Deep In The Morning

Wo ist die Lechzfraktion? Dieser Song ist für Euch. Ja, es geht um Lust…aber es wäre kein echter “Neil”, wenn das Hauptthema nicht hehre Liebe wäre.

Yay, eine Bettszene! Aber im Ernst: Neil nutzt diesen lustvollen Moment, um uns von Liebe zu erzählen. Es ist keine Ballade, sondern ein uptempo-Song und er zeigt uns, wie er mit Energie, Leben, Liebe erfüllt wird.
“Deep In The Morning”, man konnte also ausschlafen, das scheint kein hektischer 9 to 5-Tag zu werden. Entspannung. Neil wacht auf und weiß “she gonna love me”. Seine Sprache ist sehr lässig, verkürzte Wortenden, Umgangssprache und die Beschreibung der Szene eher eine Skizze, es fallen nur Stichworte. Wir ergänzen in unserem Kopf das Bett, die Liebenden, die Küsse (“are warmin’”). Der Refrain besteht aus einem beschwingten “na na na na…”, und da dieser stets auf die Zeile “she gonna want me” folgt, wissen wir also, was er von ihren Plänen hält. Da geht was.

Aber immer langsam mit den jungen Pferden, denn in der nächsten Zeile spricht Neil über seinen Kopf, nicht seinen Körper: “And my head keeps sayin’ I need her”. So viel Vergnügen dieser Morgen bereitet, es ist Liebe, nicht nur Lust, was er empfindet. “Oh, good that she’s mine now”. Naja, das Körperliche ist wohl auch ein angenehmer Begleitfaktor.
Und die Dame scheint auch weiter die Initiative zu ergreifen: “I can see her / Long hair falling down her eyes”. Interessante Perspektive…!

Jedenfalls genießt er Ihre Liebe und wieder sieht er sich erst durch sie lebendig: “Didn’t she take me / Make me a right man / ‘Cause she wanna love me” – auf der körperlichen Ebene fühlt er sich bei ihr begehrt, gewollt und somit “als Mann”. Und “Didn’t she wake me / Take me out of the night, yeah”, auch seine Seele ist durch ihre Liebe berührt und erweckt worden. Na na na na

Neils Vortragsweise lässt uns jedenfalls nicht daran zweifeln, dass er sowohl den Morgen als auch das Leben mit seiner Liebe auf allen Ebenen genießt.

Desirée

Es ist Juni, und so wenden wir uns kurz einem Song zu, den Neil im Laufe des ersten Teils seiner Tour in der Setlist untergebracht hat. Leichte Kost für leichte Sommertage, es geht um eine Dame namens „Desirée“. Das ist Französisch, eine Sprache, die dem Ohr viel mehr Plaisir verschafft als das Englische, sie gilt als niedlich-erotisch und diese Assoziationen übertragen sich natürlich auch auf die Namensträgerin. „Die Gewünschte/Begehrte“ –so kann man den Namen übersetzen- passt da perfekt ins Bild, und Neil bedient in seinem Song auch die restlichen Klischees.

Wir hören keine sehnsuchtsvolle Ballade, sondern eine schlagereske uptempo-Nummer, quasi zum Mitklatschen, die gute Desirée weiß, was Sache ist. Sie ist „fast doppelt so alt“ wie Mr. Diamond,  trotzdem noch knackig wie ein„girl“ (nicht etwa eine „mama“, eine Vokabel, die für attraktive, ältere Frauen ansonsten gerne verwendet wird).
Desirée bleibt also auf Augenhöhe, sie begegnen sich als Mann und Frau, nicht als Cougar und Toyboy. Ihr Alter ist ebenso wie der „dritte Juni“ nur eine Randbemerkung, um ein komplettes Bild zu zeichnen. „The time was right, the night was long“, und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Neil sieht diese Entwicklung als natürlich und schicksalhaft, Desirée erscheint ihm „wie die Morgensonne“. Den Vergleich mit der Sonne haben wir bereits in anderen Songs gefunden, Licht, Wärme, Erkenntnis, Perspektive – Desirée schenkt ihm viel, stillt seine Bedürfnisse und so bleiben weder Zögerlichkeiten zu bedenken noch Fragen offen.

