Holly Holy

Eigentlich ist es ja egal, welchen Text Neil mit diesem perfekten Arrangement zum Besten gibt… Von subtilen Gitarrenklängen, der Basslinie, zu einer furiosen Interaktion von Orchester und Gospelchor bis hin zum explosiven, ja, Höhepunkt mit Neils Stimme und Rhythmussektion ist „Holly, Holy“ einfach unwiderstehlich. Ob Live- oder Studioversion, diesem Sog können sich die Wenigsten entziehen.

Was geht da? Neil selbst sprach von einer „religiösen Erfahrung“ zwischen Mann und Frau. Wow, aber bevor man Schnappatmung bekommt, hört man doch noch eben den Kommentar seines damaligen Bassisten Randy Ceirly/Sterling. Der behauptet nämlich, Neil hätte sich köstlich amüsiert über die ergriffenen Reaktionen seines Publikums und angegeben, das Lied bedeute „nichts“ und er wolle doch mal sehen, was die Leute wohl daraus machen würden. Weia. Flerg

Ein Cover-Grafiker hat damals ganz tief in die Bedeutungskiste gegriffen und „Holly Holy“ mit Zeichnungen von Stechpalmenblättern garniert. Jaha, holly wird auch als Weihnachtsdekoration verwendet, aber wahrscheinlicher ist die beabsichtigte Verstärkung des Attributs „holy“ durch den ähnlich klingenden Frauennamen. Heilige Holly, machen wir uns also bereit für die kommende Erfahrung.

Wie die Musik, baut sich auch der Songtext langsam auf. Neil beginnt mit dem zentralen Thema, das die ersten beiden Verse quasi umrahmt. „Wo ich bin, was ich bin, woran ich glaube“, das klingt wie ein Gebet, ein Gospel, richtet sich aber nicht an Gott, sondern an seine Geliebte, „Holly holy“.

Es ist eine starke Aussage, etwas als „heilig“ und von besonderer Weihe zu bezeichnen und es sind ihre Augen, die er preist, nicht ihre Schönheit, sondern den ‚Spiegel der Seele‘. Die Begegnung mit ihr hat es in sich: „And she comes/And I run just like the wind will“, die Naturgewalt kommt ins Spiel. Und damit beginnt sich der Refrain aufzubauen. In fast ritueller Wiederholung fordert Neil „sing“, und zwar nicht irgendwas. Der „Song of Songs“ ist nichts geringeres als ein anderer Name für das „Hohelied Salomos“, Teil des Alten Testaments und Lobpreis der (sexuellen) Liebe. Doch Schnappatmung!

Damit steigert sich der Refrain weiter, jetzt wird die spirituelle Ebene explizit mit einbezogen. Neil schildert eine fast biblische Szene, die Sonne (in der Bibel oft synonym mit Gott) wird angerufen und geht auf, der Gelähmte geht nicht nur, er fliegt. Erhebend. So wie durch Jesu Wundertaten, so wird Neil hier berührt und geheilt an Geist und Körper, die „religiöse Erfahrung“ findet genau hier statt.

„And I fly“, das erste Plateau ist mit dieser Zeile erreicht, Zeit, einen weiteren Vers einzuschieben: es bleibt metaphysisch. „Take a lonely child“ ist Ausdruck der Suche der Seele nach Liebe und wird in der modernen Psychologie mit dem Begriff des „inneren Kindes“ verknüpft. Die Saat der Liebe, „let it be full with tomorrow“, sie soll aufgehen und blühen.

Ein weiteres Mal folgt der beschwörende Refrain, um mit „and I fly“ zum Höhepunkt zu kommen und dann fast zu verklingen. Hier endet der Song, der Kreis schließt sich musikalisch und textlich. „Holly holy dream“ ist die Wiederholung aus den Anfangsversen. Und am Ende wird ‚Liebe‘ dann in einer Reihe mit den Elementen der Natur genannt und durch „Holly holy“ verbunden. Sonne, Regen, Hege braucht die Saat zum Gedeihen. Holly holy sun, rain, love.

Sprachlich bemerkenswert sind die stark verkürzten Satzfragmente und das oft wiederholte, auffordernde „sing“ im Refrain. Kurze Worte, lang dehnbare Vokale und das zentrale, biblische Motiv „Call the sun in the dead of the night..“ machen den Text deshalb tatsächlich für einen Gospelsong geeignet. Der Verweis auf den „Song of Songs“ verbindet dabei den Begriff der spirituellen und religiösen mit dem der sexuellen Liebe und vervollständigt somit alle Facetten.
Was für ein Lied. Wie auch immer Neils Absichten gewesen sind, die Wirkung ist enorm.
Wer ist eigentlich Randy Ceirly?

P. S. tatsächlich muss man für das überwältigende musikalische Arrangement Lee Holdridge applaudieren, der Neils rudimentäre Melodiefragmente kongenial umsetzen konnte. Aber hier gehts ja um den Text