Elijah’s Song

So, Messieursdames, jetzt ist auch mal wieder Zeit für etwas Kuscheligeres. Wer hat schon einen Opa, der einem die Schlaflieder selber schreibt? Elijah jedenfalls, Sprößling von Neils ältestem Sohn Jesse…Enkel, der rechtzeitig geboren wurde, um auf „Three Chord Opera“ einen eigenen Song zu bekommen. Nett!

Elijah hat es gut, es ist ein echtes Wiegenlied voll Warmherzigkeit. Er schläft schnell ein, ist sorgenfrei geborgen, so erzählt uns der Refrain. Und er wäre nicht Neils Enkel, wenn uns nicht einige ganz private Dinge mit in die Strophen gebettet würden.

Opa hat ein „rock and roll ditty“ für ihn. Das kommt „from the heart of the city“, direkt im Studio aufgenommen und geht „to a country lane far away“, wo Diamonds Jesse mit seiner damaligen Frau lebte. Und der Enkel schlummert selig, ob Beat oder Bass dröhnen, das müssen die Gene sein.

Die kommen nämlich vom „rock and roll daddy“ – klar, Jesse hat auch mal ins Business hineingeschnuppert und durfte sich z.B. beim Song „Everybody“ (Tennessee Moon) mit einbringen. Und von der „movie star mom“, die Sheryl Lee heißt und es in den 90ern durch Filme mit David Lynch zu einiger Berühmtheit brachte. Beide sind stolz und glücklich über den keinen Elijah und tun alles für ihn, verdeutlicht uns Neil per „smile/A mile across his face“ und „Gonna keep you safe from harm“. Und das reimt sich natürlich auf „safe and warm“, wichtige Schlaflied-Vokabeln.
Am Schluss kommt Neils Rolle selbst ins Spiel:

Little bitty child when you laugh
I smile
It’s a feelin‘ I won’t ever forget
Far from now
When you’re wanderin‘ ‚round
There’s a song that I left in your head

Sein Enkel zaubert ihm, dem Meister der Melancholie, ein Lächeln aufs Gesicht. Und er dankt es ihm mit diesem Song, der vielleicht die Kinderzeit überdauert, „Far from now/When you’re wanderin‘ round/There’s a song that I left in your head“. Die Musik bleibt, was für eine wertvolle, persönliche Erinnerung.

Dream, that’s what you do
Dream, ‚cause dreams come true
Someday when you’re big and strong
You’ll remember Elijah’s song

Der kleine Elijah ist tatsächlich heute quasi erwachsen. Das Lied ist geblieben; er erinnert sich ganz sicher!

Evermore

Von Lust und Liebe zurück zu bittersweet stuff:

Neil steht hier vor den Scherben einer Beziehung. „Für immer“. Der Songtitel ist gleichzeitig der „Refrain“ und leider erfahren wir im eigentlichen Text, dass es eben kein evermore geben wird. Wobei die Betonung auf der Tatsache liegt, dass „für immer“ fest geplant war.

„Sind wir soweit gekommen, um verloren zu gehen? Ich war schon verloren, aber nicht auf diese Weise. Du und ich, dachte, wir wären für immer‘“. Zu Beginn seziert er die Situation. Es geht nicht mehr weiter, wo es doch hehre Absichten gab. Wie konnte es soweit kommen? In den nächsten Abschnitten erfahren wir mehr: „Kenne ich Dich? Habe ich das je? Dachte, dass ich es tat, jetzt weiß ich es besser. Sah die Zeichen, aber nicht die Gefahr. Wie konntest Du zu einer Fremden an meiner Tür werden?“ Man hat sich schwer auseinandergelebt – oder war von Anfang an blind vor Liebe. Das „für immer“, was bleibt, ist schrecklich.

„Versprechen sind auf der Strecke geblieben, und die Gründe gingen zwischen den Zeilen verloren. Die unausgesprochenen Worte, die wir hätten sagen sollen. Wir wurden getäuscht und für immer gebrochen.“ Es gibt nichts mehr zu kitten, es ist vorbei, und Neil möchte immer noch verstehen, was da passiert ist, wie das sein kann. Den Anfang vom Ende hat wohl keiner kommen sehen.

„Haben wir alles gesagt? Gibt es mehr zu sagen? Dachte, wir hätten unsere Beiträge geleistet. Ist da noch etwas zu machen? Was wird aus Dir und mir, für immer? War es Liebe oder nur Illusion? Alles, was ich sehe, ist unsere Verwirrung. Es kam unerwartet über uns, hier sind wir und schauen auf die letzten Reste zurück.“ In der Rückschau stellt er sogar das, was war, in Frage. Hat er sich in seinen Gefühlen getäuscht? Der Song geht dem Ende zu, und wir hören, dass dem nicht so ist.

