Baby Let’s Drive

„Let’s Drive“ singt Neil, und alles in seinem Lied meint: Lass uns abhauen, nur weg hier. In fast jeder Zeile finden wir Hinweise darauf. „Get away a while“ und das „quick“. Und warum? „Sometime when your world is on fire / You got to pack your bags and then go“. Seine Welt „brennt“, es wird nicht viel Brauchbares zurückbleiben. „People around you just a little too slick“, mit solch aalglatten Typen muss man sich wirklich nicht umgeben. Dann lieber das Aschedesaster verlassen, und zwar mit „Baby“.

Von der glaubt er zu wissen „you don’t belong here“, „Seem just a little bit lost“ und „waitin‘ around here ain’t making no sense“. Nö, da hat er recht und nimmt die Sache mal in die Hand. Er will sie mitnehmen auf seine Flucht: „I’m gonna take you right out of the picture / Put you into a brand new scene“. Er „kann es nicht abwarten, hinter’s Steuer zu kommen“, denn das mit dem „drive“ meint er sehr konkret. Brrm.

„Open road is all we need“, meint er, und wenn er mit Baby durch die Nacht fahren will, dann um „die Welt und die Sorge zurückzulassen“. Vor ihnen liegt die Straße, alle Möglichkeiten sind offen. Vielleicht kann man sich gar den Mond holen, „Chase the moon“, ja, dieses Motiv haben wir doch von Mr. Diamond schon gehört, einfach mal das Unmögliche wagen.

Die Straße wird mit Eigeninitiative, Freiheit und Möglichkeiten charakterisiert. Das, was er zurücklässt, ist Passivität („warten“), Katastrophe („Feuer“) und menschliche Widerwärtigkeiten („Aalglätte“). Und er muss nicht alleine fahren, sondern hat mit „Baby“ sogar jemandem, der ihn begleitet und versteht.
Auf dieser Reise ist er sich seiner Sache sehr sicher, „it feels right“, tja, Gefühle kann er ja.

Everybody, let’s drive
Start up and get free
Drive, c’mon and drive
Yeah, baby, let’s drive

Dem ist erstmal nichts hinzuzufügen. Safe travels und viel Spaß, würde ich mal sagen

Back From Baltimore

So, Leute, wir machen mal weiter. Das Getrödel hier geht alles von unserer Zeit ab! 😉

Neil hat den heutigen Song, wie einige andere Stücke, für den Country-Pop-Artist Ronnie Dove geschrieben. (Label: Diamond ;-)…) Der Sage nach war es ein Schnellschuss, nachdem das eigentlich angedachte Werk „Red, Red Wine“ nicht in das Saubermann-Oeuvre des Mr. Dove passte. Und so klingt es auch, ein Klon der frühen Diamonds, aber es gibt schlimmeres! „Back from Baltimore“ erschien Ende der 60er auf einer der vielen B-Seiten von Ronnies Singles-Output.

„Back From Baltimore“ wendet sich hörbar an ein junges Publikum: tanzbarer Rhythmus, das übliche Background-Klatschen der 60er-ND-Stücke, und der Text belastet uns nicht allzusehr. Der simple Kreuzreim geht schnell ins Gehör und ebensoschnell wieder heraus, und am Ende jeder Strophe steht „Baby, where are you?“.

Es geht natürlich um die Liebe, hier wohl eher ein Verliebtsein: „Hey, see how she kissed me / Yeah, no reason for the girl to lie” – ein junger Mann ist verschossen und versichert sich erstmal selbst, dass seine Holde das auch ist, und zwar hoffentlich in ihn. „Sie sagt, sie wird mich vermissen“, also alles gut und er zieht lächelnd von dannen, um nach Baltimore zu reisen. Der Liedtext dreht sich nun um die Situation nach seiner Rückkehr, zwei Wochen ist er schon da und hat noch nichts von ihr gehört! Herzschmerz! Dieser Fact macht etwa drei Viertel der Lyrics aus:

But I’ve been back from Baltimore
For a week or two
I hurried back from Baltimore
Baby, where are you?
Where are you?

