And the Grass Won’t Pay No Mind

Heute heißt es tatsächlich mal wieder: anschnallen. Neil Diamond singt und es geht um Sex…hui! Aber, natürlich kennen wir seine Lieder alle und wissen, dass auch der Akt an sich bei Mr. Diamond stets hehr und erhaben ist. In seinen Songs geht es um die Verschmelzung zweier Seelen; der Liebesakt ist bei ihm immer ein Ausdruck der vollkommenen Vereinigung auf allen Ebenen. Während er in „Sleep With Me Tonight“ sehr direkt wird, ist „And the Grass Won’t Pay No Mind“ vergleichsweise subtil.

Das Verhüllte ist meist erotischer als nackte Offenbarungen, und so umreißt Neil für uns ein skizziertes Bild, das wir mit Kopfkino füllen und das somit zur perfekten Fantasie wird. Das fängt schon mit dem Titel an, „Und dem Gras ist es egal“. Sofort hört man hin, um was es denn da gehen mag, und ist grinsend fasziniert, wenn man begreift, dass es genau um die anzüglichen Gedanken geht, die einem als erstes durch den Kopf geschossen sind. Dann schauen wir uns einfach den Text mal an…

Neil kreiert in der ersten Strophe eine ruhige, entspannte Szenerie („the time will be our time“), man geht „barfuß“und ist daher offensichtlich fernab jeder urbanen Alltagsreglementierung. Man kann sich der Natur hingeben, Flussrauschen, Vogelgezwitscher, Gott ist wahrnehmbar präsent, „you can hear God calling“. Er gibt dem Bild mit diesem Hinweis spirituelle Tiefe und dem Geschehen höhere Weihen. Das kennen wir, ND hat seine Beziehung zu Marcia in Songs sehr oft überhöht und dignifiziert dargestellt, und auch dieses Lied passt in diese Reihe.

Die beiden kommen in der zweiten Strophe dann auch schnell zum Wesentlichen:

Come on to me, Your hair’s softly falling
On my face as in a dream

Geredet werden muss dabei nicht viel. Offensichtlich sind sie sehr miteinander vertraut und so haben ihre Zärtlichkeiten etwas Kommunikatives; sie erwidert seine Küsse (die er nicht eben als verlangend, sondern als ‚sanft‘ beschreibt. Allein die Vokabel „wet“ gibt dabei den Hinweis, dass er sie wahrscheinlich nicht auf die Stirn küsst) „mit ihren Händen“ und eins ergibt das andere:

My lips touch you, with their soft wet kisses
Your hands gentle in reply
And the time will be our time
And the grass won’t pay no mind

Mit dem physischen Plaisir wird Mr. Diamond auch philosophisch. „Touch my soul with your cries / And the music will know what we found” – da ist sie, die Facette der seelischen Vereinigung; und klar, bei ihm wird Liebe unmittelbar in Inspiration umgesetzt und so hat er einige seiner besten Werke in dieser Phase geschrieben.

Und auch in diesem doch sehr sinnlichen Stück finden wir wichtige Lebensweisheit:

I hear a hundred good-byes
But today I hear only one sound
The moment we’re living is now

Er ist sich voll bewusst, dass er das Glück des Moments nicht festhalten kann. Eines Tages wird alles enden. Aber er lebt den Moment und kostet ihn aus und darauf kommt es an. Now, now, now, now, now…

Und dann ist zumindest der Moment der Lust vorüber und die letzte Strophe beschreibt das Nachglühen. Die kühle Brise streicht über die erhitzten Körper, „sweat inside my palms“ und die Liebenden werden zum Bestandteil der göttlichen Schöpfung: „Young bird flying“, sie hören „the flowers growing“, sie schläft in seinem Arm. Ein friedlich erfülltes Bild der Zufriedenheit, dem Eins-sein, miteinander, mit der Natur, dem Leben.

No the grass won’t pay no mind, aber wir. Und Neil hat uns einen großartigen Lovesong geschenkt, sehr Diamond-typisch und ganz stark. Für mich gehört er mit zu den schönsten ND-Titeln überhaupt!