Girl, You’ll Be a Woman Soon

Heute kümmern wir uns wieder um ein echtes Diamond-Werk. Dieser Song stammt noch aus der Bang-Ära und vom Album „Just For You“. Let’s go. Neil adressiert hier keine Dame, sondern ein „Mädchen“. Das steht zwar auf der Schwelle zum Erwachsenwerden und wird „bald eine Frau sein“, aber eben erst bald.

Mädchen, Kinder, sind lebensunerfahren und brauchen schützende Führung, um den Weg ins Leben zu finden…und an dieser Stelle tritt Neil auf, um sein „Girl“ aus dem bisherigen, vermutlich familiären Gefüge zu lösen. „Love you so much“, beteuert er, denn seine Absichten sind natürlich hehrer Natur: „I’d die for you girl“. Das ist viel.

Girls Umfeld hält allerdings nichts davon. Es wird nicht genau spezifiziert, wer mit „they“ gemeint ist, man kann aber vermuten, dass sie wohl bisher von ihrer Familie behütet wird. Vielleicht hat sie auch einen etablierten Freundeskreis.

Jedenfalls sind „sie“ der Meinung, dass die Liaison unpassend ist, „He’s not your kind“. Man „demütigt“ ihn unablässig und so fleht er das Mädchen an, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. („Don’t let them make up you mind“) Oh-oh, sehr schwierige Situation. Natürlich bedeutet das Erwachsenwerden eine Ablösung von der Familie und ein Erstarken des individuellen Stils, aber sich dann auch noch in jemand zu verlieben, der vom sozialen Umfeld abgelehnt wird, ist schon sehr viel Rebellion.

 

Während ND in vielen Songs eine passive und schutzbedürftige Haltung einnimmt, zeigt er sich hier fast väterlich. Aber nur fast. „Nimm bitte meine Hand“, so kann er ihr den Weg noch besser zeigen. Und jaha, „soon you’ll need a man“, auch das gehört zum Erwachsenwerden und einer reifen Beziehung. (Für die Suchmaschine: Sex. 😉 )

Ich könnte jetzt  einen Exkurs über das interessante Frauenbild in diesem Song einschieben: Ein “Girl” braucht also einen “Mann”, um zur Frau zu werden, soso. Wäre ein „boy“ nicht eher auf Augenhöhe, der sich gleichzeitig entwickelt? Nee, wir haben 1967 und müssen noch kurz auf den Summer of ’69 warten.

Mr. Diamond wendet sich an sein ihm recht zugewandtes, größtenteils weibliches Publikum. Das 50 Jahre später immer noch enthusiasmiert reagiert, wenn er live dieses Lied anstimmt. Also: emanzipatorische Fragestellungen geschenkt, hier will frau wohl Anleitung durch diesen speziellen “Mann”!

Aber tatsächlich geht es in diesem Song um die Haltung des Mädchens. Neil auf der einen und „they“ auf der anderen Seite und er fasst zusammen „It’s up to you“. Tja, wie wird sie sich entscheiden? Abhängiges Girl oder selbstbestimmte woman?

Neils Zuhörerinnen, unabhängig vom Alter, dürften sich jedenfalls sehr angesprochen fühlen, auf allen Leveln. Denn dieser Song spielt natürlich ein wenig mit den Erzählebenen. Die Story vom Erwachsenwerden kennt jeder, aber hier singt Neil Diamond, der Ende der 60er schon einige Bühnenerfahrung und ein düsteres Image hat. Diesen Song für eine Menge schwer pubertierender Jung-„Frauen“ darzubringen, dürfte eine ganz ordentliche Publikumsreaktion provoziert haben. “Solitary Man” revisited…

So setzt er ihn bis heute in seinen Shows ein, mit erstaunlich wenig ironischer und sonstiger Distanz. Stichwort: „The kiss“. Ts, ts, ts, das geht wohl wirklich nur durch, wenn man Neil Diamond ist. 😉

 

Gitchy Goomy

Oh, dieser Blödsinn hat durchaus Sinn „gitchy goomy“ ist zwar Jesses Kleinkind-Sprache, aber wir wissen, wo das herkommt.

In dem Song hebt Neil seinen Sohn auf den Schoß und „gitchy-goo“ ist ein Koseausdruck. Einmal für Babysprache aller Art. Und wenn man sich streckt (oder hochgehoben wird) und das Shirt hochrutscht, wird ein Stück Bauch sichtbar, das zum Kitzeln einlädt, was Mama oder Papa im Regelfall sofort machen…Dieser Vorgang heißt umgangssprachlich mancherorts „gitchy-goo“, anderswo „coochy-coo“ (bloß nicht zu verwechseln mit „hoochie-coo“…! Letzteres ist ein, hm, animierender Bauchtanz ).

So, jetzt können wir Vermutungen anstellen – hat Jesse vielleicht gebeten „gitchy-goo me“? Weiß man alles nicht, aber…liegt nahe. Und was Neil seinem baby boy beim Hoppe-Reiter erzählt, birgt doch ein bis drei Lebensweisheiten…

Glory Road

Mit dem nächsten Song rücken wir wieder ganz nah an Mr. Diamond heran. „Späte Frühphase“ und eins seiner grandios-authentischen Stücke.