Da es sich um eine Uptempo-Nummer handelt und nicht um eine Ballade, fühlen wir nicht übermäßig mit. Im Kontrast dazu steht die sehr dramatische letzte Strophe, in der der Protagonist ankündigt, „vor Deinen Augen sterben“ , seine Kehle sei auch schon ganz trocken. Obwohl wir das ja selbst öfter mal mitgemacht haben, diesen allumfassenden Liebeskummer, schnipsen wir hier aber eher mit den Fingern und trällern „Where are you?“, dieser Song berührt nicht, er animiert eher zum Schwof im Beatschuppen. 😉

Ronnie Dove kam selbst aus Baltimore, so ist dieses Lied für ihn maßgefertigt. Ein netter Ohrwurm, aber ansonsten eher irrelevant.

Be

Der heutige Song heißt „Be“ und  ist als Teil des Soundtrack-Albums zu „Jonathan Livingston Seagull“ eigentlich kein „Lied“ im eigentlichen Sinne, sondern eher ein musikalisches Thema, das immer wieder aufgegriffen und variiert wird.

Lee Holdridge mit der musikalischen Umsetzung des Herzschlags als Lebensrhythmus und vor allem Neil Diamond, der in die knappen Worte dieses Stücks unfassbar viel Bedeutung gelegt hat, schaffen hier eine Verbindung von Jonathans Seele zu der des Hörers. Eine Aufforderung zur Identifikation mit der Möwe als Parabel auf ein Menschenleben, eine Anleitung zur Erfahrung vollkommener Erfüllung. Aber fangen wir von vorne an.

Richard Bachs Roman handelt von der Möwe Jonathan, die anders ist als der Schwarm. Die Artgenossen nutzen ihre Fähigkeiten nur, um das tägliche Überleben durch Fischfang zu sichern – Jonathan findet seinen Lebenssinn in der Flugkunst und möchte darin möglichst perfekt sein. Die anderen Möwen verstehen seine Leidenschaft nicht und grenzen ihn aus, was ihn aber selbst über den Tod hinaus nicht davon abhält, seinen Enthusiasmus und seine Einsichten weitergeben zu wollen.

 

Natürlich stehen die Möwen hier für die menschliche Gesellschaft, das Fliegen für das stetige Lernen und Streben nach dem Unbekannten. Bachs Vorlage liegen die Theorien des philosophischen Existenzialismus zugrunde, in denen die Existenz, also das „Sein“, der Essenz, dem „Haben“ von Materiellem vorausgeht. Neil knüpft mit seinem Text hier an: „Sei!“

In der ersten Strophe stellt er uns Jonathan vor, wie die Handlung ihn beschreibt. Alleine am Himmel („wie gemalt“) vor einer malerischen Szenerie, die Wolken „hung for the poet’s eye“. Nur die Augen der Künstler vermögen diese Schönheit wahrzunehmen, während sich die Normalmöwe wahrscheinlich gerade in einem unromantischen Hafenbecken um Fischabfälle zankt. Die höheren Sphären des Himmels vs. die schnöden Alltagsabläufe am Boden…Aber davon ist Jonathan weit entfernt:

 

There
On a distant shore
By the wings of dreams
Through an open door
You may know him
If you may

Hier wird die Verbindung zum Publikum hegestellt. Die Möwe ist zwar körperlich „an einer entfernten Küste“, aber dennoch erreichbar „by the wings of dreams / through an open door“ – wenn man es durch Geist und Seele vermag, wenn man auch jemand wie Jonathan ist, wird man ihn finden und erkennen. „If you may“. Und so geht die eher beschreibende Einleitung vollständig in ein spirituelles Manifest über, das die Kerngedanken der literarischen Vorlage und der filmischen Umsetzung kongenial in einem mitreißenden Refrain zusammenfasst.

Sei

Wie eine Seite, die sich nach Worten sehnt
Die von einem zeitlosen Thema künden
Indes die Sonne Gottes Dich führt

Sing

Wie ein Lied, das nach stummem Ausdruck sucht
Und der eine Gott wird Dich auf Deinem Weg führen

Hier kommt Gott hinzu, für den man sich öffnen und als dessen Werkzeug man sich verstehen soll. Neil wählt den Ausdruck „Sun God“, der sowohl die christliche als auch andere monotheistische Religionen („the one God“) betrifft und somit universelle Bedeutung beinhaltet.

