Play Me

Live kündigt Neil dieses Lied gerne mit „let me do a love song for you” an…und es ist tatsächlich einer der schönsten, die ich kenne.

Es geht um zwei Menschen, die sich ergänzen, füreinander geschaffen sind. Jemanden, der „Rettung“ und Inspiration für Neil bedeutet.
„Sie war der Morgen und ich war die Nacht“ stellt Neil vor. Licht und Wärme treffen auf Dunkelheit und Melancholie, das ist die Konstellation. Hier muss er nicht suchen, nicht werben, man muss sich nicht langsam annähern. Sie tritt direkt, unmittelbar und intim an ihn heran und in sein Leben „I one day woke up to find her lying beside my bed“ und er ist auch offen für sie, “come take me”.

Nichts erfahren wir über die Dame, wenig erfahren wir über ihn, einsam, sich nach jemand sehnend. Und ein wenig zweifelnd, ob er jetzt das richtige tut: „as though I’d done someone wrong somewhere“. Aber „I don’t know where, come lately“, nichts anderes zählt mehr, die Biographien sind unwichtig, er hat sein Gegenüber gefunden und möchte ihr nah sein.

„Du bist die Sonne, ich der Mond / Du bist die Worte, ich die Melodie / Spiel mich“.
Zwei Teile ergeben ein Ganzes, sind untrennbar miteinander verbunden. Sonne und Mond beherrschen den Himmel und die Gezeiten auf der Erde, Worte und Melodie verbinden sich harmonisch zu einem Lied. Allumfassend, Sphärenharmonie. (In der Mythologie gibt es die Auffassung, dass durch die Gestirne eine für Menschen unhörbare „Sphärenmusik“ entsteht…aber das führt hier zu weit.)

Neil vertauscht interessanterweise die kulturgeschichtlich festgelegten Geschlechterzuteilungen – die Sonne ist traditionell dem männlichen Geschlecht zugeordnet, der Mond weiblich – aber seine Konstellation macht das notwendig.

Denn er ist der Mond, der die Sonne benötigt, um zu „scheinen“. Ohne Sonnenstrahlen bleibt der Mond unsichtbar, dunkel. Er braucht seine Partnerin, sein Gegenüber und bittet „play me“, sie soll ihn zum klingen bringen und ihn lebendig machen.
Und das tut sie.

„Song she sang to me, song she brang to me“, sie erfüllt ihn. Die folgende, nonexistente Vergangenheitsform „brang“ (richtig wäre „brought“) ist hier ästhetischer als die korrekte, der Strophenstruktur geschuldet, und Neil ist nicht der einzige, der sich dieser dichterischen Freiheit bedient hat. Es sei ihm hier, mit diesem Gesamtergebnis, letztlich verziehen.

Sie wärmt ihm seine dunkle Nacht. Es gibt keine Zweifel über richtig und falsch mehr, „and what was right became me“, das „bekommt ihm“ und er erblüht. Ihre Präsenz erfüllt und („rhyme that sprang from me“) inspiriert ihn. Die Verbindung von Wort und Klang ergibt seinen Reim.
In der letzten Strophe sieht er diesen, seinen Weg als vorbestimmt, ihm wird die „Gnade“ der „Rettung“ gewährt. „I came to travel upon a road that was thorned and narrow“, er musste Schmerz erfahren, ohne Möglichkeit, auszuweichen. „Another place, an other grace would save me“. Wie er dem entfliehen konnte, versteht er nicht komplett, aber nimmt sein Geschick an. Sonne und Mond, Worte und Melodie, universelle Harmonie.
Neil sieht sich hier personifiziert in Melodie und Reim, im Song an sich. ND ist der Song und „play me“ seine existenzielle Bitte. Ganz groß 🙂