Longfellow Serenade

Kommen wir heute mal zu einem Song, der die Dame wirklich feiert, auf allen Ebenen. Auch dieses Lied kommt beim ersten Hören eher einfach und fast poppig daher: LONGFELLOW SERENADE. Aber sehen wir mal genauer hin.

 
Wir bekommen die wichtigste Ansage direkt zu Beginn: Longfellow. Nichtamerikaner reagieren jetzt wahrscheinlich erst mal mit „hä?“ Aber Neils Landsleute wissen (hoffentlich) Bescheid…Henry W. Longfellow ist dort einer der beliebtesten Poeten. Seine Gedichte haben eingängige Rhythmen und schönen, fast musikalischen Klang. Ein echter „Volksdichter“, der auf verständliche Art und Weise seine Gedanken über Natur, Mythologie und auch Liebe weitergab und dem Genre „Romantik“ zugerechnet wird. Ok, passt!

Longfellow steht aber nicht nur durch seine Arbeit für romantische Themen. Die Liebe seines Lebens starb, nachdem ihr Kleid durch einen Unfall Feuer fing. Der Dichter versuchte, sie zu retten und zog sich dabei schwere Verbrennungen im Gesicht zu. Nach ihrem Tod war er in seiner Trauer lange unfähig, zu schreiben. Sein entstelltes Gesicht versuchte er zu verbergen, indem er Haare und Bart nicht mehr stutzte und somit ein zunehmend „wildes“ Erscheinungsbild bot. Seufz.

So, das ist der Anfang von Neils Song, alles in dem Wort „Longfellow“ transportiert. Grandioser Start, oder?
Und er plant eine „Longfellow Serenade“ – Serenade, Abendmusik unter freiem Himmel. Garniert mit Texten in Longfellowscher Tradition? Ok, das ist doch mal was for the ladies , klingt gut für mich.
Die Konstellation ist typisch Neil: seine „Lady“, die er überhöht positioniert, in dem er sich selber kleinmacht…Er hat nichts zu bieten außer Worte, seinen Song, seine Reime. Ein armer Poet. Tja, beide sind einsam und so kommt es wie es kommen muss, ein Kuss folgt und es bleibt nicht beim hehren Ziel und Minnesang…“Ride“ fordert er (hui), „then come“ und erst, nachdem die beiden Raum und Zeit vergessen haben und sich auf einer verschlafenen Waldwiese wiederfinden, singt er ihr das versprochene Ständchen. Und vernküpft dabei poetische Motive mit der weltlichen romantischen Liebe: die Dame ist „so tief wie ein Fluss“. Die Rheinländerin weiß, dass dies ein Symbol für das leidenschaftlich-bewegte Element ist, das die Romantiker so faszinierte. Und Neil greift ein weiteres Element auf, die Aufhebung von Grenzen. Traum und Wirklichkeit sollen verschwimmen und genau das passiert in diesem Song.
Sprachlich spannt ND den Bogen von der Vergangenheitsform („such were the plans I made“) über die Gegenwart („then come“) in die Zukunft („I will sing to you“). Interessanterweise findet die Gegenwart im Vokativ, der Aufforderungsform, statt. Aber lassen wir das allzu wissenschaftliche…

Die Grenze zwischen poetischer und realer Liebe ist aufgehoben, der Dichter webt ein Netz aus Reimen und fängt den Zauber einer Sommernacht mit allen Sinnen ein. Er liebt sie „mit Worten und mehr“. So soll es sein. Ahhh, ganz wunderbar, Neil! Volle Punktzahl Es wird deutlich, dass dieser Song weit entfernt von den o. a. Frühwerken ist. Das Album „Serenade“ markiert Neils Schaffenshöhepunkt und die kurze Zusammenfassung zu diesem Song, der noch nicht mal der komplexeste auf diesem Werk ist, zeigt, zu was ND fähig sein kann.
Melodie und Arrangement sind dabei ganz im Longellowschen Sinne ansprechend, massenkompatibel und eingängig. Was wiederum dazu führt, dass man beim oberflächlichen Konsum dieses Lied für simpel oder seicht halten könnte. No way