jegliche Grenzen von Vorstellung sind aufgehoben, die eigene Existenz nicht limitiert. Jonathan kann tatsächlich so hoch fliegen, wie er will. Der Song endet, passend zum Bild eines Kreises, so ruhig und musikalisch-einfach, wie er begonnen hat. One more time again…

Im Buch gibt es eine Passage, die man mit diesem Song in Verbindung bringen kann:
As it had shined across him all his life, so understanding lighted that moment for Jonathan Seagull. They were right. He could fly higher, and it was time to go home.
He gave one last long look across the sky, across that magnificent silver land where he had learned so much.
“I’m ready,” he said at last.
And Jonathan Livingston Seagull rose with the two starbright gulls to disappear into a perfect dark sky.

Was für ein faszinierender, inspirierender Song. Wie gesagt, einer meiner allerliebsten, ever, und eins von Neils echten Meisterwerken!

If I Don’t See You Again

Der heutige Songtext ist in verschiedener Hinsicht besonders. Erstens ist das wohl Neils längster Text ever, wow. Und zweitens hat er mehrfach betont, er wüsste „selbst nicht, worum es in dem Song geht“. Es sei einfach eine Gedankenabfolge. Tja, mal sehen, was wir daraus machen.

Neil bezeichnet seinen Text als “stream of consciousness”. In der Literatur heißt das “Bewusstseisstrom”, man lässt seine Gedanken fließen, was dann oft ein relativ ungeordnetes Ergebnis zur Folge hat. NDs „Strom“ wird durch den Songtitel geklammert, der als Quasi-Refrainzeile die Strophen schließt.

„Wenn ich Dich nicht mehr sehe“. Ja, was dann? In diesem Song geht es wohl um eine Trennung, die Zeile „it’s time for saying goodbye“ hören wir mehrfach und der Songtitel scheint Katalysator für Erinnerungs- und Gedankenfetzen zu sein. Die Sprache ist direkt und einfach, kurze Satzfragmente, die sich teilweise wiederholen, und wir finden uns mitten im diamondschen Gedankenkarussell.

„Es war ein Höllenritt / Du musst nicht sagen, ‚lass uns Freunde bleiben‘ / Du musst nicht versprechen, zu schreiben / Wir fuhren mit dem Zug durch die Nacht / Und es war uns egal, wohin er fuhr“. Da scheinen turbulente Zeiten hinter ihm zu liegen und die bevorstehende Trennung wird ein kompletter Bruch.

„Wir liefen komplett unterschiedliche Rennen / Zwei Fremde treffen sich auf der Straße / Und finden ihre Zeit und ihren Ort / Wir mussten nicht einmal lügen / Wir hatten die Phase der Übereinstimmung hinter uns gelassen“. Tja, diese Beziehung hatte ihre Zeit und obwohl sich zwei Menschen mit ganz verschiedenem Hintergrund begegnet sind, hat das eine Weile perfekt funktioniert, aber das ist vorbei. Das wissen beide.

„Da draußen ist es verrückt / Ich habe das Herumschlafen [Anm. d. Red.: es gibt auch einen kräftigeren Ausdruck, den man verwenden könnte…] gehasst / Ich habe angefangen, nach Liebe zu suchen / Und nie gemocht, was ich fand / Der Alleingang lohnt sich nicht / Gott weiß, dass es einsam ist da draußen / Ich war damals alleine / Und kaum einen hat es gekümmert“ Oh, in dieser Strophe gibt Neil seine nüchtern-objektive Haltung auf und offenbart, dass er tiefe Gefühle gesucht hat – und vielleicht in dieser Beziehung fündig geworden ist? Wir hören weiter zu.