Die menschliche Existenz ist hier Werkzeug einer höheren Macht, der Mensch Gefäß und Matritze, die Seele Raum der Wahrheit. Eine solche Existenz lässt einen die Schönheiten des „Seins“ erkennen und befähigt zu intensiven Verbindungen:

Und wir tanzen
Zu einer geflüsterten Stimme
Von der Seele mitangehört
Vom Herzen ausgeführt

Und Du wirst sie erkennen
Falls Du sie erkennen kannst

Das Leben ist nicht weiter unkoordiniert, es ist mit Sinn erfüllt. Ein „Tanz“ ist geordnete Bewegung im Austausch mit Mittänzern, anhand eines bestimmten Rhythmus, hier ist nichts zufällig. Der Rhythmus, von dem Neil singt, ist nur mit Anstrengung wahrnehmbar, „geflüstert“.

Ohnehin braucht man dafür nicht die Ohren als normales „Hör“-Sinnesorgan, den Tanz des Lebens erfühlt man mit Herz und Seele, und genauso erkennt man seine Mittänzer…Während andere, die diese Lebensmelodie nicht wahrnehmen können, wahrscheinlich verständnislos zusehen, für sie ist die geflüsterte Stimme nicht existent und der „Tanz“ als solcher nicht erkennbar, die verknüpfte Freude nicht nachvollziehbar.

Während der Sand

Zu Stein wurde
Der den Funken hervorbrachte
Der zum Lebenskorsett wurde

Heilig, heilig
Sanctus, sanctus

Es braucht einen individuellen zündenden „Funken“, der Lebenssinn bringt. Erfüllung, Mission. Jonathan lässt uns nachdenken – fliegen wir, um zu leben? Oder leben wir für das Fliegen? Sei ein Jonathan, nicht Teil des Schwarms.

Be“ begleitet uns als Melodie vielfach variiert durch den Film. Sie symbolisiert Jonathan und seine Mission, ein wunderschönes und sehr berührendes Stück.

Leider gefällt mir der Film (im Unterschied zur Novelle) weniger, ich empfinde ihn als extrem langatmig.  Der Soundtrack dazu ist hingegen kongenial geschrieben. Neil hat einen Grammy dafür bekommen, sehr verdient, finde ich – allerdings hätte Mr. Holdridge für seine Leistung sehr viel mehr credit erhalten müssen.

Meine Lieblingsversion der JLS-Suite gab es zur letzten Tour, ganz großartige, symbolhafe Einspielfilme und eine perfekte Einbindung in die Show, die wirklich hingerissen hat. 🙂 

Beautiful Noise

Und nun wird es wieder etwas greller, aber solange der Lärm „beautiful“ ist, geht es ja…

Über „Beautiful Noise“ wissen wir ganz viel, und dieser Song ist wohl tatsächlich eine „music of life“. Neils Tochter Marjorie war vom Zusammenspiel des Straßenlärms fasziniert, als die Familie in einem New Yorker Hotel bei geöffnetem Fenster beisammensaß. „Comin‘ up from the street“ war eine wilde Mischung aus Motorengeräuschen, Gehupe, Marschmusik einer Parade und was man sonst so in den Innenstädten der Metropolen an Klangteppich ins Ohr bekommt.

Für Kinderohren ist das ein „wunderschöner Lärm“, eigentlich ist es richtig schön, dass ein kleines Mädchen das so wahrnimmt. Erwachsene hätten wahrscheinlich irgendwann genervt das Fenster geschlossen und den wunderbaren Lärm ausgesperrt. (Übrigens heißt eine Coverversion von Karel Gott ganz passend „Ein besonderer Klang“… Da geht es aber dann nicht um NYC ). Vielleicht kennt auch jemand den Kunstfilm „Powaqqatsi“ (Nachfolger des Oeuvres „Koyyanisqatsi“)? Dort sieht man im Zeitraffer Aufnahmen aus dem Innenstadtverkehr, und ja, dort werden Neils Zeilen bildlich sichtbar

But there’s even romance
In the way that they dance
To the beat of the lights

Ich musste beim Gucken (zu Schulzeiten…) sehr an Neil und sein Album denken. Die Autos auf ihren „furious flights“ werden in dem Film aber leider von Philip Glass musikalisiert und das Werk kritisiert in seiner Gesamtaussage die Auswüchse der Zivilisation. Neils Song hingegen preist die Schönheit des eigentlich kakophonischen Zusammenspiels, denn es sind die Geräusche seiner Heimatstadt.  Und so sind die beschreibenden Begriffe alle positiv: Kids, park, romance, dance, joy, der wunderbare Lärm gibt ihm ein gutes Gefühl, er fühlt sich zugehörig und verbunden:

