Fire On the Tracks

Good morning. Heute also endlich wieder ein Diamond-Text, und wir bearbeiten weiterhin „Primitive“. Ein glückloses Album, wobei das m.E. nicht sein schlechtestes war.

“Feuer auf den Schienen”, um dieses Bild und seine Ausgestaltung kreist der sehr eingängige Song. Trotz der dramatischen Szenerie klingt Neil im Refrain fast heiter, aber das passt soweit zum Inhalt.
Es geht also um das Bild eines Zugs, der unaufhaltsam auf ein Feuer zurast.

There’s a fire on the tracks
And the train’s movin‘ closer each day
To that fire on the tracks
Hey, don’t nobody get in the way

Es droht Gefahr und Neil ist unmittelbar involviert (“And it’s you on the train”), ohne eingreifen zu können: „Feel it coming right now / Want to stop it, but how”. Er ist geradewegs auf dem Weg in ein schmerzhaftes Desaster. Der Zug kann den Schienenweg nicht verlassen und wird vom zerstörenden Brand erfasst werden; großer Schaden ist vorprogrammiert und die Fahrt an dieser Stelle zuende.

Und wir können sehr stark davon ausgehen, dass er nicht wirklich Eisenbahn fährt, sondern mal wieder über die Irrungen und Wirrungen des Lebens, der Liebe singt.

„There’s a movie somewhere / In the chaotic paths of our lives“. Gibt es ein Drehbuch für die unabsehbaren Wege des Schicksals? Figuren, deren Handlungen voraussehbar sind? Neil sieht hier einen Lebens-„Film“ ablaufen. (Das entspricht dem Bild – ein Film hat festgelegte Handlungsabläufe, genauso wie ein Zug einen festgelegten Schienenweg hat.) Als distanzierter Zuschauer durchschaut man die absehbare Story und das drohende, katastrophale Ende; als unmittelbar Beteiligter lässt er hier hilflos die Dinge weiter laufen.

In der nächsten Strophe fügt er dann noch eine abgeschmackte Note hinzu, vom eher glamourösen „Film“-Begriff geht er zu billigen Romanheftchen über: „It’s the story of everyday lies / Like some paperback dream“, hier geht es also um verlogenen Träume rund um die große Liebe. So wie die Schundstories, die in billigen Romanheftchen abgedruckt werden. Dort finden aufrechte Menschen nach vielen Irrungen stets die wahre Liebe und Lebenssicherheit.

Krankenschwestern heiraten Ärzte, einsame junge Damen treffen den gutsituierten, verwitweten Familienvater mit goldenem Herzen. Oder gar einen edlen Grafen. Und sie leben glücklich und zufrieden, immerdar. Seufz.

First Time

Ok, nun aber mal Fenster aufreißen und lüften. Heute mal was Nettes. Wenden wir uns mal Neils aktuellem Werk zu und lassen uns ein wenig mitreißen. Kopf aus, Fußwippen und Fingerschnippen, einfach so.

Es gibt so viele „erste Male“ im Leben, schöne und weniger schöne, und die passenden Sprüche dazu. Augen zu und durch, Zauber des Anfangs, etc. pp. Neil nimmt uns mit in genau so eine aufregende Situation voller Adrenalin.

Uh. „First time, how do you feel?“ beginnt er, und der Song ist seine Antwort.

In der ersten Strophe geht es darum, bekanntes und sicheres Terrain zu verlassen, „you’re far from home“, und jeder Schritt führt weiter davon weg. Aber „it’s your time for making it happen / It’s your time, and it’s gonna happen your way. Das erste Mal mag sich etwas komisch und unwirklich anfühlen, aber seine Schritte sind sicher, es ist sein Weg und er will ihn gehen,  „Singing your song and making your plans“. Way to go.

In der zweiten Strophe geht es um das Erleben der unbekannten Situation, das Neue und Besondere zu realisieren, „Remember it still, forget the rest / It’s your time so live in the moment“, auch wenn man sich vielleicht etwas davor fürchtet.