Deshalb muss er auch nicht überlegen, was genau an ihr so verführerisch wirkt. Es ist „the sweet passion sound of your loving song“, und da geht es weniger um Inhalte:

And it wasn’t so much
Her words as such
As the way they were sung
It was the way they were sung

Desirée ist, wie ihr Name uns verrät, die personifizierte Verführung, und der kann weder Mr. Diamond noch sonst jemand widerstehen. Auch wenn der weiß, dass die Ekstase nur auf „diese eine Nacht“ begrenzt ist, gibt er sich mit Freuden dem Vergnügen hin.

Dann kommt am Ende der Morgen des vierten Juni, die Dame ist auf und davon, “without one regret”, und natürlich hat sich die Erinnerung auf ewig eingebrannt, „she continues on / like the words of a song I could not forget“. Tja, ein Ohrwurm, auf allen Ebenen… perfekt funktionierender Schlager, der Form und Inhalt bestens abgestimmt präsentiert: die Freude an der Leidenschaft des Moments überlagert die Wehmut des implizierten Abschieds. Desirée, die Begehrte… ob sie sich wohl ebenso zurückerinnert?

Diamond Girls

Wir hüpfen mal einen kleinen Schritt back in time zum “You Don’t Bring Me Flowers”-Album. Hier ist es Neil mal wieder bitterernst, mit allem.

Neils Titel kann man auf verschiedene Weise übersetzen. Ein „diamond girl“ ist entweder DAS Mädchen. (Nämlich diejenige, die den Ring bekommt. Mit Diamant.) Oder eine Edelprostituierte.
Der Songtext macht uns deutlich, welche Bedeutung gemeint ist.
Das „diamond girl“ ist einsam und hat einen fatalen Weg eingeschlagen. „Gibt es irgendjemanden, der da ist / am Ende der Nacht?“ fragt er, und „ist es das wert, was Du mit Deiner Seele bezahlst?“. Ihr Schicksal scheint unausweichlich, „Diamond Girls aren’t made to grow old”. Schon am Ende der ersten Strophe schluckt man hart, was ist da los?

Small town child in the city of dreams
What it was baby, ain’t what it seemed
Staking her life on a traveling band
Spending that soul, yeah
On one night stands

Das Dorfkind ist in die “Stadt der Träume” gezogen. Aber die Seifenblase ist geplatzt, ihr Leben ist hohl: sie schlägt sich mit einer „traveling band“ durch und “vergeudet ihre Seele”. One night stands, ob Gigs oder Sexabenteuer, bekommen ihr nicht gut. Sie “schläft den ganzen Tag” und “spielt die ganze Nacht”, für ein Mädchen ein unnatürlicher, unsteter Rhythmus. Es fehlt ein festes Gefüge.

Die nächste Zeile ist sprachlich entsprechend trickreich. „Bring her on up, take her on down”.
“To bring someone on” kann entweder bedeuten, jemanden groß herauszubringen. Als Bühnenstar, z.B. Aber es kann auch bedeuten, jemanden „anzumachen“, zu erregen. Und „take someone on“ bedeutet normalerweise, jemanden beruflich einzustellen, anzuheuern. Oder sich einer Begegnung zu stellen. In dieser einen Zeile kann eine ganze Geschichte versteckt sein – wollte dieses Mädchen berühmt werden und ist dann auf Versprechungen hereingefallen? Sie wäre nicht die erste. (Die Vokabeln „up“ und „down“ verstärken dabei das unstete Bild, sie ist ein Spielball und erlebt wenig Stabilität.)

Es bleibt bis zum Ende ein trauriges Lied. Man hört ihr Lachen, es klingt einsam. Sie hat ihr Zuhause verlassen, vielleicht ist sie durchgebrannt, jedenfalls hat sie „einen Nachtflug genommen“, was sich nicht nach einer geplanten Reise anhört. „I’m hearing you call babe / In the sound of the rain“, singt Neil, sie braucht Hilfe. „Rain“ ist in vielen Songs die Metapher für schlechte Zeiten. In der nächsten Strophe geht es dann um bessere Zeiten, die letztendlich keine sind. „High Times“ ist eine „gute Phase“, ja.

Oder auch ein Zeitraum im Drogenrausch. Und der Ausdruck für „höchste Zeit“…

High Times
Make it your way, baby,
Any way you can
But I hear you calling
And I know you need me

Sein “diamond girl” wollte hoch hinaus und gibt ihr Leben für eine Scheinwelt, den Abklatsch eines Traums. Wird er sie retten können? Es besteht eine Verbindung zwischen ihnen, er „hört“ ihren Ruf, „weiß“, das sie ihn braucht. Ist, war sie sein „diamond girl“?