It’s a beautiful noise
It’s a sound that I love
And it fits me as well
As a hand in a glove
Yes it does, yes it does

Er „liebt“ diesen Klang, und „hand in glove“ ist eine Redensart, die eine sehr enge und lohnende Beziehung beschreibt. Und so erkennt er im „beautiful noise“ Strukturen, es ist so großartig wie eine „Symphonie“, es ist die „Musik des Lebens“ und er saugt sie auf.  In einer putzigen Früh-Version von Neils Lied, die man auf „In My Lifetime“ hören kann, singen die Mädchen mit „Daddy Diamond“ und den Großeltern und sind hörbar stolz, mitzuwirken.

What a beautiful noise
Comin‘ up to my room
And it’s beggin‘ for me
Just to give it a tune

Ja, das hat er wohl getan, und das ganz wunderbar. Die aktuelle Tour lässt uns ein recht dezentes Arrangement hören, das an historische Kirmeskarussells oder Drehorgelspiel erinnert. (In der Vergangenheit wurde oft kritisiert, dass BN zur „Kirmesmusik“ verkommt, aber im Grunde hat der grelle Klang den Stadtzirkus ganz gut abgebildet.) Im neuen Gewand bekommt „Beautiful Noise“ noch mehr Struktur, wirkt auch ein wenig fragiler, distanzierter. Ein Meisterwerk bleibt es.

Blue Highway

Bleiben wir bei Neils großartigem Countryalbum und nehmen uns für heute einen ebensolchen Song vor! Nachdem er in „Tennessee Moon“ sich nach einem überstürzten Ortswechsel endlich „angekommen“ fühlt, ist im Folgenden der Weg das Ziel.

Der Highway ist das, was wir hierzulande wohl als „Bundesstraße“ bezeichnen würden. Der Name hat nichts mit Schnelligkeit zu tun, sondern es handelt sich um ehemalige Hauptstraßen „von Ort zu Ort“, die schon in Vor-Auto-Zeiten besonders befestigt (…und in alten Zeiten „erhöht“, gegen Schlammbildung…) waren und heutzutage auch kleinere, und/oder ländliche Orte verbinden. Highways wurden früher im Standard-Kartenwerk mit blauen Linien gekennzeichnet – „Blue Highways“.

(Anm.: Übrigens gibt es ein interessantes Reisebuch mit eben diesemTitel. Nach Trennung von seiner Frau und Jobverlust ist der Autor mit dem schönen „indianischen“ Namen Least Heat Moon auf den Nebenstraßen der USA gereist, um verschiedenen Menschen und schließlich sich selbst zu begegnen. Ob Neil das auch gelesen hat?)

Moderner sind die „Interstate Highways“, kurz „Interstates“ genannt, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der zunehmenden Motorisierung nötig wurden. Sie verbinden die Metropolen, sind in etwa mit den hiesigen „Autobahnen“ vergleichbar, und für höhere Geschwindigkeiten vorgesehen.
Soweit zur Theorie der Straße.

In der Praxis zeigt uns Neil zwei gegensätzliche Konzepte: das, was er hinter sich lassen will, zum Einen. Nämlich die „big city“, „sorry town“, mit jeglicher „confusion“. In der großen Stadt hat er zwar Freunde und wohl auch „etwas Geld verdient“. Aber er betont „stayed too long“, „I’ve had it up to here with worry“ und er hat „für jeden Tag bezahlt“. Er muss weg, hält dieses Leben nicht mehr aus.
Gegenkonzept und Ziel ist die Straße, er sehnt sich nach „those country roads“ auf dem Weg südlich, nach Tennessee. Das kennen wir – dort hat Country (u.a.) seinen Ursprung, dort wähnt man Landidylle, alte Werte und Entschleunigung. (Und da wohnt offenbar auch eine Annie, die einen Besuch wert scheint…) Nicht zuletzt singt er „I need to see the sky“, und der ist dann hoffentlich blau wie der Highway im Songtitel.
Wichtig ist die Art und Weise, wie er sein bisheriges Leben verlässt. Den „blue highway“ will er nehmen und eben nicht die „interstate“, die all das verkörpert, was er verabscheut und nun hinter sich lassen möchte. „Rolling down“, „slow things down“, „ease on out of town“, er plant eine gemächlich-geschmeidige Reise „in no hurry“, weg von jeder Großstadthektik, die er vollends genießen will.