Still remember the first word you wrote
And every single note that you’ve played!
Got a book and you learned it by road
Long time ago, remember that day?!
Big rhyme, so fine

Hier sind wir bei Neil Diamonds spezieller „first time“, die tatsächlich seinen Lebensweg bestimmt hat. Er hat seine Musik zur Priorität gemacht, gegen viele Widerstände (vielleicht auch seinen eigenen). Und so sind wir in der dritten Strophe angelangt, die nun allerlei Lebensweisheiten für uns bereithält. Das „erste Mal“ überrumpelt einen und konfrontiert unerwartet, aber genau das ist die Chance des Augenblicks. Das ist der Moment, um alles zu riskieren

No playing it safe, gotta jump off the ground
It’s your time, and good things will happen
But this time, you gotta put your heart on the game!

Das Gute ist, „But you’re not really out there alone“, und wenn man Unterstützung hat, nicht aufgibt und mit vollem Herzen dabei ist, wird das ausstrahlen. „Keep doing it, the words gonna spread“

Und so löst sich alle Anspannung in der letzten Strophe, wenn die glückselige Erfahrung alle Befürchtungen beiseitewischt. Und in Neils Fall konnten wir ihn tatsächlich wieder und wieder dabei beobachten .

You’re rocking for the very first time
You only want the feeling to last,
And every single day that you’re going out
Leaves all of your doubts, it’s all in the past!
This time, you shine
Your time, first time!

Shine like a diamond   Die einfache und ansprechende Melodie, der Rhythmus lässt einen immer wieder mitschwingen. Ein netter Song für den Weg in den Feierabend, einfach mal mitmachen. Your time.

 

Forgotten

Nach dem Statement folgt ein Hilferuf: Zurück zu HBD.

In diesem Song erfährt Neil nicht die erhoffte Erfüllung. Er liebt, („Oh, ich bemühe mich, direkt neben Dir“) aber es fehlt die Resonanz – und so betitelt er diese Erfahrung mit „vergessen“. So fühlt er sich.

„Du lässt mich draußen warten“, meint er, und es folgt eine interessante Begriffsauswahl. „Out in the back” ist ein Garten hinter dem Haus, und Neil zählt weitere Orte auf, an die er abgeschoben wird:

Under a stack
Stuck in a bin
You been keeping me in
High on a shelf all by myself

Wie ein Teil der Obst- oder Heuernte wurde er also “gepflückt” und gelagert. Stack, bin, shelf…alles Lagerorte, wo nützliche Materialien aufbewahrt werden. Wo ist da die Liebe, die Nähe, das Menschliche? Niemand möchte wie Stückgut herumgeschoben werden, wie es gerade passt. Und so resümiert er

Feeling like I’m doing my time
Under a sign
That reads forgotten

Als Ware hat er natürlich auch das entsprechende Label erhalten. „Vergessen“. Unbeachtet, ungeliebt, unnötig. Solche Ware verstaubt, verdirbt und wird irgendwann als unbrauchbar entsorgt. Ein beklemmendes Bild.
Aber Neil ist keinesfalls leblos, er ist ein Mensch und bevor es zu spät ist, schickt er „ein S.O.S.“. „Somebody save me“ ruft er, und weiß auch, wer für seine Lage verantwortlich ist: „You took me down to where I been lately“. Seine Bemühungen sind nicht angekommen, er weiß, dass es ihm besser ergehen sollte. Trotzdem sind seine Gefühle noch da, „Been thinking bout you everyday / Baby not just now and then”. Allerdings dämmert ihm, dass diese eher nicht erwidert werden.

I’m feeling like I’ve been used
You were gone before we got started
And I know it ain’t gonna make the news
You led me on then you departed

Der Arme, das hat er nicht verdient. Die heitere Melodie und der kraftvolle Rhythmus lassen hoffen, dass er, wie erhofft, „gerettet wird“, den Absprung schafft und das „Forgotten“-Schild bald Geschichte ist.

 

Free Life

Der folgende Song passt thematisch ins Schema. Wir springen in Neils hochambitionierte Phase.

