Beautiful Noise

Und nun wird es wieder etwas greller, aber solange der Lärm „beautiful“ ist, geht es ja…

Über „Beautiful Noise“ wissen wir ganz viel, und dieser Song ist wohl tatsächlich eine „music of life“. Neils Tochter Marjorie war vom Zusammenspiel des Straßenlärms fasziniert, als die Familie in einem New Yorker Hotel bei geöffnetem Fenster beisammensaß. „Comin‘ up from the street“ war eine wilde Mischung aus Motorengeräuschen, Gehupe, Marschmusik einer Parade und was man sonst so in den Innenstädten der Metropolen an Klangteppich ins Ohr bekommt.

Für Kinderohren ist das ein „wunderschöner Lärm“, eigentlich ist es richtig schön, dass ein kleines Mädchen das so wahrnimmt. Erwachsene hätten wahrscheinlich irgendwann genervt das Fenster geschlossen und den wunderbaren Lärm ausgesperrt. (Übrigens heißt eine Coverversion von Karel Gott ganz passend „Ein besonderer Klang“… Da geht es aber dann nicht um NYC ). Vielleicht kennt auch jemand den Kunstfilm „Powaqqatsi“ (Nachfolger des Oeuvres „Koyyanisqatsi“)? Dort sieht man im Zeitraffer Aufnahmen aus dem Innenstadtverkehr, und ja, dort werden Neils Zeilen bildlich sichtbar

But there’s even romance
In the way that they dance
To the beat of the lights

Ich musste beim Gucken (zu Schulzeiten…) sehr an Neil und sein Album denken. Die Autos auf ihren „furious flights“ werden in dem Film aber leider von Philip Glass musikalisiert und das Werk kritisiert in seiner Gesamtaussage die Auswüchse der Zivilisation. Neils Song hingegen preist die Schönheit des eigentlich kakophonischen Zusammenspiels, denn es sind die Geräusche seiner Heimatstadt.  Und so sind die beschreibenden Begriffe alle positiv: Kids, park, romance, dance, joy, der wunderbare Lärm gibt ihm ein gutes Gefühl, er fühlt sich zugehörig und verbunden:

It’s a beautiful noise
It’s a sound that I love
And it fits me as well
As a hand in a glove
Yes it does, yes it does

Er „liebt“ diesen Klang, und „hand in glove“ ist eine Redensart, die eine sehr enge und lohnende Beziehung beschreibt. Und so erkennt er im „beautiful noise“ Strukturen, es ist so großartig wie eine „Symphonie“, es ist die „Musik des Lebens“ und er saugt sie auf.  In einer putzigen Früh-Version von Neils Lied, die man auf „In My Lifetime“ hören kann, singen die Mädchen mit „Daddy Diamond“ und den Großeltern und sind hörbar stolz, mitzuwirken.

What a beautiful noise
Comin‘ up to my room
And it’s beggin‘ for me
Just to give it a tune

Ja, das hat er wohl getan, und das ganz wunderbar. Die aktuelle Tour lässt uns ein recht dezentes Arrangement hören, das an historische Kirmeskarussells oder Drehorgelspiel erinnert. (In der Vergangenheit wurde oft kritisiert, dass BN zur „Kirmesmusik“ verkommt, aber im Grunde hat der grelle Klang den Stadtzirkus ganz gut abgebildet.) Im neuen Gewand bekommt „Beautiful Noise“ noch mehr Struktur, wirkt auch ein wenig fragiler, distanzierter. Ein Meisterwerk bleibt es.