And every mile just makes me smile
‚Cause I’ve made my getaway

Ein wunderbarer Plan, aus vollem Herzen geschmiedet. Gute Reise, Neil. Der Song ist jedenfalls ebenso wunderbar und aus ebenso vollem Herzen vorgetragen. „You can find me on that blue highway.“

See you soon.

Both Sides Now

Heute betrachten wir eine von Neils kongenialen Coverversionen, hier Joni Mitchell. Dieser Song ist insbesondere in Neils Version so großartig, dass man hinterher erst wieder zu sich kommen muss.

„Beide Seiten, jetzt“ heißt das Lied, und es geht um verschiedene Perspektiven und deren Wahrnehmung. Der Text arbeitet sich dabei vom konkreten Begriff „Wolke“ (konkret, aber eigentlich nicht fassbar und außer Reichweite) zu den komplizierten Abstraktionen von „Liebe“ und „Leben“. Wolken kann man im wahrsten Sinne von „unten“ und „oben“ betrachten, die Liebe beim „Geben“ und „Nehmen“, „Gewinn“ oder „Verlust“ derselben – und die Sicht auf das Leben lässt sich tatsächlich mit all diesen Worten beschreiben.

Zu Beginn geht es also um Wolken. Aus kindlich-unbeschwerter Sicht sind es verheißungsvolle„Schlösser aus Eiscreme“ oder „Federschluchten“, leichte Traumgebilde der Fantasie, die am Himmel vorbeiziehen. „But now“ ist diese Sicht verloren. Wolken sind nur noch schlechtes Wetter, sie verhindern Sonnenschein, sie regnen, schneien „on everyone“. Sie blockieren, statt anzuregen: „So many things I would have done / But clouds got in my way”.

Dann geht es um Liebe. Die Zeile „Moons and Junes and Ferris Wheels“ fängt die romantisch verklärte Zeit des Verliebtseins ein, wenn man sich beschwingt und leicht trunken fühlt, “the dizzy dancing way you feel“, fast so als ob „alle Märchen wahr werden“. Fast. Denn auch diese Phase ist vorbei, „but now it’s just another show“. Statt großer Gefühle nur Fassade, nichts ist geblieben von der Liebe. Das Gegenüber bleibt ungerührt, wenn alles vorbei ist, und man selbst gibt sich gar nicht erst preis. „You leave ‚em laughing when you go / And if you care, don’t let them know”.

Und schließlich schaut man auf das Leben an sich. Es gibt Tränen, Ängste, stolze Momente und die Erhabenheit eines laut und geradeheraus ausgesprochenen “ich liebe Dich”. Träume, Pläne, was für ein Zirkus. Leben in all seinen Facetten, so ist das. Aber auch hier folgt unerbittlich ein “but now”: “but now old friends they’re acting strange / They shake their heads, they say I’ve changed”. Das Leben und seine Kapriolen beinflussen und verändern die Menschen, und so trennen sich manche Wege, wenn man sich auseinanderentwickelt. Freundschaften verwelken. Aber: „ something’s lost, but something’s gained / In living every day”. Mit der Veränderung, dem Verlust eröffnet sich Neues und Anderes. Wie heißt es so schön, eine Tür schließt sich und irgendwo öffnet sich ein Fenster.

I’ve looked at life from both sides now
From win and lose and still somehow
It’s life’s illusions I recall
I really don’t know life at all

Mit dem Leben ist es wie mit den Wolken und der Liebe. Man reift, man lernt verschiedene Sichtweisen kennen, ohne eine “Wahrheit” zu finden. Love’s illusions, life’s illusions, sie bleiben immer ein Mysterium. “I really don’t know life at all”, wahrscheinlich kann Neil das auch noch mit 90 glaubhaft vortragen. In der Jugend sieht man die Dinge oft positiv – Eiscremeschlösser, euphorische Juniabende mit der Geliebten, das Leben und all seine Möglichkeiten…und dann wird man älter und die bittere Realität bestimmt zunehmend das Bild. Und wie man Wolken, den Partner, das Leben wahrnimmt. Both sides now.

