Love On the Rocks

Heute geht es um einen von Neils absoluten Brechern. Das Lied gehört zum Soundtrack von The Jazz Singer und wir können im Lauf der Story verfolgen, wie es reift.

„On the rocks“ ist eine Redewendung, die selten Gutes verheißt. Klar, ein guter Drink ist eine Assoziation, aber dieser wird „mit Eiswürfeln“ serviert. Und so liegt auch die titelgebende Liebe auf Eis. Andere Bedeutungen implizieren etwas, das droht, zu zerbrechen, kaputt zu gehen. Oder jemanden, der am Ende und „ganz unten“ ist. Neil erzählt hier eine traurige Geschichte vom Ende einer Liebe und teilt seine Gefühlswelt mit uns.

Der Song beginnt ziemlich niederschmetternd. Neils Liebe ist „on the rocks“, da ist nichts mehr, und ihm geht es dementsprechend schlecht: „Got nothin‘ to lose so you just sing the blues / All the time“. Er fühlt sich leer (denn „Herz“ und „Seele“ hat er hingegeben, ohne dabei selbst Halt zu finden), alleingelassen und aller Hoffnung beraubt.
„Yesterday’s gone“ erkennt er, „Now all I want is a smile“. Das Lächeln ist eine erkennbare Gefühlsregung, es signalisiert freundliche Zuwendung und, wenn es echt ist, Wärme und Offenheit. All das fehlt ihm. On the rocks, ein schrecklicher Zustand.

Im Verlauf nutzt Neil das Wetter bzw. entsprechende Bilder, um seine Situation zu beschreiben. Zunächst den „Sturm“:

First, they say they want you
How they really need you
Suddenly you find you’re out there
Walking in a storm

Was schön begann, hat sich zum Albtraum entwickelt. Am Anfang hat er sich gewollt und gebraucht gefühlt, um sich unvermittelt in Gefahr wiederzufinden. „Out there“, ungeschützt, den zerstörerischen Naturgewalten ausgeliefert. Ein Sturm ist unkontrollierbar und so gibt es nichts, was er zum Selbstschutz unternehmen kann. Außer…die Szenerie zu verlassen.

When they know they have you
Then they really have you
Nothing you can do or say
You’ve got to leave, just get away
We all know the song

Durch die Verwendung von „they“ bringt er Allgemeingültigkeit in seinen Text, den „wir alle kennen“. Es geht nicht nur um seine spezielle Geschichte, um diese eine Situation, sondern um wiederkehrende Abläufe. Und dazu gehört leider auch love on the rocks. Ain’t no surprise, meint er…So ist das Leben. Das Resultat seiner Erkenntnisse ist, dass er gehen muss. Denn niemand kann in der Kälte überleben, dann muss es eben so sein und eine Trennung ist unumgänglich.

You need what you need
You can say what you want
Not much you can do when the feeling is gone
May be blue skies above
But it’s cold when you love’s on the rocks

Und hier kam ein weiteres Wetter-phänomen in Spiel: der blaue Himmel bei Kälte. Ja, die Sonne scheint, sieht sehr schön aus, aber man friert. Die Fassade ist intakt, von außen wirkt alles perfekt und doch fehlt etwas. Wärme, Emotion. Liebe.

Tatsächlich hat dieser Song eine zentrale Rolle im Film: zum einen illustriert es die Entwicklung der Beziehung zwischen Yussel und seiner Frau. So wie sie auseinanderdriften, so nimmt der Song Form an. Er weist sogar die Verführungsversuche Rivkas ab, um aus dem Ehebett aufzustehen und stattdessen diesen Song zu schreiben. Im Verlauf spielt er ihn auch an seinem Arbeitsplatz in der Synagoge, nachdem er seine Pflicht (Bar-Mitzwah-Unterricht) hinter sich gebracht hat. Yussel ist wirklich on the rocks, weder seine Ehe noch sein Beruf erfüllen ihn und er muss gehen.

So wird er im Film von New York nach L.A. ziehen, dort letztendlich seine Träume verwirklichen und als Jess Robin erfolgreich sein, während Rivka andere Vorstellungen vom Leben und keine Ambitionen hat, die enge Lebenswelt einer Kantorenfamilie in Religiösität zu verlassen. (Am Ende ist das Paar dann tatsächlich getrennt und Jess hat in Molly jemand gefunden, der ihn versteht und unterstützt. Was aus Rivka wird, erfahren wir nicht.)

Darüber hinaus ist der Song Ursache und Anlass für das ursprüngliche Scheitern der Band, denn in L. A. werden die Freunde gefeuert, als Keith Lennox den Balladencharakter von „Love on the Rocks“ nicht erkennt, durch „mehr Bam Bam“ zerstört und folglich mit dem Ergebnis unzufrieden (und dabei auch noch beratungsresistent) ist.

Dieses Handlungselement wird in der Literaturwissenschaft „Peripetie“ genannt. Auch Spielfilme sind nach klassischem Muster des Dramas aufgebaut, und nach der Peripetie folgt die langsame Auflösung der Geschichte hin zum glücklichen Ende oder zur Katastrophe, je nachdem ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist. Für Jess und Band geht es nach dem Misserfolg steil bergauf, als Molly Karriere und Liebesleben des Protagonisten positiv beeinflusst. (Jess‘ Flucht ist demnach das retardierende Moment der Geschichte, der „letzte Spannungsmoment“, in dem man um den Helden bangt. Danach kommt dann das Happy End auf allen Ebenen )

‚Schön‘ und ‚traurig‘ sind oft miteinander verknüpft, und so ist auch diese Ballade ein Song, der einen nicht so leicht loslässt, wunderbar. Hoffen wir, dass er in der Setlist verbleibt, bis Neil bei uns landet!