Brother Love’s Traveling Salvation Show

Wir drehen am Rad der Zeit und landen wieder bei dem Album, das einmal „Sweet Caroline“ heißen wird. Der ursprünglich titelgebende Song ist besonders in vielerlei Hinsicht.

Die Hauptperson in diesem Lied ist hier jemand, den wir eindeutig nicht als “Neil himself” identifizieren. In den bis dahin veröffentlichten Songs ging es immer um Stimmen, die dazu einluden, sie als Neils eigene zu verstehen. Dieser hohe Identifikationsgrad mit seinem eigenen Erleben ist hier aufgehoben, wir werden in eine Geschichte hineingezogen.

ND hat öfters erzählt, dass er durch einen charismatischen Prediger, dessen „Show“ er in Mississippi gesehen hat, inspiriert wurde. Im Song nennt er ihn „Bruder Liebe“, es ist kein Reverend, kein Father, keine führende Autorität. Es ist einer von vielen in der Gemeinde der Christen, der zu seinen „Brüdern und Schwestern“ spricht, „Brother Love“ ist jemand auf Augenhöhe.

Im Lied nimmt Neil zwei Perspektiven ein: die des Zuschauers, der die Szenerie beschreibt und in der Mitte des Songs die von Brother Love selbst. Diese Performance, losgelöst und völlig von der Situation eingenommen, unterscheidet sich enorm von der sonstigen Inszenierung der Figur „Neil Diamond“.

Zunächst werden wir ins Bild gesetzt: Ein schwüler Augustabend in einem verschlissenen Zelt am Stadtrand, Gospelklänge. Und alle machen sich auf, um ihn zu sehen, Brother Love mit den kohlschwarzen Augen, den jeder kennt. Die Spannung steigt ins Unermessliche, und als man in der erwartungsvollen Stille sich beinahe „selber schwitzen hört“, betritt er die Bühne und legt los.

Starting soft and slow
Like a small earthquake
And when he lets go
Half the valley shakes

Der Song folgt dem Aufbau der Predigt – er beginnt subtil, um sich zu einem “Erdbeben” zu steigern. An dieser Stelle wechselt Neil in die Rolle des Brother Love und wendet sich mit einem grollenden “Brothers and sisters” an sein Publikum, das nun gleichzeitig ND und Brother Love hört: „God’s children all“. Ist das der Neil, der sich stets als schüchtern, zurückhaltend und unsicher beschreibt? Jedenfalls ist bei Live-Versionen des Songs davon nichts zu spüren, er geht vollständig aus sich heraus und ist vollkommener Performer. Der Predigttext variiert über die Jahre leicht und motiviert das Publikum in „Chaka!“-Manier. Man habe zwei „gute“ Hände, eine zum Geben und eine zum Nehmen und am Ende strecken sich alle aus in Richtung Bühne, „to the man up there“, der Erlösung predigt, „‘cause that’s what he’s there for“. Wahnsinn, man ringt nach Atem, der Song gönnt mit dem „Take my hand in yours“ Einschub eine kurze Erholung, bis der Refrain nochmals losbricht und im finalen „Amen“ gipfelt.

Und da ist die Welle über einen hinweggerollt, die Show ist vorbei und man bleibt noch ganz erfüllt von dem Sog des Erlebten zurück. Hallelujah.

Interessanterweise wird die erste Liedzeile zum Titel seines legendären Livealbums: „Hot August Night“, auf der Bühne des Greek Theaters wird Neil Diamond himself stehen, die Kritiker werden von „messianischen Auftritten“ schreiben…und seine hinzuströmenden Fans werden sich genauso mitreißen lassen wie die Teilnehmer an Brother Loves fahrender Erlösungsshow.

Vielleicht finden sie bei ihm ganz ähnliche Antworten, Inspiration, Erfüllung.