Eigentlich liegt doch auch ein wenig Süße in Mitchells Zeilen, nicht nur Bitterkeit. Denn wäre es nicht langweilig, „life’s illusions“ vollkommen zu durchschauen? Mir gefällt die Vorstellung eines ewigen Mysteriums, dass da immer noch Unbekanntes wartet, Erfahrungen, Lehren, Sehnsucht. „Something’s lost, but something’s gained / in living every day“, das ist doch eine grandiose Wahrheit. Was für ein Song.

 

Broad Old Woman (6 a.m. Insanity)

erschien als B-Seite von „Two-bit Manchild“

Broad old woman, huch, was für eine rüde Ansprache und das vom Zauberer der Worte Diamond. Das will wohl keine Frau hören, und deshalb hat er auch schnell einen Titelzusatz gewählt. Um sechs Uhr morgens schien es mit der Zurechnungsfähigkeit wohl tatsächlich nicht weit her, hahaha.

In grauer Vorzeit wurden Damen rustikal „broads“ genannt, weil ihre Hüften breiter als die männlichen sind. Allermeistens jedenfalls Und heutzutage ist das ein Wort, das man als wohlerzogender junger Mann niemals nie zu einer Dame sagt. Mir fällt gerade kein deutscher Vergleich ein, aber es ist beleidigend und abschätzig. Tusse, Ische.

Die Konstellation im Song bleibt unklar. Wer ist die Lady? Tonfall, Uhrzeit und die „mascara’d eyes“ könnten auf eine Prostituierte hinweisen, aber wir wissen es nicht.

In der ersten Strophe gibt der Vortragende nach der schockierend unhöflichen Anrede sich dann erstmal als Frauenversteher. Blickt in die geschminkten Augen und möchte in höflich-interessierter Manier die Geschichten hören, die die geschmähte Dame erzählen kann. Der zweite Part ist dann passend zum Titel indiskret und unverschämt. Der junge Sänger, der sich als unschuldiger „young boy“ vorstellt (und damit noch die Ungehörigkeit des Ausdrucks „broad old woman“ durch den Kontrast verstärkt),  will genaue Details zu ihren Männergeschichten hören und wissen, wer wen wie grob behandelt hat. Und teilt ihr dabei schon lapidar mit, er wisse ja, dass sie „Zeit habe“ dafür. Also doch eine Käufliche?

Tja. Jedenfalls Zeit für eine Ohrfeige, würde ich mal sagen Es sei denn, er hat sie tatsächlich bestellt.

Grammatikalisch ist hier die verkürzte Form „I’ll be listen'“ auffällig, die wohl dem Versmaß geschuldet ist. Das lasse ich hier mal durchgehen, Neil kann schlimmer.

Brooklyn on a Saturday Night

Tatsächlich hat dieser Song Elemente des traditionellen Moritatengesangs: gleichförmig aufgebaute Strophen, recht einfache Melodie, “Wahrheitsanspruch” (es passierte in Brooklyn an einem Samstagabend…) und vielleicht ein moralisches Fazit.

Manche kommen wegen des Tanzes und manche kommen wegen eines Streits, eröffnet Neil das Szenario. Klingt, wenn man das Klischee bemüht, nach Arbeiterkneipe. “So oder so, nutze Deine Chance”. In der nächsten Strophe lernen wir die Hauptfiguren kennen, die sich vor diesem Hintergrund begegnen: “when they met, it was right / fell right in with the beat”. Die beiden nehmen den Rhythmus des Abends auf und scheinen sich wohl anzuziehen. “Er hatte eigentlich nichts geplant, und sie war mit einem Mann dort / Aber als er sie sah, konnte er sie nicht ignorieren, das Ganze lief einfach aus dem Ruder”. Au weia, das Drama nimmt seinen Lauf.

Diese Strophe bietet erstmals eine Art “Cliffhanger”, sie endet nicht wie die bisherigen mit “Brooklyn on a Saturday night”, sondern mit “The whole thing just got out of hand”. Wir ahnen nichts Gutes. “Oh, she meant to be good / And oh, he tried to do right”, unser Pärchen bemüht sich nach Kräften, das Unheil abzuwenden, aber gegen Liebe ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. “Things got misunderstood”, der Showdown wartet.