“Diamond girls aren’t made to grow old”, sie hat auf diesem Weg keine Chance. Neil wählt als Songtitel den dieser verallgemeinernden Zeile entnommenen Plural, „girls“ statt „girl“. Ein Drama wie dieses ist in L.A. wahrscheinlich auch Alltag.

ND bringt uns hier einen sprachlich dicht und geschickt aufgebauten Song, der auch auf der musikalischen Ebene unmittelbar anspricht. Daumen hoch. Leider nur Fans bekannt, wie so oft…

Don’t Go There

Heute beschäftigen wir uns mit einem Text, den er selber wohl vielleicht nicht so wirklich beherzigt hat in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens.

Die wörtliche Bedeutung des Titels, „geh da nicht hin“, passt auch ganz gut zum übertragenen Sinn. „Hör‘ bloß auf“, will man damit in einer Unterhaltung sagen und hier passt „mach‘ das bloß nicht“ wohl ganz gut als Übersetzung.
Tja, was wohl. 😉 Es geht mal wieder um die holde Weiblichkeit und –typisch für Neil Diamond- geht auch die Initiative von der Dame aus.

„Sie will jetzt ein wenig weitergehen“, eröffnet er seinen Song. Jaja, und was kann der arme Neil da nur machen? Ts, ts. Bloß nicht hinreißen lassen, denn „wenn Du sie einlässt, wird sie Dir alles nehmen und Dich bezahlen lassen.“

Sein Songtext besteht aus simplen, kumpelhaft ausgesprochenen und bilderreichen Warnungen, die Strophen schließen jeweils auf „don’t go there“, bloß nicht dem ewig lockenden Weibe nachgehen. Warum, wird schnell klar, denn die Versuchung wird hier als billiges Spielchen geschildert, das nur Ärger bringt. „Cheap perfume“,„love in the back of a limousine“ „in the heat of things“ – das klingt nicht nach wahrer Liebe, sondern schwitziger Triebbefriedigung. Allerdings: während die Dame verdächtigt wird, Spielchen zu treiben („play with what belongs to you“) ist der gute Neil mal wieder auf der Suche nach warmen, echten Gefühlen. „You’re lookin‘ for love and you think that you’ll find it soon / You’re looking to put it away in the bank and save it”.

Was kann man da machen? Neil empfiehlt sich selbst, mal in Ruhe nachzudenken, bevor man seinen Impulsen nachgibt. „Bevor Du schließlich entscheidest, was Du tust, hoffe ich, dass Du innehältst und mal das Szenario überblickst und wie es endet. Pass auf Dich auf und mach das bloß nicht.” Immer wieder rät er, den Verstand einzuschalten. “May be time to start thinkin’ again.”

Tatsächlich hält er es auch gar nicht für ausgeschlossen, dass die Sache gut ausgehen könnte – solange man nichts überstürzt. „Geh auf Nummer sicher und mach keine Versprechungen / Wenn sie die Spielregeln kennt, kann es vielleicht funktionieren / Aber, baby, nimm Dir Zeit und sei nicht unfreundlich / Aber bis die Sache klar ist…mach das bloß nicht“.

Man soll die Kontrolle nicht verlieren, denn „das Ding könnte einige merkwürdige Wendungen nehmen“ und „wenn Du einmal drin bist, kommst Du vielleicht nicht mehr raus“. Ein wenig Augenzwinkern ist bei seiner Botschaft schon dabei, wenn er nach solchen Tipps dann ziemlich perfide kichert. Jaja, “das hier ist nicht die Bibel und keine Moralpredigt“…aber insgesamt ist Neils Anliegen überdeutlich: Nicht das Gehirn ausschalten, so bedürftig der Körper sein mag. Man könnte es bereuen, wenn man an die Falsche gerät. „Life ain’t fair”.

Uh, was für eine altersweise Lektion von Mr. „Love“ Diamond…aber über sein Frauenbild müssen wir ggf. wohl nochmal sprechen

Done Too Soon

Dieser Song stammt aus Neils kreativster Phase. Viele, sehr viele Jahre, bevor Künstler wie Billy Joel bzw. Bands wie R.E.M. für ihr unkonventionelles Konzept gerühmt wurden, brachte Neil diesen ungewöhnlichen Text heraus.

Das Lied besteht aus drei Strophen, die nur  aneinandergereihte Namen enthalten; völlig unterschiedliche Persönlichkeiten quer durch die Jahrhunderte.