„Zu wem wirst Du laufen, Baby / Hinter wem wirst Du Dich verstecken / Wenn die Nächte plötzlich kalt werden / Wen wirst Du in den Armen halten, wer wird es wissen / Zu wem wirst Du gehen? / Wen wirst Du anrufen, wenn nicht mich / Wenn Du Dich verloren fühlst und da draußen niemand ist / Der nach Dir sucht / Was wirst Du tun? / Wohin wirst Du gehen?“ Die beschließende Zeile lautet „Wenn ich Dich nicht mehr sehe“, und Neil gibt damit die Antwort – er glaubt durchaus noch an sich und die Dame. Er ist es, der sie vor den Unwägbarkeiten des Lebens beschützen kann, der für sie da ist und sich kümmert. Will sie diese Trennung? Wir erfahren mehr:

“Du hast es irgendwie geschehen lassen / Ich denke, dass ich das Leben irgendwie aufgegeben habe / Aber jetzt geht es mir besser / Etwas, das Du sagtest, hat mich verändert / Ich weiß noch nichtmal, was Du gemeint hast”. Tja, das klingt allerdings nach einer Krise, die ihn ziemlich mitgenommen hat. Und er macht es noch plastischer für uns. „Und am Ende des Tages / Habe ich es gehasst, alleine zu schlafen / Es gibt nichts schlimmeres, als verloren zu sein / Und nicht nach Hause zu wollen / Irgendwie wird es funktionieren / Ich will nur nicht gefunden werden / Ich warte hier, um die Ecke / Und ich werde mich herumtreiben“. Seine Suche nach Liebe ist gescheitert, er hat diese Beziehung und ist doch alleine. Sein Plan ist eine Trennung, erstmal „außer Sicht“ bleiben. Aber ganz will er nicht brechen mit allem, er sucht nicht das Weite, sondern drückt sich in der Nähe herum vielleicht um bereit zu sein, falls man sich doch wieder annähert und sich „begegnet“. Und kaum hat er die Refrainzeile ausgestoßen, relativiert er selbst dieses Vorhaben.

„Wen will ich veräppeln, ich gehe nirgendwohin / Ich schaffe es nichtmal für eine Stunde / Ohne Dich, sollte mich wohl schämen / Ich will Dich nur meinen Namen rufen hören / Wir beide haben den Anschluss verpasst / Wahrscheinlich müssen wir auch irgendwie / einiges mehr vermisst haben / Weil wir hier allein sind / Ich weiß, wir sind zusammen, aber zu weit weg / Um zu wissen, wie wir zurück nach Hause kommen“. Ahhh, er liebt sie immer noch, aber sie haben sich offenbar auseinandergelebt. Tja. Und da ist wieder der sachliche, abgeklärte Tonfall:
„Es ist Zeit, Adieu zu sagen / Denn wenn ich zu lange bliebe / würdest Du mich zu gut kennen / Und herausfinden, dass etwas nicht stimmt / Der Zeitpunkt zum Gehen ist perfekt / Bevor der Vorhang fällt / Gerade jetzt, wenn wir beide wissen / Dass alles ein Ende haben muss.“

Das Ende, ja. Das Ende des Songs lässt nachdenken, wenn er singt „Irgendwie haben wir beide es geschafft / Ich hätte eher das Leben aufgegeben / Bevor ich Dich aufgegeben hätte / Du hast mich verändert / Könnte etwas gewesen sein, dass Du sagtest / Ich habe es nicht richtig gehört / Es war mir egal, was es bedeutete“.
Ganz viel, das auf uns einstürzt und ganz viel, was ihm am Ende dieser Beziehung durch den Kopf geht. Das Ende bleibt offen, es ist tatsächlich eine Momentaufnahme seiner Gedanken, und wie das so ist gibt es kein Schwarz und Weiß, keine „Wahrheit“. Nur ganz viele Fragen und ganz viel zu Denken.

Was für ein Song, ganz stark, sehr intensiv, und wie schade, dass wir den nicht mehr live hören.

If I Never Knew Your Name

“Wenn ich Deinen Namen überhaupt nicht kennen würde” heißt der Song.

(Anm.: Ok, als Linguistin müsste ich hier eigentlich „kennte“ schreiben. Lol. Die ansonsten fragwürdige würde-Konstruktion hat sich aber in diesem Fall tatsächlich durchgesetzt und der Konjunktiv II ist vergessen. Auweia. Aber wir sind ohnehin bei der Anglistik, nicht Germanistik…)

Mit dieser grammatikalischen Konstruktion wird etwas nicht reales, eine Fantasie umschrieben. Neil kennt also in Wahrheit „ihren“ Namen, und natürlich handelt es sich um seine Herzensdame:

You get me feelin‘ crazy
There always on my mind
And I get to feelin‘ lately
If I never knew your name,
I’d love you all the same
But I have you to myself
Wanting nothing else
Knowing that you’re mine

Es geht um eine sehr erfüllende Beziehung, sie ist stets bei ihm und in seinen Gedanken. Die titelgebende Vorstellung „If I Never Knew Your Name“ wird hier benutzt, um seine Dankbarkeit auszudrücken, dass er seine Liebe tatsächlich voll ausleben kann. Auch wenn sie sich weniger nah wären, so dass er eben ihren Namen nicht kennen würde, liebte er sie genauso. Aber sie gehört zu ihm, und nichts anderes will er, als diese Gewissheit.