Auch hier haben wir ein Lied, dessen Hauptaspekt auf schwingendem Rhythmus und Melodieführung liegt. Auch hier ist Lebensfreude das zentrale Thema, wobei es hier nicht um eine bestimmte Herzensdame geht, sondern um einfaches, unkompliziertes Ausleben eines spontanen Gefühls.

Das Album heißt „Tap Root Manuscript“, taproot ist eine Pfahlwurzel, die die jeweilige Pflanze hauptsächlich versorgt, besonders kräftig und von ihr gehen alle weiteren Wurzeln ab. Neil begibt sich musikalisch nämlich hin zu den Wurzeln der Menscheit, nach Afrika. In „Free Life“ finden wir zwei textliche Bezüge, einmal „Pick me a tune / Sing it like a black man“ und natürlich die „round, brown ladies“, mit denen er eine schöne Zeit verbringen möchte. Sinnlich-üppig statt urban, schlank und trendy…Sprachlich ist die häufige Verwendung von „ain’t“ auffällig, die u.a. charakteristisch für den afroamerikanischen Slang ist.

So sieht das „freie Leben“ im Song aus, mitreißende Musik und freie Liebe. Es wird nur das erwähnt, was er will, Negativierungen werden ausgelassen. „If she ain’t no belle, hell, it’s okay“ singt er, und „I ain’t no kid / Believin‘ in the bible“. Hier ist er frei von jeglicher gesellschaftlicher Restriktion, er “lässt ein Licht an” und schaut, wer und was da kommt. „We’ll just have us a time“, mehr braucht es nicht. Auch nicht an Text, „oh“, „mmm“ und „deedeedeedoo“ reichen, es geht um das Spüren, den Körper, nicht um den Kopf.

Und so reißt uns die Musik unwiderstehlich mit, noch Stunden später bleibt der Refrain im Ohr. Aww, free life. 😉
So, jetzt wird es mal wieder Zeit für die diamondsche Großgeste. Auf „Sweet Caroline“ hat er einige schöne Lovesongs versteckt, und dies ist einer davon.

Free Man In Paris

Und es folgt mal wieder ein Fremd-Text. Macht nüscht, kann man ja auch mal anhören.
Diesen Song hat Joni Mitchell geschrieben, Anfang der 70er, für ihren Agenten, mit dem sie eine enge Freundschaft verband. Oder noch verbindet? Ich bin nicht informiert.

Man urlaubte damals ein paar Tage in Paris, France, und ließ Seele und Gehirn baumeln. Das Business konnte warten. Und genau diese Stimmung spiegelt sich in diesem Lied, der Kontrast zum Alltag:
Zu Beginn werden wir in die Szenerie gesetzt. „If I had my way“, es geht um Wunschvorstellungen, und die drehen sich um die Champs Elysées, Cafés und Cabarets. Aha, wir sind tatsächlich in Paris. Und dort denkt Neil (hier hören wir ja seine Performance, seine „Stimme“) über seinen Alltag nach.

The way I see it, I just can’t win it
Everybody’s in it for their own game
You can’t please them all
There’s always somebody callin‘ you down

Wahre und weise Worte. Nein, man kann es nicht allen recht machen. Und schon gar nicht „gewinnen“. Es wird immer jemanden geben, dem die eigenen Handlungen missfallen und der sie negativ sieht. Was der eine als Erfolg wertet, findet ein anderer grauenvoll. Hier spricht Neil wohl als Erfolgsmensch „I do good business“, „a lot of people asking for my time”, viele wollen mit ihm “befreundet” und „a very good friend“ sein. Aber sein Tonfall ist eher melancholisch, er selbst scheint diese Tatsachen nicht als Jubelanlass zu nehmen. Im Gegenteil.

“In Paris war ich ein freier Mensch, ich war frei und lebendig / Da war niemand, der mich um Gefallen bat / Niemandes Zukunft, über die ich entscheiden musste“. Er scheint seinen Alltag, der doch grundsätzlich von Erfolg gekrönt scheint, als Fessel, als Belastung wahrzunehmen. (Die „Entscheidung“ über anderer Leutes Zukunft ist natürlich eine Referenz zur Agententätigkeit von Mitchell’s Freund.) „Weißt Du, ich würde morgen dorthin zurückgehen“ heißt es, aber da ist der Job, „Stoking the star maker machinery / Behind the popular song“, the show must go on, es gibt kein Entrinnen aus der Künstlerbranche. Auch wenn er resümiert „Lately I wonder what I do it for“.