Die innere Unruhe ist Teil von Neil, und hier hat er einen Song dazu geschrieben. Er ist ein Getriebener und sein Weg ist die „Glory Road“, die Straße zum Ruhm. Und die ist recht unbequem.

So zieht er seine Stiefel an („high boots“ ), seine nötigen Habseligkeiten passen in einen „sack“, und zurückblicken mag er nicht auf der Suche „nach etwas, von dem ich weiß, dass es nicht hier hier ist, wo ich mich gerade befinde“. Er schaut nach vorne, in die Zukunft.

Weiter, immer weiter zieht es ihn und er fährt „per Anhalter“ und „schlägt sich mit Schnorren durch“. Wie stark muss sein inneres Sehnen sein, um so ein Leben in Kauf zu nehmen?

Friend, have you seen Glory Road
Say, friend, I got a heavy load,
And I know Glory Road’s waiting for me

Ja, seine Last ist schwer, aber er ist von der Richtigkeit seines Wegs überzeugt. Und davon, dass die Glory Road genau auf ihn wartet. Determination.

Seine Straße zum Ruhm ist laut der nächsten Strophe erstmal eine ausgedehnte USA-Rundreise. „Down from Seattle through to L.A.” deckt quasi die komplette Westküste ab, aber ihm liegt gar nichts an der kalifornischen Kurz-Karriere. „Seems like those folks / Go chasin’ a new star every day / Ain’t Gonna Stay”. Er will mehr, nimmt also Kurs auf’s Landesinnere: Nevada, Wyoming… bis nach Colorado und trifft “so many others“, denen es genauso geht, Suchende, Strebende.

Neil Erwähnt Louisiana und NYC und macht damit die USA-Tour fast komplett, er versucht es überall. Provinz und Metropolen. Die „anderen“ fragen ihn „have you seen Glory Road“, und ja, das hat er tatsächlich:

Rest my load,
Now I know Glory Road won’t set me free

Der Weg ist das Ziel.
Seine Glory Road hat keinen fixen Endpunkt, sie ist nicht der Weg “zum” Ruhm. Es ist vielleicht eher eine „Ruhmesstraße“, er will nicht ankommen, sondern immer weiter gehen. Glory Road und seine Sehnsucht werden ihn niemals „frei“lassen, und das ist auch gut so

Wir bleiben eng bei Neil und hören ein weiteres Highlight von „Sweet Caroline“-Album.

Guitar Heaven

Auch das nächste Lied auf dem Bestellzettel ist von „On the Way To the Sky“. Neil arbeitet auch auf diesem Album mit sehr üppigen Arrangements…Das gehört zwar zu seinen Markenzeichen, bekommt aber nicht jedem Song.

Dies ist zwar die „Linguistics“-Rubrik, die sich in erster Linie mit Songtexten befasst, aber letztendlich besteht ein Lied aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen. Aber starten wir mal. Mit dem Text! 😉

 

Neil malt uns zum Einstieg ein Bild, “Hey kleiner Junge, Du sitzt einfach auf Deiner Veranda herum / Zupfst auf Deiner Gitarre / Wünschtest, Du wärst weit weg“. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden will wohl jeder der schnöden Realität irgendwie entfliehen. Man sucht sich seinen eigenen, kleinen Bereich – und dieser Junge ist nun eben versunken in sein Gitarrespiel, es gibt gerade nur ihn und sein Instrument.

 

Die Szene löst etwas aus in Mr. Diamond („A dream I see in your eyes / I hear it in the songs you play“), und er schafft eine Verbindung zu seinem eigenen Erleben, gibt quasi väterlichen Rat. „Spiel es so, wie Du fühlst“, singt er, „wie ein Gebet, das von Herzen kommt / Gib alles, was Du von Herzen geben kannst“. Wenn er so spielte, diese verzückten Klänge hörte, so meint Neil, dann fände er sich direkt im „Guitar Heaven“‘ wieder, im Gitarrenhimmel.

 

Ohne, dass es dabei Worten bedürfte, kann man dort seine Sorgen vergessen, man „fühlt jeden Klang“, „vergisst seine Sorgen“ und will „die ganze Nacht bleiben“. Das kann natürlich jeder Musikfan nachvollziehen, der in seinen Lieblingsklängen schwelgen kann und davon erfüllt wird, egal wie stressig der Alltag gerade ist. „The way you play that song / Makes me want to smile“.

 

Soweit der Text, der eigentlich ganz hübsch ist. Und auch die schlagereske Feelgood-Country-Schlagermelodie ist recht mitreißend, sehr nett. Aber irgendwie passt das für mich insgesamt nicht richtig…Der suchende Junge auf der Veranda mit seiner Gitarre beschwört eigentlich einen anderen „Himmel“ mit subtileren, intimeren, echten Gitarrenklängen. Stattdessen dominieren immer wieder penetrant die Streicher, was ja an sich nicht schlecht ist, aber was machen die im „Guitar Heaven“? Neil hat mit „And the Singer Sings His Song“ bewiesen, wie bezaubernd er die Magie von Kindheitserfahrungen umsetzen kann. Schade, dass das hier nicht gelungen ist, der Song hätte vermutlich einiges Potenzial gehabt mit seinem direkten Bezug zu NDs eigener Biographie.