“Er geriet schließlich in Streit mit dem Kerl, der sie dort hingebracht hatte / Sie geriet dazwischen, ein schwarfes Messer wurde gesichtet / Und sie endete mit dem Gesicht im Schmutz”. Die zweite Strophe mit abweichend schließender Zeile, Höhepunkt, Katastrophe und Finale. Tja, so kann es gehen in Brooklyn am Samstag. Tanz oder Streit, viel Glück.

Passend zur Genreverwandtschaft müssen wir hier nichts zwischen den Zeilen lesen. Wir hören die Geschichte auf der manifesten Ebene, und zwar ein schockierendes Ende dieser kurzen love (vielleicht auch eher “lust”) story, die an einem anderen Ort vielleicht eine Chance gehabt hätte. Oder gar nicht erst stattgefunden hätte. In Brooklyn on a Saturday night sitzen die Messer locker, ist die Stimmung aufgeheizt und der Übergang von dance zu fight sehr schnell möglich. Drama, Baby.

Brooklyn Roads

Ein Song als Rückblende, und die präsentiert uns Neil sehr klassisch. Das Jetzt wird ausgeblendet, „If I close my eyes“ und er lässt sich auf seine Erinnerung ein, mit allen Sinneseindrücken. Er „hört“ seine Mutter rufen, er „sieht“ sich mit seinem Bruder durchs Treppenhaus stürmen und er erinnert sich auch an die Gerüche, Küchendüfte und Gummistiefel im Flur.

Alles entspricht bis ins Detail seiner Lebensgeschichte, die Mutter ruft „Neil, go find your brother“, Papas Schnurrbart kitzelt und die Diamondsche Wohnung liegt „zwei Stockwerke über dem Metzger“.

Wir sind mittendrin, und erfahren viel. Die Diamonds wohnen in einer Mietskaserne, ja, eng und ohne Glanz, aber wir spüren die familiäre Wärme. Gemeinsames Familienessen, die Jungs freuen sich auf den Vater, der nach der Arbeit heimkommt. Und Neils „where’s it gone“ verrät ein wenig Wehmut beim Erinnern.

Und doch zeigt Neil, dass er nicht strahlend glücklich war in der kleinen Idylle. „And report cards I was always / Afraid to show“, die zum Lehrer zitierte Mutter wusste wohl genau, wo ihr leise weinender Sprößling mit seinen Gedanken war, „always somewhere else“. Der schnöde Schulunterricht, die kleinbürgerliche Realität auf den Straßen von Brooklyn hatten wenig Reiz für Neil.

I built me a castle
With dragons and kings
And I’d ride off with them
As I stood by my window
And looked out on those
Brooklyn Roads

Ein romantischer Träumer mit Gedanken weitab von Zeit und Raum. Er passte dort nicht hin, so geborgen er sich fühlte. Geborgen in der Familie, aber gedanklich, emotional in seiner eigenen Welt, und die hatte mit Brooklyn nichts gemein.

Und damit reißt er abrupt die Augen auf. Gegenwart, er hat seinen Weg gemacht, das Mietshaus ist lange Geschichte. Was wäre, wenn er zurückkehrte? Er würde auf fremde Gesichter treffen, auf all die Erinnerungen wie „Narben“, zwar durch liebevolle Erinnerung “geglättet”, aber deutlich spürbar. Und doch, “as my mind walks through those places / I’m wonderin‘ / What’s come of them”, Brooklyns Straßen werden ihn nie loslassen, dort ist er herangewachsen und sie haben ihn geprägt.

Und wer weiß, wen sie noch prägen werden. Wer lebt jetzt in dem alten Mietshaus? Vielleicht ein Junge, genau wie Neil damals, dem es genauso ergeht.

Does some other young boy
Come home to my room
Does he dream what I did
As he stands by my window
And looks out on those
Brooklyn Roads

Ein fast symbolhaftes Bild: aus dem Schutz des Kinderzimmers blickt er hinaus, aber er „sieht“ nicht, sondern „träumt“. Der Blick geht über die konkrete Wohngegend hinaus und gleichzeitig nach innen, zu den „Schlössern, Drachen und Königen“ seiner Fantasie.

