Desirée

Es ist Juni, und so wenden wir uns kurz einem Song zu, den Neil im Laufe des ersten Teils seiner Tour in der Setlist untergebracht hat. Leichte Kost für leichte Sommertage, es geht um eine Dame namens „Desirée“. Das ist Französisch, eine Sprache, die dem Ohr viel mehr Plaisir verschafft als das Englische, sie gilt als niedlich-erotisch und diese Assoziationen übertragen sich natürlich auch auf die Namensträgerin. „Die Gewünschte/Begehrte“ –so kann man den Namen übersetzen- passt da perfekt ins Bild, und Neil bedient in seinem Song auch die restlichen Klischees.

Wir hören keine sehnsuchtsvolle Ballade, sondern eine schlagereske uptempo-Nummer, quasi zum Mitklatschen, die gute Desirée weiß, was Sache ist. Sie ist „fast doppelt so alt“ wie Mr. Diamond,  trotzdem noch knackig wie ein„girl“ (nicht etwa eine „mama“, eine Vokabel, die für attraktive, ältere Frauen ansonsten gerne verwendet wird).
Desirée bleibt also auf Augenhöhe, sie begegnen sich als Mann und Frau, nicht als Cougar und Toyboy. Ihr Alter ist ebenso wie der „dritte Juni“ nur eine Randbemerkung, um ein komplettes Bild zu zeichnen. „The time was right, the night was long“, und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Neil sieht diese Entwicklung als natürlich und schicksalhaft, Desirée erscheint ihm „wie die Morgensonne“. Den Vergleich mit der Sonne haben wir bereits in anderen Songs gefunden, Licht, Wärme, Erkenntnis, Perspektive – Desirée schenkt ihm viel, stillt seine Bedürfnisse und so bleiben weder Zögerlichkeiten zu bedenken noch Fragen offen.

Deshalb muss er auch nicht überlegen, was genau an ihr so verführerisch wirkt. Es ist „the sweet passion sound of your loving song“, und da geht es weniger um Inhalte:

And it wasn’t so much
Her words as such
As the way they were sung
It was the way they were sung

Desirée ist, wie ihr Name uns verrät, die personifizierte Verführung, und der kann weder Mr. Diamond noch sonst jemand widerstehen. Auch wenn der weiß, dass die Ekstase nur auf „diese eine Nacht“ begrenzt ist, gibt er sich mit Freuden dem Vergnügen hin.

Dann kommt am Ende der Morgen des vierten Juni, die Dame ist auf und davon, “without one regret”, und natürlich hat sich die Erinnerung auf ewig eingebrannt, „she continues on / like the words of a song I could not forget“. Tja, ein Ohrwurm, auf allen Ebenen… perfekt funktionierender Schlager, der Form und Inhalt bestens abgestimmt präsentiert: die Freude an der Leidenschaft des Moments überlagert die Wehmut des implizierten Abschieds. Desirée, die Begehrte… ob sie sich wohl ebenso zurückerinnert?