Good time,bad time,all the time
Hands reachin‘ ‚cross a room

Und so bleibt es bei wenigen Textzeilen, während er beim Vortrag, im Ausdruck, buchstäblich alle Register zieht. Er wechselt vom tiefen Bariton bis ins Falsett und sein inniger Vortrag lässt auch ein „Ba ba ba“ als Refrain durchgehen. Große Gefühle, Großes Kino. Ein Marcia-Song vom Marcia-Album.

If There Were No Dreams

Tja, Neil, der Träumer. Heute ein Song von einem der späteren Alben, das sehr unterschiedliche Stücke versammelt.
Hier ist Mr. Diamond mal wieder mit Werbung beschäftigt ;-). Wir hören seinen Part der Konversation und es scheint um eine eher komplizierte Geschichte zu gehen, man kann nicht einfach zusammenkommen und die Liebe leben, sondern da sind Hindernisse.

„Wenn es keine Träume gäbe“ ist dabei ein rein rhetorisches Stilmittel, keine echte Überlegung. Neil ist nämlich fest von deren Existenz überzeugt, ist entschlossen, mögliche Schwierigkeiten für die Liebe aus dem Weg zu räumen und macht das mit diesem Song deutlich.

Er argumentiert dabei sehr ordentlich-vernünftig (und nicht verträumt, haha). Der Text ist sauber strukturiert, zunächst die Frage „If there were no dreams“ anhand der konkreten Situation, dann seine eigene Ansicht dazu und schließlich die Ankündigung von Maßnahmen. Mit diesem Aufbau würde er auch im Debattierklub Punkte sammeln

In der ersten Strophe ist die Dame selbst die Antwort auf die Fragestellung „If There Were No Dreams“. „Wie könnte ich mir Dich erträumen?“ sagt Neil, „Du bist mir immer noch ein Rätsel“. Allein ihre Existenz ist für ihn schon wie ein Traum und auch „The way that wie love / The life that we’re leading“. Egal wie unrealistisch die gemeinsamen Aussichten sind, „ich will Dich nicht aufgeben / Was immer ich tun muss, werde ich tun“. Dieses Versprechen führt er jetzt bildlich weiter aus, um seine Absichten zu untermauern. Einen Berg will er einreißen oder wenigstens drumherum marschieren. Jedenfalls lässt er sich nicht aufhalten! Denn „I’d love you even / If there were no dreams“. Seine Gefühle sind wahrhaftig, auch wenn es überhaupt keine Erfolgsaussichten für diese Liebe gäbe.
In der nächsten Argumentationsrunde antwortet er „Wie könnten wir Liebende sein?“ auf seine rhetorische Frage nach der Existenz von Träumen. „Wie könnte ich Dich so sehr brauchen? Der Grund ist sogar mir klar.“ Und dann setzt er noch seine Sicht der Dinge hinterher: “Ich weiß, dass es richtig ist / Du brauchst nicht nachzudenken / Wenn Du mit dem Rücken zur Wand stehst / Werde ich da auch stehen“. Und auch diesmal folgt die Berg-Metapher, diesmal sagt er „we can tear it down“ und „we’ll go around“. Sie können die Schwierigkeiten gemeinsam besiegen, und das ist auch sein Schlusswort: „We’d be lovers even / If there were no dreams“ – Es gibt nichts, was diese Liebe und diese Beziehung verhindern könnte, selbst eine komplett nüchterne Welt nicht.

Neil Diamond, lucky old dreamer. Er begründet die Notwendigkeit der Existenz von Träumen mit den rhetorischen Stilmitteln der Vernunft, sehr schön.