Brooklyns Straßen haben Neil zu dem gemacht, was er heute ist, aber sie boten ihm keinen Raum für ein „normales“ Leben. Sie stehen für familiäre Geborgenheit und gleichzeitig für eine Welt, aus der er sich weggeträumt hat und aus der er letztendlich entflohen ist. Aus der Realität des elterlichen Geschäfts in die „Traumwelt“ des Musikbusiness.
Dieser Song ist beeindruckend intim und wohl eins der Lieder, die ND ausmachen. Neil hat ihn für uns noch mehr angereichert, hat uns noch näher herangezogen, als er in den Shows alte Familienbilder dazu gezeigt hat. Warmherzig und wehmütig, unwiderstehlich.

Brother Love’s Traveling Salvation Show

Wir drehen am Rad der Zeit und landen wieder bei dem Album, das einmal „Sweet Caroline“ heißen wird. Der ursprünglich titelgebende Song ist besonders in vielerlei Hinsicht.

Die Hauptperson in diesem Lied ist hier jemand, den wir eindeutig nicht als “Neil himself” identifizieren. In den bis dahin veröffentlichten Songs ging es immer um Stimmen, die dazu einluden, sie als Neils eigene zu verstehen. Dieser hohe Identifikationsgrad mit seinem eigenen Erleben ist hier aufgehoben, wir werden in eine Geschichte hineingezogen.

ND hat öfters erzählt, dass er durch einen charismatischen Prediger, dessen „Show“ er in Mississippi gesehen hat, inspiriert wurde. Im Song nennt er ihn „Bruder Liebe“, es ist kein Reverend, kein Father, keine führende Autorität. Es ist einer von vielen in der Gemeinde der Christen, der zu seinen „Brüdern und Schwestern“ spricht, „Brother Love“ ist jemand auf Augenhöhe.

Im Lied nimmt Neil zwei Perspektiven ein: die des Zuschauers, der die Szenerie beschreibt und in der Mitte des Songs die von Brother Love selbst. Diese Performance, losgelöst und völlig von der Situation eingenommen, unterscheidet sich enorm von der sonstigen Inszenierung der Figur „Neil Diamond“.

Zunächst werden wir ins Bild gesetzt: Ein schwüler Augustabend in einem verschlissenen Zelt am Stadtrand, Gospelklänge. Und alle machen sich auf, um ihn zu sehen, Brother Love mit den kohlschwarzen Augen, den jeder kennt. Die Spannung steigt ins Unermessliche, und als man in der erwartungsvollen Stille sich beinahe „selber schwitzen hört“, betritt er die Bühne und legt los.

Starting soft and slow
Like a small earthquake
And when he lets go
Half the valley shakes

Der Song folgt dem Aufbau der Predigt – er beginnt subtil, um sich zu einem “Erdbeben” zu steigern. An dieser Stelle wechselt Neil in die Rolle des Brother Love und wendet sich mit einem grollenden “Brothers and sisters” an sein Publikum, das nun gleichzeitig ND und Brother Love hört: „God’s children all“. Ist das der Neil, der sich stets als schüchtern, zurückhaltend und unsicher beschreibt? Jedenfalls ist bei Live-Versionen des Songs davon nichts zu spüren, er geht vollständig aus sich heraus und ist vollkommener Performer. Der Predigttext variiert über die Jahre leicht und motiviert das Publikum in „Chaka!“-Manier. Man habe zwei „gute“ Hände, eine zum Geben und eine zum Nehmen und am Ende strecken sich alle aus in Richtung Bühne, „to the man up there“, der Erlösung predigt, „‘cause that’s what he’s there for“. Wahnsinn, man ringt nach Atem, der Song gönnt mit dem „Take my hand in yours“ Einschub eine kurze Erholung, bis der Refrain nochmals losbricht und im finalen „Amen“ gipfelt.

Und da ist die Welle über einen hinweggerollt, die Show ist vorbei und man bleibt noch ganz erfüllt von dem Sog des Erlebten zurück. Hallelujah.

Interessanterweise wird die erste Liedzeile zum Titel seines legendären Livealbums: „Hot August Night“, auf der Bühne des Greek Theaters wird Neil Diamond himself stehen, die Kritiker werden von „messianischen Auftritten“ schreiben…und seine hinzuströmenden Fans werden sich genauso mitreißen lassen wie die Teilnehmer an Brother Loves fahrender Erlösungsshow.

Vielleicht finden sie bei ihm ganz ähnliche Antworten, Inspiration, Erfüllung.