Am Ende folgt der Refrain, der alles zu einem Ganzen zusammenfügt: Alle erwähnten Personen haben auf dieser Erde gelebt, alle haben denselben Mond gesehen, und alle sind sie gestorben, Vergangenheit, ihr „Werk“ ist beendet. Wer wird erwähnt?

Jesus Christus – der muss nicht erläutert werden

Fanny Brice – Entertainerin (ihr bewegtes Leben hat Barbra Streisand uns in „Funny Girl“ und „Funny Lady“ nahegebracht). Sie war auf komische Auftritte mit den „Ziegfeld Follies“ abonniert und durfte nie ernste Rollen verkörpern. Auch im Privatleben fand sie kein Glück

Wolfie (Wolfgang Amadeus) Mozart – Komponist, vom Wunderkind zum Superstar mit luxuriösem Lebensstil aufgestiegen, sein Werk gehört mit zum Bedeutensten, was die Musik über die Jahrhunderte hervorgebracht hat. Um seinen frühen Tod ranken sich diverse Mythen

Humphrey Bogart – Schauspieler, die von ihm dargestellten, oft zynischen Außenseiterfiguren waren immer durch Moral und Ehre charakterisiert

Dschingis Khan – charismatischer mongolischer Herrscher über ein Weltreich

  1. G. Wells – Schriftsteller, vornehmlich Science-Fiction-Genre. Sein „Krieg der Welten“ in der Hörspielfassung von Orson Wells löste 1938 landesweite Panik aus, als man die fiktionale Handlung für eine Livereportage hielt

Ho Chi Minh – Vietnamesischer Revolutionär und Kommunist, der wie Che Guevara oder Mao zur Symbolfigur einer Befreiungsbewegung wurde

Gunga Din – Fiktionale Figur in einem gleichnamigen Gedicht, von Rudyard Kipling erschaffen. Er war ein heldenhafter indischer Wasserträger, der das Leben eines Britischen Soldaten rettete und selbst erschossen wurde.

Henry Luce – Gründer einflussreicher Zeitschriften wie „Time“ und „Life“

John Wilkes Booth – Mörder des US-Präsidenten Abraham Lincoln, zu seiner Zeit populärer Schauspieler und Südstaaten-Aktivist. Nach dem Attentat deklamierte er „sic semper tyrannis“, so soll es allen Tyrannen ergehen. Er wurde getötet, als er sich seiner Verhaftug widersetzte

Alexanders King and Graham Bell – Hier dachte ich jahrelang, dass Alexander der Große gemeint ist, mazedonischer Herrscher über ein Weltreich. Im Zusammenhang mit Alexander Graham Bell, dem Britischen „Erfinder“ (eher: erstem kommerziellen Vermarkter) des Telefons, ist es aber wahrscheinlicher, dass tatsächlich Alexander King gemeint ist, Wissenschaftler und Mitbegründer des Club of Rome

Ramakrishna – Hinduistischer Priester, der in seinen Schriften die Gleichheit der Religionen hervorhob

Mama Whistler – Anna McNeill Whistler wurde von ihrem Sohn James in einem berühmten Portrait verewigt („Whistler’s Mother“). Es gilt seit dem 19. Jahrhundert als Inbegriff der Darstellung von Liebe zu den Eltern bzw. familiärer Werte

Patrice Lumumba – kongolesischer Politiker, der zur Symbolfigur für den Kampf gegen Imperialismus und für Unabhängigkeit von den belgischen Kolonialherren wurde

Russ Colombo – Sänger und Komponist, der mit seinen Balladen in den 1930er Jahren Berühmtheit erlangte

Karl and Chico Marx – Zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten mit gleichem Nachnamen: Karl Marx, Vorreiter der Arbeiterbewegung, Ökonom und Philosoph. Chico war mit vier seiner Brüder Teil einer weltbekannten Komikertruppe.

Albert Camus – französischer Literat und Philosoph, der sich stets gegen alle autoritären Staatsformen aussprach

  1. A. (Edgar Allan) Poe – amerikanischer Poet und Schriftsteller, der vor allem für Kriminal- und Horrorliteratur bekannt wurde und als Mit-Wegbereiter der Modernen Literatur gilt

Henri Rousseau – französischer Maler, der dem Surrealismus den Weg ebnete und das Genre prägte

Sholom Aleichem – Künstlername des jiddischen Autors Solomon Rabinovich, der in Werken wie „Anatevka“ erstmals den Alltag osteuropäischer Juden portraitierte

