Both Sides Now

Heute betrachten wir eine von Neils kongenialen Coverversionen, hier Joni Mitchell. Dieser Song ist insbesondere in Neils Version so großartig, dass man hinterher erst wieder zu sich kommen muss.

„Beide Seiten, jetzt“ heißt das Lied, und es geht um verschiedene Perspektiven und deren Wahrnehmung. Der Text arbeitet sich dabei vom konkreten Begriff „Wolke“ (konkret, aber eigentlich nicht fassbar und außer Reichweite) zu den komplizierten Abstraktionen von „Liebe“ und „Leben“. Wolken kann man im wahrsten Sinne von „unten“ und „oben“ betrachten, die Liebe beim „Geben“ und „Nehmen“, „Gewinn“ oder „Verlust“ derselben – und die Sicht auf das Leben lässt sich tatsächlich mit all diesen Worten beschreiben.

Zu Beginn geht es also um Wolken. Aus kindlich-unbeschwerter Sicht sind es verheißungsvolle„Schlösser aus Eiscreme“ oder „Federschluchten“, leichte Traumgebilde der Fantasie, die am Himmel vorbeiziehen. „But now“ ist diese Sicht verloren. Wolken sind nur noch schlechtes Wetter, sie verhindern Sonnenschein, sie regnen, schneien „on everyone“. Sie blockieren, statt anzuregen: „So many things I would have done / But clouds got in my way”.

Dann geht es um Liebe. Die Zeile „Moons and Junes and Ferris Wheels“ fängt die romantisch verklärte Zeit des Verliebtseins ein, wenn man sich beschwingt und leicht trunken fühlt, “the dizzy dancing way you feel“, fast so als ob „alle Märchen wahr werden“. Fast. Denn auch diese Phase ist vorbei, „but now it’s just another show“. Statt großer Gefühle nur Fassade, nichts ist geblieben von der Liebe. Das Gegenüber bleibt ungerührt, wenn alles vorbei ist, und man selbst gibt sich gar nicht erst preis. „You leave ‚em laughing when you go / And if you care, don’t let them know”.

Und schließlich schaut man auf das Leben an sich. Es gibt Tränen, Ängste, stolze Momente und die Erhabenheit eines laut und geradeheraus ausgesprochenen “ich liebe Dich”. Träume, Pläne, was für ein Zirkus. Leben in all seinen Facetten, so ist das. Aber auch hier folgt unerbittlich ein “but now”: “but now old friends they’re acting strange / They shake their heads, they say I’ve changed”. Das Leben und seine Kapriolen beinflussen und verändern die Menschen, und so trennen sich manche Wege, wenn man sich auseinanderentwickelt. Freundschaften verwelken. Aber: „ something’s lost, but something’s gained / In living every day”. Mit der Veränderung, dem Verlust eröffnet sich Neues und Anderes. Wie heißt es so schön, eine Tür schließt sich und irgendwo öffnet sich ein Fenster.

I’ve looked at life from both sides now
From win and lose and still somehow
It’s life’s illusions I recall
I really don’t know life at all

Mit dem Leben ist es wie mit den Wolken und der Liebe. Man reift, man lernt verschiedene Sichtweisen kennen, ohne eine “Wahrheit” zu finden. Love’s illusions, life’s illusions, sie bleiben immer ein Mysterium. “I really don’t know life at all”, wahrscheinlich kann Neil das auch noch mit 90 glaubhaft vortragen. In der Jugend sieht man die Dinge oft positiv – Eiscremeschlösser, euphorische Juniabende mit der Geliebten, das Leben und all seine Möglichkeiten…und dann wird man älter und die bittere Realität bestimmt zunehmend das Bild. Und wie man Wolken, den Partner, das Leben wahrnimmt. Both sides now.

Eigentlich liegt doch auch ein wenig Süße in Mitchells Zeilen, nicht nur Bitterkeit. Denn wäre es nicht langweilig, „life’s illusions“ vollkommen zu durchschauen? Mir gefällt die Vorstellung eines ewigen Mysteriums, dass da immer noch Unbekanntes wartet, Erfahrungen, Lehren, Sehnsucht. „Something’s lost, but something’s gained / in living every day“, das ist doch eine grandiose Wahrheit. Was für ein Song.