If You Know What I Mean

Neils Songtitel ist im allgemeinen Sprachgebrauch eigentlich eher anzüglich. Hängt man „if you know what I mean“ an einen x-beliebigen Satz, muss man den Gesamtinhalt sofort auf Schlüpfrigkeit prüfen. Dies ist hier allerdings nicht so. ND setzt die Phrase als Code ein, als Aufforderung, sich an die gemeinsame Vergangenheit zu erinnern, an Dinge, die nur er und „Babe“ geteilt haben und die nun verloren sind.

Es beginnt mit dem verrinnenden Abend. Der hektische Tag mit all seinem Lärm ist vorüber, Neil ist mit seinen Gedanken beschäftigt und „when the night returns just like a friend“, das ist die Zeit, nach der er sich sehnt, „when the evening comes to set me free“. Das Alltagsgeschehen berührt ihn nicht, ist wohl lästige Pflicht und bindet ihn ungewollt. Erst nach getaner Arbeit , „beyond the day“, kommt er zur Ruhe. Er raucht, nimmt einen Schluck Wein und mit der Entspannung kommen die Erinnerungen.

Der Refrain, der diese Gedanken aufnimmt, ist passend in der Vergangenheit formuliert, die Strophen finden in der Gegenwart statt. Den Übergang –„can you hear it, Babe“, kennzeichnet er deutlich: „From another time, from another place / Do you remember it, babe”. Was jetzt kommt, war einmal und gehört nicht mehr zu seinem Leben.
„Und das Radio spielte wie Kirmesmusik, als wir in unserem Bett nebenan lagen. Als wir es aufgaben, wegen eines Traums in einer billigen Spielhalle.“ Diese Liebe ist nicht erkaltet, sondern wurde etwas anderem geopfert. Die Wichtigkeit des zitierten “Traums” wird durch die “penny arcade” mit einem Beigeschmack versehen, dazu passt die Kirmesmusik. Laut, grell, Scheinwelt. Was war das für ein Traum, wirklich seiner? Immerhin singt er gerade davon, dass er die Abendstille herbeisehnt! Die grelle Welt der Lichter scheint ihn nicht wirklich einzunehmen. War das Ende der Beziehung der richtige Schritt?

Neil beschäftigt sich weiter mit der Thematik und erhebt sein Glas auf diese alten Zeiten. Auf die Lieder, die wir sangen, auf die Zeiten, die wir erlebten.
Tja, vorbei…und wie geht es weiter, was liegt vor ihm? “Es ist schwer, sie wieder in unseren Armen zu halten, aber auch schwer, sie gehen zu lassen.“
Und mit diesem Prozess scheint er noch zu tun zu haben. Dass er jedoch abgeschlossen hat, ist aus der leicht veränderten Überleitung zur nächsten Strophe erkennbar: “It was another time, It was another place, Do you remember it, babe.“ Er erinnert sich intensiv, aber diese Zeit ist vergangen. Mit “Babe” bleibt er verbunden, aber nur in der Erinnerung. If you know what I mean.

In Ensenada

So, heute geht es also nach Mexiko 😉 

Eine andere Karrierephase, Neil arbeitet hier mit sehr erfahrenen Mitautoren. Tatsächlich handelt es sich um einen sehr sorgfältig in Szene gesetzten Text.

Ensenada ist eine mexikanische Stadt unweit der amerikanischen Grenze und wie eine Reihe anderer Städte dort verknüpft mit der Epoche der Prohibition. Heißt, man fuhr mal eben ein wenig südlich und fand dort Alkohol, Glücksspiel und ähnliche Zerstreuung – ein wenig romantisches Städtchen, wo man für ein paar Stunden den Alltag aussperren und sich ein wenig im Neonlicht betäuben kann. Mit der Zeit wurde dann ein Ziel für Kurzurlaube daraus. Sonne und Strand, Vergnügungsmöglichkeiten.

Was machen Neil und seine Begleiterin dort? Sie sind tatsächlich „geflohen“ vor dem Alt- und Nur-zu-gut-Bekannten, haben das Schöne gepackt „und den Rest zurückgelassen“. Und sie wissen, dass Ensenada nur eine Episode bleiben wird, ihre „letzte Chance“, der letzte Versuch, sich „nochmal zu amüsieren“.