„Wenn Du in ein oder zwei Jahren an mich denkst, das Foto von uns beiden findest – was Du siehst, sollte für immer sein. Warum? Sag mir warum, ich weiß nicht, warum, oh, warum?” Ein fast verzweifelter Seufzer, obwohl er die getrennte Zukunft vor Augen hat, brennt die bittere Gegenwart doch in ihm.
„Wo ist die Wahrheit, die wir als selbstverständlich hingenommen haben? Verlassen ist nicht das, was wir geplant hatten. Sind es locker angegangen, aber beieinander geblieben. Dachten, wir hätten das Wahre, aber kannten den Stand nicht.“ Eigentlich klingt das nach guten Voraussetzungen. Neil verwendet hier die Vokabeln „play it loose“ und „score“ (Spielstand), die den Eindruck einer spielerisch-lockeren Atmosphäre vermitteln. Faire Regeln und trotzdem geht man nun auseinander.

Was ihn wirklich bewegt und das echt diamondsche „evermore“ macht das Ende aus und setzt den vorangegangenen Text in Relation: „Wenn es jetzt vorbei ist und Zeit zu gehen, gibt es etwas Ungesagtes. Dachte, dass Du das wissen wolltest. Ich liebe Dich immer noch, vermutlich werde ich das für immer tun.“ Und, final: „Ich liebe Dich immer noch, ja, das werde ich für immer tun.“

Es ist zu spät und da spricht er „ungesagtes“ aus. Die unausgesprochenen Worte, die man vielleicht längst hätte sagen sollen – ob das den „Spielstand“ verändert hätte?

Bittersweet stuff und ein weiteres Altersmeisterwerk. Ach, Neil.

Everything’s Gonna Be Fine

Ok, alles anschnallen. Wir gehen mal wieder zwei Jahrzehnte zurück und beschleunigen das Tempo. „The Best Years Of Our Lives“ war ein Album mit viel Potenzial, für meinen Geschmack mit zuviel Zeitgeist-Gedöns beim Sound, aber Geschmäcker sind ja verschieden. Klar ist, dass ab hier die Kurve wieder bergauf ging.

 

“Alles wird gut”. Der Titel ist ja schonmal großartig und für einen Neil Diamond fast schon ungewöhnlich positiv. Zumal er hier wirbt, um „babe“, die eine „heiße kleine Nummer‘“ ist, wie er uns zu Anfang verrät. (Uh, nicht sehr elegant, aber immerhin spricht hier ND. Der darf sowas wahrscheinlich äußern, ohne Augenrollen zu ernten.) „Waitin‘ out there on the line“ ist sie, und das könnte man so verstehen, dass sie auf seinen Anruf wartet. (Nummer. …) Oder aber, dass sie „auf dem Spiel steht“, und das ist wahrscheinlicher, denn im Folgenden versucht er, Babe davon zu überzeugen, dass eben alles gut wird, wenn sie sich auf ihn einläßt:

For you, babe, it’s a matter of love
And me, it’s a matter of time
For us babe, it’s a matter decided
Know that I made up my mind
I’m gonna love you, you’re gonna love me
And everything’s gonna be fine

Neil ist sich sicher, dass es funktionieren wird, für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, er sieht ihren Fall als klar. Sie muss sich wohl ihrer Gefühle noch sicher werden, während er ihre „Hitze“ spürt, „so heiß wie der 4. Juli“. (Ach, ich dachte, der 3. Juni war das Datum, hahaha….Scherz beiseite. Am 4. Juli wird natürlich das traditionelle Feuerwerk zum Independence Day gezündet, und Neils eigenes Gefühlsfeuerwerk steht dem Funkenregen wohl in nichts nach. )

Me, I know that your kisses are sweet
And there’s something between you and I
And oh, babe, I may look like I’m okay
I’m going out of my mind

Tja, der gute Mann ist mächtig verliebt. Hier kann er gerade noch an sich halten und seine Gefühle nicht allzu offenbar werden lassen. Noch. „Need a little romance now“ singt er, „And I got to show it“. Wobei Babe vielleicht ein wenig überrumpelt von diesen intensiven Bekundungen ist und eine „Geschwindigkeitsbegrenzung“ vorgibt:

Ooh, babe, you’re a sign on the freeway
Beggin‘ me please to slow down
But watch out babe,
I’m inclined to believe there’s no way
To turn it around.

Sein determinierter Elan wird sie mitreißen. Es gibt keine Fragen, kein „willst Du“, kein „vielleicht“, er formuliert eine „entschiedene Sache“, eine gesetzte Zukunft. Und da kann sie ihn ruhig bremsen, denn der genaue Zeitpunkt von „everything’s gonna be fine“ zählt gar nicht. Und so endet er mit

Ain’t gonna hurry, don’t gotta worry
Everything’s gonna be fine
Oh yeah

Oh yeah. Neil hat in diesem rasanten Song ein Hochgefühl eingefangen, das Versprechen eines Neuanfangs. Was gibt es Schöneres, als so beflügelt zu sein? Alles wird gut!