Caryl Chessman – Verurteilter und nach zwölf Jahren letztendlich hingerichteter US-amerikanischer Vergewaltiger, der über eine Dekade seine Unschuld beteuerte, und dessen Fall in den 1950er Jahren eine Debatte um die rechtmäßigkeit der Todesstrafe auslöste

Alan Freed – DJ in den 50ern, der weiße und schwarze Künstler förderte, das erste Rockfestival organisierte (das wegen der Zuschauermassen kurzfristig aufgelöst werden musste) und dessen einflussreiche Karriere nach Auffliegen eines Bestechungsskandals endete

Buster Keaton – Starkomiker der Stummfilmära

So unterschiedlich die genannten Per-sonen und ihre Motive waren, so verbindet sie doch die Vergänglichkeit. Jeder von ihnen hätte seine Sache wohl gerne weiter verfolgt („And wept when it was all done“), aber das Ende kam und so sind diese Namen inzwischen alle Geschichte, jeder einzelne verbunden mit einem Kosmos von Informationen, Assoziationen, mit unzähligen Facetten, mit Biografien, die jeweils ganze Regale in Bibliotheken füllen können.

Done too soon, unsere Zeit ist begrenzt, egal ob große oder kleine Taten. Vereint in Sterblichkeit.

For being Done

 

Dry Your Eyes

Dem glanzvollen Schlussakt von „Beautiful Noise“, das uns als Konzeptalbum auf Neils Weg zur Popgröße begleitet. So endet es also für den „Stargazer“. Jahre mit Selbstzweifeln, verkaufter Liebe und verletzten Gefühlen liegen hinter ihm und gehen auf im Triumph der Bühnenerfahrung. Einmal tief luftholen 😉

Da ist er nun angekommen auf der ganz großen Bühne. Man sieht ihn trotzig die Augen wischen und mit festem Schritt seine Position einnehmen. Wir stehen im Publikum, der Nachmittag ist jung und Neils Tonfall ist feierlich-rezitierend, hier wird Wahrheit verkündet…und tatsächlich, schon in der ersten Strophe hat er erkannt „if you can’t recall the singer, you can still recall the tune“. Es ist die Musik, die bleibt, um ihn als Person geht es gar nicht so sehr und die Performance ist seine Bestimmung. „Dry your eyes and play it slowly, like you’re marching off to war / Sing it like you know he’d want it, like we sang it once before“. Es ist eine ernsthafte Aufgabe, die er da angeht, eine Rolle, die er ausfüllen will und muss.(Der Vergleich mit dem „in den Krieg ziehen“ ist sehr martialisch und zeigt, dass es hier nicht um ein lustiges Tralala und leichtes Vergnügen geht. Es ist ihm bitterer Ernst!)

„Aus dem Mittelpunkt des Kreises mitten in die wartende Menge“, er trägt sein Lied zu seinem Publikum und dort wird es bewahrt werden. Unabhängig von seinem Lebensweg, egal, ob man sich an seinen Namen erinnern wird. Trockne Deine Augen, denn das Lied wird überdauern, long and loud, sing it like you know he’d want it, auch wenn der Sänger längst Geschichte ist. Ja, trockne Deine Augen, was für eine Perspektive.
Wir hören ihm weiter zu und „er lehrte uns mehr über das Geben als wir je erfahren wollten / aber wir kamen, das Geheimnis zu ergründen und wir werden es nie loslassen“. Nein, das werden wir gewiss nicht nicht, denn auf der Bühne wird gerade die ultimative Erfahrung greifbar und wir sind Teil davon. „Es war mehr, als heilig zu sein, oh, es war weniger, als frei zu sein“ – Gefangener des Publikums, der direkten Reaktion so vieler Menschen, der Interaktion zwischen Bühne und Fans. Das ist quasi magisch, unvergesslich für alle Beteiligten und „if you can’t recall the reason, can you hear the people sing“. Er ist in ihren Herzen, hat sie erreicht und sie sind erfüllt von den Liedern und der Musik.

Etwas Großartiges findet statt und auch das Vokabular im letzten Refrain bedient sich jetzt an Großartigkeit, Naturgewalt und religiöser Symbolik: Durch Blitz und Donner zur dunklen Seite des Mondes…Bezieht er den „fallenden Engel“ als memento mori mit ein? Ah, die ganz große diamondsche Geste. Und hier ist der Song dazu.
Come dry your eyes, die Musik bleibt. Dauert allerdings meist ein wenig, wieder zu landen nach so einem Konzert. Ein Song für das letzte Salut.