Aber wir werden durch einen hohen Anteil wörtlicher Redeanteile im Refrain unmittelbar und wiederholt Zeugen, dass das Treffen keinen leichten Amüsementcharakter hat. Es geht um Liebe, nicht um Lust. Beide wissen um die Vergänglichkeit ihrer gemeinsamen Stunden und wollen sie fast verzweifelt auskosten, festhalten. „Halte mich“, bittet sie, „verlange nach mir, liebe mich und lass es bis morgen dauern“. Und Neil versichert ihr zärtlich, dass es so sein wird. „Darling, glaub mir, liebe mich, wir werden es bis morgen dauern lassen“ – und das ist es, was den beiden bleibt, eine letzte körperliche Vereinigung. Just make it last until tomorrow. Das Danach ist ungewiss.
Warum, bleibt offen. Sie werden sich trennen müssen. Jedenfalls waren sie schon öfter dort, Ensenada scheint auch Schauplatz ihrer ersten Begegnung gewesen zu sein -„the first time never really left my mind“, und kommen nun wieder, um sich an die Zeiten dort zu erinnern. („Came looking for the things we used to find in Ensenada“) Kann mal jemand die Welt anhalten? Nein, sie dreht sich weiter, „too fast“, und das einzige „make it last“, auf das die zwei Einfluss haben, ist die Nacht miteinander.

„Out on the border“ liegt Ensenada und auch die Beziehung, in die wir kurz Einblick nehmen, ist in einer Grenzsituation. Sprachlich ist der Song sehr glatt durchgestylt, die Strophen greifen perfekt ineinander und der Refrain verdeutlicht das Kreisen um die ausweglose Situation. Es gibt keine Stolpersteine, keine Auffälligkeiten, nichts wirklich Diskutierfähiges, weswegen ich nicht weiter ins Detail gehe…das passt zu MOR, Easy Listening und Melodrama. Neil hat mit anderen Songwritern zusammengearbeitet und sein Anteil muss im Verhältnis gesehen werden, vor allem was persönliche Bezüge betrifft. Für mich ein solider Song mit Potenzial, ein Bild in den Farben des Sonnenuntergangs, aber ohne diamondsche „Initialzündung“. Der ganze Song bleibt eher Schablone, Situationsbeschreibung, zweidimensional.

Aber mich stört auch auf der musikalischen Ebene, wenn beim Stichwort „Ensenada“ Kastagnetten klappern. Wir habens ja verstanden, die sind in Mexiko…

It Comes and Goes

Der heutige Song ist ein sehr typisches frühes Werk. Wir kennen ihn in verschiedenen Versionen: von „Tribute to Buddy Holly“-Mike Berry, einer gewissen „Sadina“ und einer Reggae-Combo, deren Name mir just entfallen ist. Melodians? Relativ irrelevant.

Jeder, der sich ein wenig mit Neils ganz frühen Kompositionen beschäftigt hat, wird nach wenigen Versen die typischen Elemente erkennen. Ein Diamond, ganz klar…

Was wir hören, ist Teenager-Drama vom Feinsten. „It comes and goes“ ist die Beschreibung von wellenförmigen Bewegungen, und so wird der „Sprecher“ in diesem Song in Wellen von seinen Gefühlen, „the feeling I’ve been feeling“ heimgesucht, „vom Kopf bis zu den Zehen“.

When she comes it grows
I know it’s just a feeling
But when she’s around
I get the feeling
That I’m in some other world

Was ist denn los? Klar, er ist schwer verknallt, aber da scheint noch mehr zu sein, was ihn beschäftigt.

I don’t know what it is
But it’s just not the same
I don’t know what’s been missing
But I know it’s gone

Sehr kryptisch, er kann selber nicht in Worte fassen, was ihn beschäftigt, aber„She still really cares“, das ist doch eine gute Voraussetzung.

Der Gute erkennt auch messerscharf „And I’m not being smart“. Ja, allerdings, denn nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Wird die diamondsche Passivität wieder für unnötige Komplikation sorgen? Wir befürchten es.