Der Song schließt den Kreis, am Ende denkt er wieder über die Pariser Szenerie nach, seine Gedanken finden sich wieder auf der Champs Elysée. Dort, wo er fernab des Business frei sein kann – und vielleicht sogar einen wahren Freund finden könnte. „Thinkin‘ how I feel when I find that very good friend of mine“.

Eine melancholische Abrechnung mit Menschen und Tätigkeiten in der Branche. Paris gilt als Sinnbild einer Stadt der Liebe und der Künste, hier ein Symbol für Freiheit des Tuns und des Empfindens. Daheim kann man den beruflichen und privaten Anbiederungen nicht trauen.

Wer oder was entscheidet über Erfolg oder Scheitern? Sind die „guten Freunde“ wirklich welche? Der Songtext suggeriert, dass es sich wohl eher um Schmarotzer handelt. Paris verspricht in seiner Vorstellung dagegen die Loslösung von Alltagszwängen, Wahrhaftigkeit und Freiheit. Free Man in Paris.

Neil hat sich entschlossen, diesen Song zu covern und vielleicht verbindet er etwas mit diesem Inhalt.

Front Page Story

Der heutige Song ist zwar aus der 80er-Kollaboration mit Herrn Bacharach und Frau Bayer-Sager entstanden und trägt deren signifikante Handschrift, bleibt thematisch aber ein echter Diamond.

Das Lied heißt „Titelstory“. Und das ist (bzw. war früher) im Zeitungsbusiness das kaufentscheidende Argument. Vorne muss es krachen, den Leser aus dem Regal/dem Automaten/ der Hand des Zeitungsjungen ansprechen. Mal sehen, was Neils Geschichte bietet.

„Sie wacht auf / Sie geht fort / Sie strebt hinaus, so sicher / Dass sie das Leben finden kann, an das sie glaubt / Sie ist jetzt froh / Dass es vorbei ist / Sie hätte sich nie so eng binden lassen sollen / Das ist jedenfalls, was sie ihm gesagt hat“. Und eine Strophe weiter „Er überlegt / Was passiert ist / Er denkt an all die Dinge / Die er unternommen haben könnte / Warum sollte sie ihm nicht glauben“.

Ok, eine Trennungsgeschichte, und das noch nicht mal auf prominentem Niveau. Das hört sich nach geordnetem Rückzug an, die Nachbarschaft hat keine interessante Szene zu besichtigen, nichts zu berichten, alles läuft ruhig und fast alltäglich ab. Das soll eine front page story sein? Natürlich nicht.

And it ain’t a Front Page Story
Won’t even make the papers
Somebody breaks a heart in two
And it happens much too often
Won’t ever make the headlines
Somebody’s broken heart ain’t new
Except when it happens to you

Diese Story kommt nicht auf die Titelseite, geschweige denn in die Zeitung. Denn das ist leider häufiger Alltag, Herzen werden gebrochen, Beziehungen gehen zuende. Tja. So ist das Leben, nichts Neues – es sei denn, es passiert einem selbst. Für einen selbst ist der Schmerz dann allgegenwärtig und nimmt jeden Raum ein. Und es gibt keinen guten Rat; Geschichten wiederholen sich und sind doch jedesmal anders. Man muss seine Geschichte durchmachen, es passiert die ganz persönliche „Titelstory“.

Somebody’s broken heart ain’t news
Except when it happens to you

Sprachlich gibt es keine Auffälligkeiten (außer dem glättenden „ain’t“), wir stolpern nicht über interessante Konstruktionen, die Verse greifen ineinander. Aber das ist dann stimmig, wir hören ja eben nichts „Aufsehenerregendes“, keine Verzweiflung, keine aufrüttelnde Emotion, sondern ruhig-abgeklärte Erkenntnisse