I might have been imagining all the time
Who’s to say the feeling
I feel in my heart
Won’t turn out to be all in my mind
It hurts me

 Uh, er traut sich nicht, sich zu offenbaren, weil er sich womöglich „alles eingebildet hat“. Worum geht es denn nur? Auf des Pudels Kern müssen wir tatsächlich bis zur allerletzten Zeile warten:

I can’t help feeling
How the feeling comes and goes
She comes and goes with someone new

 Er fühlt sich also „wie ein abgelegtes Spielzeug“, hat den Eindruck, für sie nicht mehr interessant zu sein und scheut die direkte Kommunikation. Denn ihr Verhalten verursacht seine Unsicherheit, die „in Wellen kommt“ – mal hat er den Eindruck, sie sei ihm zugewandt, und mal befürchtet er, bereits auf dem Abstellgleis gelandet zu sein. Ein Hin und Her der Gefühle: it comes and goes, da sind wir beim Thema.

 Während man in der ersten Strophe noch meint, sein „feeling“ sei nur die akute Verliebtheit, erfahren wir in der zweiten die andere Seite der Geschichte, „she makes me feel like some old toy“. Am Ende können wir dann seine Verwirrung verstehen, wobei wir eben auch nur (s)eine Perspektive zu hören bekommen.

Ja, das ist ein wahrhaft „jugendlicher“ Song und man möchte die Protagonisten ordentlich durchschütteln und zu gepflegter Kommunikation anregen. Und wenngleich Akkordstruktur und Rhythmik sehr ND-typisch sind, ist dieser Song wohl zu Recht eher unbekannt, dennoch nett zu hören.

 

 

It’s a Trip (Go For the Moon)

Soooo. Wo fangen wir an? Klar, mit dem Titel, der da lautet „Es ist eine Reise (Geh Dir den Mond holen)“. Ah ja. Wir werden im Verlauf des Songs erfahren, was denn nun „a trip“ ist – natürlich das Leben an und für sich.

Jajaja, alte Metapher, schnarch. Aber Neil will uns ja nicht langweilen und liefert zunächst den Titelzusatz mit dem Mond. Und der ist im US-Amerikanischen eine gängige Redensart, „go for the moon“ ist eine Aufforderung, das Unmögliche zu wagen, etwas zu riskieren. Man könnte es ja tatsächlich schaffen…So verknüpft er das Sprichwort mit dem Reisebild, das Leben soll kein gemütlicher Spaziergang zum nächsten Hügel sein, stattdessen soll man doch versuchen, „den Mond“ zu erreichen. Was für ein Ziel.

Aber jetzt mal zu den Details. Der „Trip“ ist nicht der einzige Vergleich für den Lebensweg. Neil beginnt viele seiner Zeilen mit „it’s a…“ und versorgt uns mit seinen Bildern des Lebens: Ein Riesenrad, ein Spiel („that you play for real“ – also bloß nicht falschspielen!), eine Melodie auf einem Altsaxophon, die Fahrt der unsterblichen Seele (Neil verwendet den Begriff der Astralebene, „astral plane“, die wiederum mit dem des „Seelenfahrzeugs“ verknüpft ist…aber das geht an dieser Stelle zu weit) durch eine Einbahnstraße.

Puh. Das sind alles großartige Vergleiche. Das Auf und Ab im alltäglichen Kreisen, die zum Teil surrealen Dinge, die man tut. Der Soundtrack des Lebens (auch hier…besser nicht falsch spielen…“it’s hard enough to be makin‘ it“), die Mystik der Zusammenhänge…und umkehren kann man eigentlich nicht. Ich liebe diese Bilder, absolut grandios. Erstmal Luft holen. An dieser Stelle rät Neil, erstmal seine „insgeheimen Zweifel“ zu vergessen, weil man doch viel besser ohne die klarkommt. Und dann folgt die wichtigste Strophe:

Yeah, it’s a trip, make it last a while
Life’s a cup, fill it up in style
You got your dreams, you gotta live it out
The love you have, you gotta give it out
If that ain’t life, then what’s it all about
If it’s a trip and it’s going
To have to end someday too soon
Let’s take a trip to the moon, yeah
C’mon let’s go for the moon

Boah, ist das mal wieder schön. Ja, eines Tages – und wahrscheinlich schneller, als man denkt- ist es zuende. Warum sich also nicht “den Mond holen”, solange man die Gelegenheit dazu hat? Das Leben, die Liebe auskosten – “if that ain’t life, then what’s it all about”? Das ist eine ganz typische Diamond-Zeile – und ist sie nicht einfach wunderbar? Ist der Song nicht einfach wunderbar? Und leider kennen ihn wohl nur Hardcore-Fans. Menno!

I want to go to the moon
Let’s take a trip to the moon